Krimis des Monats Süße Schlampen

Wenn das Ed Wood noch erlebt hätte! In Paul McEuens Nano-Thriller "Spiral" bedroht ein Killerpilz die USA. Bei Zoran Drvenkar lösen fünf Teenies eine Welle der Gewalt aus. Und Ross Thomas führt in die Abgründe der Siebziger. Die Krimis des Monats auf SPIEGEL ONLINE.

Mädchen! Nur Jungs und Kosmetik im Kopf - meint Zoran Drvenkar
Corbis

Mädchen! Nur Jungs und Kosmetik im Kopf - meint Zoran Drvenkar


Die Familie ist ein höllischer Ort: Zoran Drvenkars "Du"

Leicht macht es einem dieses Buch nicht: der Umschlag, der die düsterdeutsche Ästhetik von Rammstein- oder Unheilig-Alben zitiert, das Autorenfoto, ein latent fies grinsender Typ mit Graubart und Pferdeschwanz, der Titel, dieses plump-vertrauliche "Du", in leuchtendem Geisterweiß gesetzt.

Ist diese erste Hürde genommen, steht man alsbald vor der nächsten: Das Buch wurde fast komplett in der zweiten Person Singular geschrieben, und weitgehend im Präsens. Das hebt die Distanz zwischen Leser und Story auf, glaubt Zoran Drvenkar, der sich dieses erzählerischen Taschenspielertricks auch in früheren Romanen schon bedient hat - ein Irrtum. Es ist wie im Kino: 3D macht aus einem schlechten Film keinen guten. Dass es sich aber bei "Du" keinesfalls um ein schlechtes Buch handelt, macht es umso ärgerlicher.

Am Anfang der brillant komponierten Geschichte steht eine gezielte Überforderung, Drvenkar erzählt viel und erklärt nichts: von einem Mann, der eines Tages, während eines Schneesturms im Stau steckend, aus seinem Wagen aussteigt und ein Massaker anrichtet; von einem Berliner Großkriminellen, der mitten im Sommer die gefrorene Leiche seines Bruders findet; von einem 15-jährigen Möchtegerndealer, der schmerzhaft lernen muss, dass das Gangsterleben gar nicht so cool ist. Und dann sind da noch fünf 16-jährige Mädchen, "Die süßen Schlampen" genannt. Die geraten zufällig an ein paar Kilo Heroin und lösen, durch den ungelenken Versuch, sie zu verkaufen, eine Welle der Gewalt aus.

Zoran Drvenkar ist, außer für den preisgekrönten Thriller "Sorry", vor allem für seine Kinder- und Jugendbücher bekannt. So sind denn auch die Passagen am stärksten, in denen die Mädchen im Mittelpunkt stehen. Drvenkar schafft es, dass dem Leser das Schicksal dieser Teenager nahe geht. Auch, wenn es die Sorte ignoranter 16-Jähriger ist, die außer Jungs, Kino und Kosmetik nicht viel im Kopf zu haben scheinen. Es ist aber auch die Sorte Mädchen, die durch ihre überbordende Lebendigkeit berufsjugendliche Erwachsene ahnen lassen, dass sie eben doch nicht mehr so jung sind, wie sie sich fühlen. Und das ist die bösartige, in ihrer Übertreibung fast schon ironische Pointe dieses Buches: Alles Schlimme, das passiert (eine Menge!), erklärt sich aus gestörten Eltern-/Kind-Beziehungen. Die Familie bietet keine Zuflucht mehr vor einer als feindlich wahrgenommenen Welt, die Familie ist ein höllischer Ort, an dem immer neue Monster geschaffen werden. Marcus Müntefering

Killerpilz bedroht die USA! Paul McEuens "Spiral"

"Wir bannen das Böse, indem wir es sichtbar machen", sagte der Berliner Universitätspräsident und Wissenschaftler Peter-André Alt kürzlich anlässlich des Erscheinens seines Großwerks "Ästhetik des Bösen". Die größtmögliche Angst herrsche dort, wo das, was dem Menschen unheimlich ist, unsichtbar sei. Was aber bleibt als schwer greifbare Bedrohung in einer Zeit, in der sich kaum noch jemand von übersinnlichen Phänomen ängstigen lässt? Nanoteilchen!

Auch Paul McEuen ist Wissenschaftler. An der amerikanischen Spitzenuniversität Cornell lehrt er Atom- und Festkörperphysik. Die "FAZ" verglich ihn bereits mit Schätzing und Crichton - und meldete, in den USA seien die Rechte an seinem Buch "Spiral" für 600.000 Dollar verkauft worden.

Anders als Alt nähert sich McEuen dem Bösen nicht im Sachbuch, sondern in einem Wissenschaftsthriller. "Spiral" erzählt von einer so in der Wirklichkeit noch nie dagewesenen, nahezu unsichtbaren Gefahr - nicht Raketen, Nuklearsprengköpfe oder andere großkalibrige Waffen bilden das Bedrohungsszenario, sondern die nur im Mikroskop erkennbaren, todbringenden Sporen einer Pilzart.

Den Hintergrund für McEuens Roman bildet eine weniger bekannte Episode des Zweiten Weltkriegs: In der Mandschurei forschte der japanische Militärarzt und Bakteriologe Shiro Ishii an der Spitze der Sondereinheit 731 an biologischen Waffen und testete sie in Menschenversuchen von kaum vorstellbarer Grausamkeit an Kriegsgefangenen und Zivilisten. Ishii ging nach dem Krieg straffrei aus - zu wertvoll war sein Wissen auch für die Militärführung der USA. Erst 1969 beendete Richard Nixon das amerikanische Biowaffenprogramm.

In "Spiral" hat ein Mann den auf japanisch Uzumaki (zu deutsch: Spirale) genannten Todespilz aus dem Weltkrieg in die Gegenwart gerettet: Der mittlerweile 86-jährige Nobelpreisträger Liam Connor, wie McEuen selbst Wissenschaftler an der Cornell University. Sein Gegenspieler war schon im Zweiten Weltkrieg der Japaner Hitoshi Kitano. Eine Figur, die McEuen offensichtlich an Shiro Ishii angelehnt hat. Eine Terroristin nimmt Connor gefangen - und bedroht die USA mit dem Uzumaki. Binnen weniger Tage könnten Millionen Menschen sterben.

Was sind Anthraxbriefchen, Ebola, Vogel- oder Schweinegrippe gegen ein derartiges Szenario? McEuen allerdings ist zu sehr Wissenschaftler, als dass er mit "Spiral" die ganz große Weltvernichtungsphantasie inszenieren würde. "Alles, solange es nur klein genug ist" hat der Nanoteilchenforscher sein Interessengebiet umschrieben - und charakterisiert damit indirekt auch sein Buch.

Darin konzentriert er sich allzu sehr auf ganz wenige Personen und Handlungsorte, gibt der welthistorisch noch nie dagewesenen Bedrohung den geradezu kammerspielartigen Rahmen eines Campusromans. Das ist nicht unsympathisch, zumal McEuen auf jede Parallele zu al-Qaida verzichtet - und auch die seiner Thematik innewohnenden B-Movie-Qualitäten nicht ausspielt: Killerpilz aus dem Zweiten Weltkrieg! Das klingt fast schon nach einem Film von Ed Wood, dem angeblich schlechtesten Regisseur aller Zeiten.

Sein Potential allerdings schöpft das recht konventionell inszenierte Buch so nicht aus. "Spiral" hätte ein breit orchestrierter Gesellschaftsroman über die existentielle Bedrohung eines ganzen Landes werden können. Dafür allerdings hätte McEuen seinen Blick vom ganz Kleinen ab-, und dem ganz Großen zuwenden müssen. Schließlich sollte auch für den Thriller die Laborküchenweisheit aller Nanowissenschaftler gelten: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teilchen. Sebastian Hammelehle

Keinerlei moralische Skrupel: Ross Thomas' "Der Yellow-Dog-Kontrakt"

Will man wissen, wie amerikanische Politik laufen sollte, wäre die ausgezeichnete TV-Serie "West Wing" zu empfehlen. Will man aber wissen, wie es hinter den Kulissen der Macht wirklich zugeht, muss man Ross Thomas lesen. Der amerikanische Thrillermeister starb vor 15 Jahren, und lange Zeit waren seine Bücher in Deutschland out of print. Was letztlich gar nicht so schlimm war, denn die früher bei Ullstein veröffentlichten Übersetzungen waren mörderisch schlecht - gekürzt, verfälscht, verhunzt.

Seit gut drei Jahren unternimmt es der Alexander Verlag, die Bücher von Ross Thomas neu bearbeitet, neu betitelt und ansprechend verpackt wieder zugänglich zu machen. Mit "Der Yellow-Dog-Kontrakt" (bei Ullstein hieß es noch unfreiwillig komisch "Geheimoperation Gelber Hund") aus dem Jahr 1976 ist jetzt der achte Band dieser Reihe erschienen. Nicht das beste Buch, das Thomas geschrieben hat, aber immer noch um Längen besser als fast alles andere, das in diesem Jahr unter dem Etikett Thriller auf den Markt gebracht wurde. In den pointierten Dialogen, den knappen, aber präzisen Beschreibungen, dem cleveren Plot ist die Meisterschaft bereits zu spüren, die Thomas in den achtziger Jahren mit Büchern wie "Teufels Küche" und "Am Rand der Welt" (beide ebenfalls im Alexander Verlag erschienen) erreichen sollte.

Zentrale Figur des Romans - von Helden zu sprechen, verbietet sich bei Thomas' zynischen und selbstsüchtigen Protagonisten - ist einer, der sich auskennt in Washington und der Stadt gerade deshalb den Rücken zugekehrt hat: Harvey Longmire, früherer Wahlkampfmanager und durch keinerlei moralische Skrupel belastet. Eine ordentliche Prämie und die Aussicht, ausnahmsweise für eine gute Sache zu kämpfen, bringen den Politikmüden zurück ins Geschäft. Doch die Suche nach einem verschwundenen Gewerkschafter führt nicht nur zu einem halben Dutzend Leichen, sondern bestätigt auch: So etwas wie "eine gute Sache" gibt es nicht in Washington. Mord ist hier nur ein weiteres Mittel, politische Ziele zu erreichen. Und politische Ziele speisen sich aus Gier und Geltungssucht. Ob ein gewisser Gewerkschafter ein Opportunist sei, wird Longmire einmal gefragt. Seine Antwort: "Sind wir das nicht alle?" Marcus Müntefering

Buchtipp

Ross Thomas:
Der Yellow-Dog-Kontrakt

Alexander Verlag; 272 Seiten; 14,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Am 3. November finden Sie an dieser Stelle die Romane des Monats. Krimis gibt's wieder am 24.11.



insgesamt 2 Beiträge
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2hartmut 27.10.2010
1. Ross Thomas
... ist einer der besten Krimiautoren der letzten 30 Jahre. Tolle Geschichten, meisterliche Dialoge, abgebrühte Betrachtungsweise - und das Beste ist, er weiss genau, worüber er schreibt. Sehr zu empfehlen.
charlotta1 28.10.2010
2. Buchempfehlungen - Krimis
Mir scheint es bei Büchern bzw. Buchempfehlungen immer nur um Krimis zu gehen. Kennen wir mittlerweile nicht alle den Stil der Schweden, Dänen und Norweger dieses Genres? Die Buchhandlungen sind voll davon, weil sie sich gut verkaufen, aber mich stört es, Ian McEwan, Philip Roth, Siegfried Lenz etc. nur noch in der zweiten Reihe zu finden. Und das Schlimme ist, daß ich keine Ahnung habe, was mir wegen der Vielzahl der angebotenen (skandinavischen) Krimis, die viel Platz in den Regalen der gängigen Buchhandlungen einnehmen, und aufgrund meiner vermeintlichen Unkenntnis bzw. Ahnunngslosigkeit an "guter" Literatur, entgeht. Viele Grüße, Charlotta
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