Krimis des Monats Zur Hölle geht's nicht über die schönste Strecke

Klassisch darf er sein, der Kriminalroman. Je vertrauter die Bestandteile, desto vergnüglicher die Lektüre: Eine abgehalfterte Diva, ein Mord in der französischen Provinz, ein junges Paar, bei Schneesturm gefangen im Motel - das sind die Themen der interessantesten Krimis des Monats.

Highway gesperrt, Handlung in Fahrt: John Rectors Winterkrimi "Frost"
Corbis

Highway gesperrt, Handlung in Fahrt: John Rectors Winterkrimi "Frost"


Koks, Heroin und Alkohol verhageln Ihr Urteilsvermögen: Ken Bruens "London Boulevard"

Deutschland ist das gelobte Land für Krimi-Autoren, hier werden sie geliebt, gekauft, sogar gelesen. Allerdings nur, wenn sie weiblich sind oder aus Skandinavien stammen oder Ian Rankin heißen. Durch dieses zugegeben recht grob skizzierte Raster fallen immer wieder die ganz großen Könner des Genres. James Lee Burke, der König des Louisiana-Noir? Wird seit Jahren nicht mehr übersetzt. Derek Raymond, der britische Pulp-Master der Achtziger und Neunziger? Ein Fall fürs Antiquariat. Und Ken Bruen? Der Krimi-Balladier, seit 20 Jahren am Start und hierzulande eigentlich längst als unverkäuflich abgetan, hat jetzt plötzlich seinen Durchbruch geschafft.

Eine schöne Überraschung, die dem kleinen Hamburger Verlag Atrium zu verdanken ist - und einer schlauen Idee: Man lässt die Jack-Taylor-Reihe des Iren Bruen vom Quasi-Iren Harry Rowohlt übersetzen. Bislang sind drei Bücher erschienen, das Geschäft brummt. Kommendes Jahr dürfte aus dem Brummen ein Getöse werden, ab Herbst sollen im ZDF mehrere selbst produzierte Jack-Taylor-Filme laufen.

Taylor ist Teilzeit-Detektiv und Vollzeit-Alkoholiker, vor allem aber ist er ein Mensch, der stets das Gute will und dem ausnahmslos das Schlimmste passiert.

Nicht das Gute, sondern ganz profan das gute Leben sucht Mitchell, der Anti-Held von "London Boulevard", Bruens Meisterwerk aus dem Jahr 2001, das jetzt bei Suhrkamp als deutsche Erstausgabe erscheint. Zwar nicht von Harry Rowohlt, aber dennoch tadellos übersetzt.

"London Boulevard" ist eine respektlose Neu-Interpretation von Billy Wilders Film noir "Boulevard der Dämmerung". Wie einst William Holden, so schlittert auch Mitchell offenen Auges, aber blind in sein Verderben. Koks, Heroin und Alkohol verhageln ihm das Urteilsvermögen. Und so beginnt der frühere Geldeintreiber eine verhängnisvolle Affäre mit einer abgehalfterten Theater-Schauspielerin, einer Frau um die Siebzig, die in dem Wahn lebt, immer noch ein gefeierter Star zu sein. Auch nicht gerade clever von Mitchell: Er lässt sich von seinen alten Kumpels überreden, wieder krumme Dinger zu drehen und kommt dabei einem Boss der Londoner Unterwelt in die Quere. Bald darauf sterben die Menschen, die ihm am nächsten stehen. Und Mitch hat keinen Plan.

Mitchell ist ein typischer Bruen-Held, ein rebel without a clue, dem das Leben einfach so passiert, und der, wenn er unter Druck gerät, blind zurückschlägt, ohne Kompromisse, bis zum bitteren Ende. In Interviews spricht Ken Bruen oft davon, dass er sein halbes Leben vergeblich nach etwas gesucht habe, das die Welt zusammenhält, nach Sinn und nach Ordnung. Nur das Schreiben verhindert, dass ihm diese Welt um die Ohren fliegt. In seinen inzwischen fast dreißig Krimis zitiert er immer wieder die Klassiker und Konventionen des Genres, eignet sie sich an, verwandelt sie in etwas völlig anderes.

Etwas Trauriges.

Einsames.

Endgültiges.

Und sehr sehr Gutes.

Marcus Müntefering

Marie-Hélène, Tochter aus großbürgerlicher Familie: Dominique Barbéris' "Eine Frage von Glück oder Zufall"

Ungeheuerlich ruhig kommt dieser schmale Roman daher, verhalten wie sein Erzähler, dem jede Exaltation, egal ob Schrecken oder Freude, suspekt zu sein scheint und jede Handlung nurmehr Episode, die sich verflüchtigen wird gleich seinem eigenen Leben.

Nach einem erfolglosen Versuch, sich in Paris als Maler einen Namen zu machen, ist dieser Mann gestrandet in seinem namenlosen Heimatort am Ufer der Loire, wo er seither als "Sohn des Arztes Lagarde" im stupiden Museumsdienst sein uniformiertes Dasein fristet.

Eine trostlos gehemmte Existenz, wäre da nicht der Fluss, dessen Betrachtung er sich vorbehaltlos hingibt im Wechsel des Lichts und der Jahreszeiten, und dessen Farben und Stimmungen er so betörend genau zu beschreiben weiß, dass der Leser ihm ebenfalls vorbehaltlos folgen mag.

Diesem lakonischen Landschaftsemphatiker käme nie über Lippen, dass er ohne den Fluss nicht leben könne. Doch ohne die Beschreibungen der Flusslandschaft und seiner ausgedehnten Erkundungsgänge durch Regen und Dunkelheit könnte Lagarde nicht seine Geschichte erzählen.

Sie geben ihm Struktur und Richtung, aus ihnen ploppen gleichsam immer wieder Fragmente einer Handlung auf, die weitgehend in trüben Tiefen versunken ist. Und das ist bemerkenswert, weil ein Mord den Museumswärter zum Erzähler hat werden lassen.

Das Opfer ist eine Frau, die Lagarde aus jenen wunderbar strahlenden Jugendtagen kennt, als noch nicht die Kühltürme eines seitdem auf dem gegenüberliegenden Ufer errichteten AKW das sommerliche Bad in der Loire verschatteten: Marie-Hélène, Tochter aus großbürgerlicher Familie, umschwärmt von allen Jungen des Orts, unstetig wild, unfassbar wie ein Sommertagtraum, von dem Lagarde sich ein paar Splitter bewahrt hat. Das Glitzern des Wassers, der Sprenkelschatten des Uferlaubs, ein Lachen auf einem vorbeisausenden Fahrrad, flüchtig wie die Begegnungen der beiden - und ihm wohl doch die verheißungsvollsten Momente seines Lebens.

Als er Marie-Hélène 30 Jahre später im Museum wiederbegegnet, meint er "den Geruch von Wasser" an der unerhört eleganten Pariserin wahrzunehmen. Sie übersieht den Mann in der Museumsuniform komplett und verschwindet bald darauf in einem plötzlich einsetzenden Sturzregen, im Dunkeln, in der Einsamkeit des verwaisten Elternhauses, wo sie Stunden später ermordet wird.

Ein mysteriöser Fall, der nicht aufklärbar zu sein scheint. Doch zwei Monate nach der Tat erhängt sich ein Verdächtiger, dem eine unerfreuliche Begegnung mit der Schönen kurz vor der Tat nachgewiesen werden konnte, in seiner Zelle. Sein Suizid wird als Schuldeingeständnis gewertet, die Akte geschlossen, und Lagarde beginnt zu erzählen: "Ich nahm den Weg zwischen den Mauern und ging zum Fluss hinunter."

Vielleicht ist sein schmaler Bericht tatsächlich der redliche Versuch eines einsamen Mannes, seinen Schmerz über ein verpasstes Leben in nuancierte Beschreibungen seiner Welt tröstlich zu betten. Vielleicht aber auch hat dieser schreibende Maler mit seiner Erzählung ein literarisches Vexierbild geschaffen, in dem er sich selbst als Mörder versteckt hat. Sicher ist nur, dass man das Interesse an Dominique Barbéris' deutschem Debüt auch dann nicht verliert, wenn längst klar zu sein scheint, dass dieser Roman viel zu kunstvoll gebaut ist, um sein Rätsel mit der plumpen Präsentation eines Täters preiszugeben. Hans-Jost Weyandt

Der Weg zur Hölle führt nicht über die landschaftlich schönere Strecke: John Rectors "Frost"

So, wie der Schneewestern die Ausnahme seines Genres und zugleich dessen atmosphärischer Höhepunkt ist, zeichnen sich wenige Kriminalromane durch eine derart eindringliche Stimmung aus, wie man sie in Schneekrimis findet. Meisterlich vorgeführt hat das Gerard Donovan in seinem 2009 auf deutsch erschienen Buch "Winter in Maine".

Anders als Donovan, der mit hochliterarischen Bezügen arbeitet und dabei ein Werk von einsamer Qualität geschaffen hat, will John Rector mit "Frost" offenbar gar nichts Großes - das bekommt seinem Roman keineswegs schlecht.

"Frost" ist ein geradezu zeitloses Exemplar des kleinen, schmutzigen Winterkrimis; ein Buch, das in den vierziger oder den siebziger Jahren fast genauso hätte geschrieben werden können wie heute.

Die Geschichte liest sich, als hätte Rector ihre Bestandteile aus dem Krimilexikon zusammengeklaubt: 1. Ein junges Paar auf dem Weg nach Omaha, Nebraska, das 2. natürlich: alles hinter sich lassen will. Sie, 3., schwanger. Er, 4., mit dunkler Vergangenheit. Wo sonst als in einem, 5., Diner sollten die beiden auf einen, 6., geheimnisvollen Fremden treffen. Der Mann röchelt. Er hat eine, 7., Schusswunde, aber die, 8., Taschen voller Geld. Schließlich wird der Highway wegen eines Schneesturms gesperrt, die Gruppe landet, 9., in einem Motel. Bleibt noch: die 10., mysteriöse Geliebte, die hinter dem Geld her ist.

Das schöne an "Frost" ist, dass der Amerikaner John Rector diesem ausgesprochen klassischen Plot voll vertraut. Er hat sein Debüt fast ohne Schlenker, fast ohne unnötiges Beiwerk aufgeschrieben - der Weg zur Hölle führt schließlich auch nicht über die landschaftlich schönere Strecke.

Einmal erlaubt Rector zweien seiner Protagonisten die Erkenntnis, dass sie sich inmitten einer typischen Krimihandlung befinden. Vor der eigenen Sterblichkeit allerdings schützt der Glaube, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein, hier ebenso wenig wie in der Realität. Und auch die Hoffnung auf die Freiheit des Willens, der Wunsch, einen verhängnisvollen Verlauf aufhalten zu können, erweisen sich als bloße Illusion. Keine der Figuren in "Frost" ist stärker als die Geschichte, die hier unerbittlich ihren Lauf nimmt. Und eindringlicher Hauptdarsteller dieses Kriminalromans ist kein Mensch - es ist der Schneesturm. Wie könnte es anders sein in einem Buch namens "Frost". Sebastian Hammelehle



insgesamt 2 Beiträge
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Frusciante 24.11.2010
1. Shop
Warum bloß nehme ich Rezensionen einfach nicht ernst, die von einem Link auf den Spiegel-Shop begleitet werden, in dem man das Buch dann kaufen soll?
NeZ 21.12.2010
2. John Rectors "Frost"
Soeben las ich die letzten Zeilen von "Frost". Der Autor dieses Artikels hier hat vollkommen Recht - John Rector vertraut seiner Story voll und ganz, die zwar nicht sonderlich orginell ist, aber dank der unvergleichbaren Ungewissheit, wie es weitergeht, von Anfang bis Ende fesselt. Ich zitiere, als mein persönliches Fazit, Simon Kernick, der über das Buch schrieb: "Man weiß, dass etwas Schreckliches passieren wird, und man kann nicht aufhören zu lesen." Der geringe Umfang des Buches (nur 283 Seiten!) sorgt dafür, dass sich die zugunsten der o.g. Ungewissheit nicht gerade komplex ausgearbeiteten Charaktere auch nicht großartig in ihren Taten erklären dürfen. Tiefsinnige Dialoge darf man nicht erwarten, dafür ist für jeden Typ Mensch, bzw. jeden Leser ein passender Lieblingscharakter dabei. Eine Verfilmung des Buches ist "in Vorbereitung". Sofern sich der Regisseur dann dabei (möglichst) zu 100% an den Roman hält, werde ich mir den Film ansehen. Denn: Keine Frage bleibt unbeantwortet, alles klärt sich bis in's kleinste Detail auf. Abgesehen vom offenen Ende. Nur wer "Frost" genau liest, kann das Ende richtig interpretieren. PS: In eigener Sache, unabhängig vom Buch: Ich hasse Enden, bei denen sich der Leser noch entscheiden muss, welche der möglichen Interpretationen ihm am besten gefällt. Warum hat kaum ein Autor die Eier, eine dramatische Geschichte einfach mal eindeutig dramatisch enden zu lassen? Warum fast immer ein Schlupfloch, das Optimisten zu der Annahme eines Happy Ends verleitet?
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