Krimis des Monats In der Wut des Südens

Kriminal- und Geistergeschichte, Südstaatenschwelgerei: Carsten Strouds "Niceville" ist einer der ungewöhnlichsten Romanhybride der vergangenen Jahre. Georg M. Oswald sprengt den Rahmen des Krimis mit einem faszinierenden Hauptdarsteller. Und Parker Bilal führt ins Ägypten der Neunziger.

Romanthema Mystery: Geheimnisvolle Vorgänge im schwülen Südstaatenklima
AFP

Romanthema Mystery: Geheimnisvolle Vorgänge im schwülen Südstaatenklima


Eine furiose Geschichte: Carsten Strouds "Niceville"

Monster sind Metaphern. Für das Böse in uns, für unsere Gedanken, Begierden, Ängste. Denn erst, wenn das Grauen eine Gestalt bekommt und dadurch fassbar wird, können wir uns ihm stellen. Deshalb funktionieren Horror- und Fantasy-Geschichten oft nur so lange, bis sie, den Genrekonventionen entsprechend, ihre Geheimnisse erklären - und sich somit ihres eigenen Geheimnisses entkleiden.

Auch in Niceville, einem märchenhaft verwunschenen, von einem schroffen Felsen verschatteten Ort irgendwo in den Südstaaten der USA, hat das Böse zunächst weder Namen noch Gestalt, die Menschen dort ahnen etwas von seiner Existenz, doch glauben mögen sie nicht daran. Etwas fühle sich "falsch" an, sagt man hier und lässt es damit auf sich beruhen - zumal in Niceville fast jeder irgendein düsteres Geheimnis mit sich herumträgt.

Diese Mischung aus verdrängter Schuld und Ignoranz ist der Nährboden für die Ereignisse, die aus Niceville innerhalb weniger Tage ein Schlachtfeld machen werden: Es beginnt mit einem Raubüberfall von außergewöhnlicher Brutalität, begangen von Polizisten, die sich später selbst über die Radikalität ihrer Vorgehensweise wundern werden. Zur selben Zeit verschwindet eine reiche alte Frau samt ihrem Gärtner spurlos, versucht der Sicherheitschef einer Technologiefirma, Werksgeheimnisse zu verschachern, findet ein verurteilter Frauenschläger seine neue Berufung als Cyber-Denunziant. Und dann gibt es da noch diesen See, oberhalb der Stadt, in dem eine dunkle Macht zu hausen scheint.

Das ist die Ausgangslage einer furiosen Geschichte, in deren Verlauf die Realität zunehmend brüchig wird, in der Gegenwart und Vergangenheit sich immer weiter ineinander verdrehen. Aus zahllosen scheinbar disparaten Ereignissen konstruiert Carsten Stroud, hierzulande bislang weder entdeckter noch übersetzter US-Krimi-Autor, einen der ungewöhnlichsten Hybridromane der vergangenen Jahre. "Niceville" ist hardboiled thriller, Geistergeschichte und Südstaatenschwelgerei, eine Verbeugung vor Ambrose Bierce und William Faulkner ebenso wie vor Stephen King und Dashiell Hammett.

Formal lässt sich "Niceville" mit den komplexesten TV-Serien der nuller Jahre vergleichen, mit "The Wire" etwa oder mit den "Sopranos" - so wie es deren Autoren vorgemacht haben, wechselt auch Stroud scheinbar mühelos zwischen einer Vielzahl an Charakteren hin und her, verwebt deren Schicksale zu einer epischen Erzählung, die keiner konventionellen Dramaturgie mehr zu folgen scheint. Zudem arbeitet Stroud mit Übertreibungen und Überhöhungen, die man ansonsten vor allem aus der zeitgenössischen Graphic Novel kennt. Daher mag sich auch ableiten, dass ihm manche seiner Figuren ein wenig zu simpel geraten sind, die Bösen ein bisschen zu fies und die Guten ein bisschen zu langweilig daherkommen - was man Stroud aber ebenso verzeiht, wie dem Verlag das etwas zu oberflächliche Lektorat, das einige Widersprüche und Wiederholungen übersehen hat.

Wenn am Ende dieses hinreißend überbordenden Romans viele Rätsel aufgeklärt werden, aber noch weit mehr ungelöst bleiben, dann wünscht man sich, dass diese Erzählung, die einen unwiderstehlichen Sog entwickelt, niemals aufhören und Carsten Stroud auch in den bereits angekündigten Fortsetzungen nicht alle Geheimnisse von Niceville preisgeben möge. Marcus Müntefering

Buchtipp
Kessel ist rückfällig geworden: Georg M. Oswalds "Unter Feinden"

Ein richtig guter Krimi ist das, eine schnelle, spannende Cop-Story, die sich hart an den Realitäten einer deutschen Großstadt stößt und die ihre Qualität dem Umstand verdankt, dass ihr Autor das Genre in seinem klassischen Kern erfasst hat. Schon der Titel ist einfach, klar und treffend: "Unter Feinden" gibt die Sicht der Protagonisten wieder, eines Polizistenduos, das sich von einer Übermacht existentiell bedroht sieht. Dieser Perspektive folgt der Erzähler bis zum bösen Ende, obwohl aus neutraler Sicht die Sache vollkommen anders aussieht.

Sie heißen Diller und Kessel, zwei Münchner Beamte mittleren Alters in mittlerer Laufbahn, die es gemäß Beförderungsplan innerhalb von gut 20 Jahren beide bis zum Kriminalhauptkommissar gebracht haben. Was dieser respektable Titel im Berufsalltag bedeutet, zeigt sich gleich zu Anfang, wenn das Duo spätabends im Dienstwagen hockt und ein paar dunkle Fenster anglotzt, im Wissen, dass der idiotische Job sie den Nachtschlaf kosten wird. Doch nur zehn Seiten weiter - und wenige Minuten später - haben die beiden das Mitglied einer dealenden "Arab"-Gang auf dem Gewissen, ihre Karrieren, wenn nicht ihre Existenzen nach aller Wahrscheinlichkeit vergeigt, und ihre Schicksale sind auf Gedeih und Verderb miteinander verschmolzen.

Nur gemeinsam hätten diese Mittelschichtsdesperados eine Chance, das Verbrechen zu vertuschen, doch ein Team bilden sie nie. Kessel, seit Jahren suchtkrank und Reha-erprobt, ist rückfällig geworden, Rettung sieht er immer nur im nächsten Schuss Heroin, und vom Suchtimpuls motiviert, zischt der beleibte Beamte wie eine Flipperkugel durch die unübersichtliche Lage, die Diller mühsam zu kontrollieren versucht. Das gelingt, so seine plausible Strategie, am wahrscheinlichsten, wenn er seine Lebensrolle weiterspielt und dabei alles verrät, was ihm lieb und teuer sein müsste: die nach 20 Behördenjahren übrig gebliebenen Fragmente seines Berufsethos und das Vertrauen seiner Familie.

Die abgebrühte Coolness jedoch, mit der dieser Diller, von panischen Ängsten, der hämischen Kollegenmissgunst und der Fürsorge seiner Familie verfolgt, sein perfides Ding durchzieht - vorsichtig, umsichtig, uneinsichtig zugleich -, lässt ihn zu einem faszinierenden Charakter werden, der den Rahmen dieses klug und gewitzt erzählten Kriminalromans sprengt: Mit ihm zeichnet Oswald den Typus des in einem Netz von Zwängen und feinmaschiger Kontrolle gefangenen, von Abstiegsängsten geplagten Mittelschichtsmenschen, der in diesem Roman zügig über Leichen von Migrantensöhnen aus dem Westend gehen kann, um sein Reihenhaus im Vorstadtgrünen zu retten - wobei der perfide Trick des Erzählers in der suggestiven Selbstverständlichkeit besteht, mit der er den Leser Dillers skrupellosen Tunnelblick einnehmen lässt. Das fällt auch deshalb nicht schwer, weil die Story beständig an Tempo gewinnt.

In der Mitte des Buchs leitet Diller die Ermittlungen gegen einen mutmaßlichen Top-Terroristen, hat eine ehrgeizige Staatsanwältin mit Migrationshintergrund im Nacken, und während die letzten Vorbereitungen für die Münchner Sicherheitskonferenz laufen, hat sich Kessel gegen Drogen an eine dubiose arabische Organisation verkauft, die gelegentlich in einem türkischen Supermarkt residiert und nur zu gern einen Attentäter unter den internationalen Diplomaten platzieren möchte. Spätestens dann weiß man: München, diese Stadt mit den viel zu hohen Mieten, könnte am Ende infernalisch leuchten. Hans-Jost Weyandt

Buchtipp
Kaffeepause im Dritte-Welt-Laden: Parker Bilals "Die dunklen Straßen von Kairo"

Der Schriftsteller Jamal Mahjoub, der sich für diesen, seinen ersten Kriminalroman Parker Bilal nennt, schreibt in englischer Sprache, lebt mittlerweile in Barcelona, aufgewachsen ist er im Sudan. Von dort stammt auch Makana, Hauptfigur und Ermittler des Buchs. Ihn hat es nach Ägypten verschlagen - auf der Flucht vor sudanesischen Islamisten hat der frühere Polizist seine Familie verloren. Nun lebt er auf einem Hausboot und kann, so muss das ja sein im Roman, wenn die Figur in finanziellen Nöten ist, kaum die Miete bezahlen. Bis eines Tages, wie aus dem Nichts, der Abgesandte eines äußerst solventen Auftraggebers vor der Tür steht - und der Leser ahnt: Dieses Buch bietet ein ziemlich zwiespältiges Vergnügen.

Da sind die sympathische Hauptfigur, der humane Unterton, den Jamal Mahjoub anschlägt. "Die dunklen Straßen von Kairo" mag nicht wirklich spannend sein, kurzweilig ist es allemal - die Erzählweise der Geschichte allerdings wirkt mitunter geradezu ungelenk, wenn nicht sogar amateurhaft. Der Großteil der Figuren bleibt klischeehaft und blass. Und die ägyptische Halbwelt, in der die Geschichte spielt, wirkt, trotz vereinzelt eingestreuter arabischer Sprachbrocken, wie eine sehr eilig hochgezogene Kulisse.

Bei seinen Ermittlungen trifft Makana irgendwann auf eine britische Kriminalbeamtin. Es kommt zum Gespräch: "'Ah', sagte Green und hob den Zeigefinger. 'Die berühmteste Schlacht in der Geschichte des Islam. Sie bezeichnet die Spaltung zwischen den orthodoxen Sunniten und den Schiiten. Der Tod Husseins besiegelte das Ende der Reihe sogenannter Rechtsgeleiteter Kalifen, die in direkter Linie von Mohammed abstammten.'" Es scheint fast, dass in diesem Moment auch Jamal Mahjoub bemerkt haben muss, dass er stilistisch näher an Wikipedia als am Kriminalroman ist. Wie behilft er sich? "'Stimmt das?' Green grinste. Ich habe im Flugzeug ein paar Reiseführer gelesen.'" Jamal Mahjoub vermutlich auch.

Sein Buch ist eine Mischung aus politisch gut gemeintem Schnellkurs in nordafrikanischer Geschichte und einer preiswert produzierten Vorabendkrimiserie in Tempo und Duktus des späten 20. Jahrhunderts; bestenfalls geeignet für die Kaffeepause im Dritte-Welt-Laden.

Dass der Rowohlt Verlag "Die dunklen Straßen von Kairo" nun, ungewöhnlich genug für sein Mainstream-Krimiprogramm, auf Deutsch veröffentlicht, lässt sich eigentlich nur damit erklären, dass Ägypten nach dem Sturz Mubaraks, wie man so schön sagt, "ein Thema" ist. Als der Krimi zu den jüngeren Ereignissen am Tahrir-Platz allerdings ist das Buch ungeeignet. Es spielt größtenteils 1998. Sebastian Hammelehle

Buchtipp



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.