Krimis des Monats High sein, frei sein, Amok muss dabei sein

Ein jugendlicher Killer im Sommer von Woodstock: Jack Ketchum erzählt in "The Lost" die Geschichte eines Mörders auf der Suche nach dem nächsten Kick. Adrian Hyland präsentiert ein weibliches Pendant zu Vargas' Adamsberg. Linus Reichlin jongliert mit den Konventionen - die besten Krimis des Monats.

Woodstock 1969: Nicht schon wieder "Lassie"!
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Woodstock 1969: Nicht schon wieder "Lassie"!


Amoklauf im Jahr von Love and Peace: Jack Ketchums "The Lost"

Was erwartet man von einem Schriftsteller, der in seinem ersten Roman ein Kannibalenmassaker voyeuristisch ausschlachtete, der von Stephen King zum "furchterregendsten Mann der USA" ernannt wurde und den die "Village Voice" als "Gewaltpornographen" verdammte?

Man könnte Angst bekommen vor der Lektüre von Jack Ketchums "The Lost", zumal der Verlag auf dem Umschlag ein "Inferno aus Hass, Gewalt und Blut" ankündigt. Und dieses zweifelhafte Versprechen auch noch mit dem unvermeidlichen "nach einer wahren Begebenheit" garniert.

Doch wer jetzt ein Spektakel in der Tradition von Siebziger-Jahre-Exploitationfilmen wie "Last House On The Left" oder "I Spit On Your Grave" erwartet, dürfte schnell enttäuscht werden. Nach dem heftigen Doppelmord an zwei Teenagern, der das Buch eröffnet, nimmt sich Ketchum viel Zeit, bis es am Ende zur unausweichlichen Katastrophe kommt. Er unterläuft sämtliche Genre-Erwartungen und erzählt keine blutrünstige Rachorgie, sondern zeigt einfühlsam und präzise, wie dieses Verbrechen tiefe Wunden in den Seelen der Betroffenen hinterlassen hat.

Der Hauptteil des Romans spielt vier Jahre nach den Morden, 1969, dem Jahr, in dem die Hippiebewegung mit dem Festival in Woodstock ihren Höhepunkt fand. Aber auch dem Jahr, in dem die Manson-Massaker die dunkle Seite von "Love & Peace" markierten.

In der Kleinstadt Sparta im beschaulichen Lake District bekommt man von diesen Ereignissen nur wenig mit, hier versucht man immer noch so zu tun, als lebe man in einem Film von Frank Capra. Im Fernsehen laufen "Lassie" und "Bonanza", man geht seiner Arbeit nach, am Wochenende gibt es Burger und einen Western im Drive-In. Den Doppelmord, der diese Idylle vier Jahre zuvor in Frage gestellt hatte, haben die meisten verdrängt.

Dem jugendlichen Täter von damals konnte nichts nachgewiesen werden. Ray Pye ist so etwas wie eine groteske Version von James Dean, ein killer without a cause, unsicher, wütend, gewalttätig. Unbeeindruckt von seiner Tat, ohne eine Spur von Reue zu zeigen, lebt er sein Leben weiter, als ob nie etwas geschehen wäre, ständig auf der Jagd nach Bewunderung, Sex, dem nächsten Kick. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er wieder mordet.

Man muss tatsächlich Angst haben vor diesem Buch. Und das nicht wegen der expliziten Gewaltdarstellung, sondern weil es sich den gängigen Deutungsmustern verweigert, derer sich nach Amokläufen - wie in Littleton, Winnenden und zuletzt vor wenigen Wochen in Tucson - immer bedient wird. Der Tod, der niemals willkürlicher und sinnloser erscheint als bei einem Amoklauf, muss eine Erklärung finden, sonst ist er unerträglich. Marcus Müntefering

Im 21. Jahrhundert sind die "Traumpfade" asphaltiert: Adrian Hylands "Kaltes Feuer"

Was sind schon Teilchenbeschleuniger, DNA-Analyse? Die Nachricht des Jahres wäre doch: Demnächst soll das Gehirn in Betrieb genommen werden! Zumindest die großen Kriminalschriftsteller haben naturwissenschaftlicher Erkenntnissuche und Spurenanalyse, wie sie nicht nur in der realen Kriminalistik sondern auch im Roman alltäglich sind, seit jeher die Aufklärung eines Verbrechens durch bloßes Nachdenken entgegen gestellt: In seiner beiläufigsten und damit auch elegantesten Form zu finden bei Fred Vargas' Jean-Baptiste Adamsberg, der als, wie es in den Büchern heißt, "Wolkenschaufler" seine Fälle mit kaum einem anderen Werkzeug löst als dem eigenen Verstand - samt dessen noch schwerer greifbarer Schwester, der Intuition. Simenons Jahrhundertkommissar Maigret brauchte immerhin noch Unmengen von Bier. Und Schinkenbrote aus der Brasserie Dauphine.

Mit Emely Tempest hat der Australier Adrian Hyland diesen beiden männlichen Ermittlern ein überraschendes, weibliches Pendant zur Seite gestellt: Als junge, schwarze australische Ureinwohnerin (das Wort Aborigine vermeidet Hyland), steht sie auf den niedrigsten hierarchischen Stufe einer Provinzpolizeiwache im Northern Territory. Im Konsum von Tabak und Alkohol kann sie es mit Maigret fast aufnehmen. Doch eines hat sie ihm voraus: Die spirituell gefärbten, von Bruce Chatwin in seinem klassischen Australienroman "Traumpfade" in den Esoterikkanon erhobenen, Gedankenwanderungen der Ureinwohner. Zu denen kommt bei Tempest eine, wenn auch abgebrochene, wissenschaftliche Ausbildung.

Als ein Geologe ermordet wird, macht sich Tempest im Alleingang an die Aufklärung. Mehr als auf Gedankenwegen ist sie dabei auf der, das Outback durchziehenden, Gunshot Road unterwegs - im 21. Jahrhundert sind die Traumpfade schließlich asphaltiert. Hyland erzählt mit der nötigen Nonchalance und, im kriminalistischen Fach bemerkenswert, trockener Ironie; von Peter Torberg (geschätzt als Übersetzer der so hochliterarischen wie grausamen Romane von David Peace) mit einem Sprachgefühl ins Deutsche gebracht, bei der sogar die Häufung kaum übertragbarer Slangbegriffe wie feller selbstverständlich erscheint.

In seiner Themenmischung - Überlegenheitsdenken der Weißen, bis zum Äußersten gehende Frauenverachtung, sozialer und kultureller Niedergang der australischen Ureinwohner, Umweltvergiftung, Krebs - könnte "Kaltes Feuer" kaum ernster sein. Und doch ist es ein leichtfüßiger, unterhaltsamer Roman. Sebastian Hammelehle

Niederlagen sind die Orden eines desillusionierten Ermittlers: Linus Reichlins "Er"

Abgesehen von seinem Namen hat Hannes Jensen so ziemlich alles, um eine prägnante Ermittlerfigur abgeben zu können: Intelligenz, Empathie, Erfahrung. Die stete Ahnung naher Enttäuschung bestimmt seine Wahrnehmung. All das gehört zum Rollenklischee, das Jensen mit stoischer Würde erfüllt: Niederlagen sind gleichsam die Orden eines jeden desillusionierten Ermittlers. Die Trophäe für seine jüngste Enttäuschung zeigt Jensen her, als er sie widerwillig durch die Straßen Berlins ausführt: ein Blindenhund, den ihm seine letzte Ex als Erinnerung überließ.

Fast könnte man Mitleid mit dem einsamen Kerl haben, wäre Linus Reichlin nicht ein Erzähler, der Jensens melancholische Gedanken in geschmeidigen Sätze dahinfließen, sie gelegentlich gar in kalendertaugliche Sentenzen münden lässt. Jensen und sein Erzähler ergänzen sich prächtig, gemeinsam geben sie ein Duo ab, das in dem Genre nicht häufig zu finden ist, erst recht nicht, wenn es auf Deutsch daherkommt. Derart lässig wie intelligent jongliert der Roman mit den Krimikonventionen, dass ein doppelter Betrug lange vertuscht werden kann: einmal an der Erwartung des Lesers, einmal an der Erwartung der Hauptfigur Jensen.

Denn bei allen Vorzügen hat dieser Ermittler als Figur eine elementare Schwäche: Er ermittelt nicht. Schnüffelt er doch, dann in eigener Sache, zuweilen sogar im wörtlichen Sinn, wenn er die Nase in der Wäsche seiner neuen Geliebten Lea versenkt. Getrieben von Verlangen und einer diffusen Eifersucht, die an seiner Männlichkeit nagt. So subtil der Erzähler in glänzenden Prosapassagen die Verzweiflung des Verliebten reflektiert, für die Lösung eines Kriminalfalls ist der Mann verloren.

Falls es denn überhaupt so etwas wie einen Fall gibt in diesem Roman, der auf allen Ebenen das Thema Misstrauen und Verrat durchspielt und es womöglich gegen sich selbst wendet. Zwar hat ein Verbrechen stattgefunden, vor langer Zeit, auf den fernen Hebriden, zwar kommt von dort mit krimineller Energie und der ungelenken Wucht schottischer Insulaner ein skurriles Kommando auf Jensen und Lea zu.

Doch während der verhinderte Ermittler verzweifelt nach Beweisen für die Existenz jenes Mannes sucht, mit dem ihn Lea womöglich betrügt, hintergeht tatsächlich der Erzähler die Hauptfigur und nistet sich bei dem vierschrötigen Braveheart Angus ein, um mit ihm eine Parallelhandlung erzählen zu können. Angus bezieht seine komplette Inselreputation aus dem falschen Gerücht, einst die schönste Hebridentochter (klar: Lea) geschwängert zu haben. Sein Ruf als potenter Kerl ist ihm wichtiger als ein Menschenleben, egal, ob es nun seines ist oder das eines anderen - wie dem Autor die Spiegelung kriselnder männlicher Identität interessanter erscheint als das Genre, mit dem er nur spielt. Beide, so viel sei verraten, folgen recht konsequent ihren Interessen. Hans-Jost Weyandt



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