Krisenromane aus Island Wütender wird's nicht

Kaum ein Land wurde von der Finanzkrise so gebeutelt wie Island - die Regierung stürzte, nur knapp entkam man dem Staatsbankrott. Turbulente Zeiten wie diese sind allerdings bester Stoff für Schriftsteller: Drei Bücher aus dem Gastland der Frankfurter Buchmesse bieten Trost und Analysen.
Island 2008: Überall im Land regt sich Protest gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung

Island 2008: Überall im Land regt sich Protest gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung

Foto: Brynjar Gunnarsson/ AP

"Bankster", ein schöneres Schimpfwort für die Bösewichte der Finanzkrise kann es kaum geben. Die Krise, die 2008 in Wellen aus den USA nach Europa schwappte, verursacht durch Geldfiktionen, hatte Island stärker in der Mangel, als sich das irgendeiner hätte vorstellen mögen. Sie hat die isländische Gesellschaft derart auf den Kopf gestellt und politisiert, dass auf die wochenlangen Demonstrationen Parlaments-Neuwahlen folgten, in der Hauptstadt sogar ein Komiker zum Bürgermeister gewählt wurde.

Wie das wirtschaftliche Chaos das Privatleben der Isländer durcheinanderwirbelte, erzählt Guðmundur Óskarsson in seinem Buch "Bankster", Steinar Bragi hingegen legte das Ganze als Psychoterror-Dystopie an und machte aus Islands Situation das grausame Kammerstück "Frauen". Das Grundlagenwerk jedoch, um die Verfasstheit der isländischen Wirtschaftskräfte zu verstehen, ist "Traumland": ein Aufklärungstext von Andri Snær Magnason. Dass ein Stückeschreiber und Lyriker vor Wut ein solches Sachbuch schreibt, sagt mehr als genug. Und das isländische Wetter ist natürlich auch immer Thema.

1. Guðmundur Óskarsson: "Bankster"

Darum geht's: Markús und Harpa, beide Banker, verlieren im Herbst 2008 nacheinander ihre Jobs. Dass statt Börsenkursen Trickfilmserien über die Bildschirme flackern, ist ein erstes Indiz, dass es bald vorbei ist. Fortan muss das Paar seine Handyrechnungen wieder selbst bezahlen, sorgt sich um die Raten für Kredite und Wohnung. Sie leben von Aushilfsjobs in Schulen, verkaufen stückweise ihre Kunstsammlung, tauschen alte Devisen. Aber das Schlimmste ist das Ungleichgewicht, das sich einstellt: Harpa kämpft wie eine Wilde, Markús lässt sich in ihren Augen gehen. Doch der schreibt alles in ein Tagebuch. Und fängt an, an eine zweite Karriere zu glauben: als Schriftsteller. Die historischen Demonstrationen, die Neuwahlen als Folge des Bankencrashs in Island, sie tauchen hier nur peripher auf. Der Neologismus "Bankster" als Mix von "Banker" und "Gangster" gehört da noch zum Wütendsten, was das Buch zu bieten hat.

Das lernt man über Island: Dass die Isländer verrückt nach US-TV-Serien sind. Von "Grey's Anatomy" bis zu den "The Sopranos" schauen sie alles, wirklich alles.

Der Satz, der alles sagt: "Ich habe den Duschgeräuschen zugehört, gehört, wie sich der Wasserstrahl verändert hat, als Harpa sich darunter gestellt und das Wasser aus ihren Haaren geseift hat, gehört, wie die Wassergeräusche durch den Seifenschaum dumpfer wurden."

Das taugt's: Der Seifenschaum-Satz hat zwar mit der Krise nichts zu tun, aber er demonstriert Óskarssons allerfeinst geschärfte Gabe, genau hinzuschauen, hinzuhören. Das zeigen auch die großartig lebendigen Dialoge und Telefongespräche. Allein wegen Szenen wie diesen ist das Buch eine wahre Freude. Denn dank dieser Fokussierung auf Details gelingt es ihm, die langsam kippende Balance zwischen Markús und Harpa sprachlich abzubilden.

Und nun das Wetter: Von Anfang Oktober 2008 bis Ostern 2009 fiel es einem als Arbeitslosem in Reykjavík nicht gerade leicht, die Wohnung zu verlassen: Nonstop war es verregnet, windig, kalt.

Buchtipp

Guðmundur Óskarsson:
Bankster.

Übersetzt von Anika Lüders.

Frankfurter Verlags-Anstalt; 253 Seiten; 22,90 Euro.

Im SPIEGEL-Shop: "Bankster" von Guðmundur Óskarsson

Andri Snær Magnason: "Traumland"

Darum geht's: Island sei ein "Traumland", sagt Magnason, da es regelmäßig als Tableau für die wildesten Träume herhalten muss, um ausländische Investoren anzulocken. Und so langsam zugrunde gerichtet wird. Er schildert den Teufelskreis, in dem sein Land steckt: Um wirtschaftlichen Aufschwung zu garantieren, den Niedergang der Fischfangindustrie aufzufangen, werden Aluminiumfabriken gebaut. Da die Aluminiumproduktion bekanntermaßen Unmengen an Energie schluckt, müssen riesige Kraftwerke gebaut werden. Da Islands Voraussetzungen ideal für Wasserkraft sind, baut man Staudämme - und schafft damit Stauseen, die enorme Flächen unter Wasser setzen. Die Umweltzerstörung ist haarsträubend, die Gifte, die die Aluminiumfabriken freisetzen, kommen noch obendrauf. Übrigens: Das Streitobjekt Kárahnjúkar-Staudamm, angeblich der größte Europas, hat die Krimi-Autorin Yrsa Sigurðardóttir als Ingenieurin mit geplant.

Das lernt man über Island: Eine große gesellschaftliche Kluft verläuft zwischen den Befürwortern und den Gegnern von Aluminumindustrie und Wasserkraftwerken. Eine Smalltalk-Regel lautet daher: Am besten das Thema "Staudamm" vermeiden. Und über die Kreativen lernt man einmal mehr, dass sie sich nicht auf eine Richtung festlegen, sondern der Haltung eines Universalgelehrten im besten Sinne nahekommen (Wer den Lyriker Magnason erleben will: Hier  liest er im Original-Wohnzimmer des Nobelpreisträgers Laxness aus seinen "Bonus"-Gedichten, die jetzt ebenfalls bei Orange Press erscheinen.)

Der Satz, der alles sagt: "Wenn man Island bis zum Anschlag ausbeuten [...] würde [...], bekäme man Arbeitsplätze für weniger als 0,7 Prozent der Bevölkerung."

Das taugt's: Ein Romanautor und Lyriker, den die ökonomische Entwicklung seines Landes derart wütend macht, dass er ein wahres Aufklärungsbuch schreibt, entwickelt offensichtlich eine ganz eigene Kraft: Dank Magnasons Erklär- und Erzähltalent, gepaart mit seinem Willen, etwas zu bewegen, versteht man nach dem detailliert recherchierten "Traumland" die aktuellen Irrungen und Wirrungen dieses Landes endlich besser.

Und nun das Wetter: Bei Magnason ist "Wetter" automatisch "Umwelteinfluss". Etwa, wenn er über sauren Regen schreibt oder dokumentiert, dass die Schwefeldioxidbelastung in Reykjavík gerade bei ruhigem Sommerwetter gesundheitsschädliche Ausmaße annehmen kann.

Buchtipp

Andri Snær Magnason:
Traumland
Was bleibt, wenn alles verkauft ist?

Orange-Press; 285 Seiten; 20,00 Euro.

Im SPIEGEL-Shop: "Traumland" von Andri Snær Magnason 

Steinar Bragi: "Frauen"

Darum geht's: Die Dokumentarfilmerin Eva kehrt, frisch verlassen, nach einem längeren Aufenthalt in New York zurück nach Island. Ein isländischer Banker, den sie in USA kennengelernt hatte, bietet ihr an, umsonst in einem riesigen Luxus-Appartement in einem modernen Hochhaus zu wohnen. Doch peu à peu kristallisiert sich heraus, dass nicht sie über Sicherheitskameras den Eingang sehen kann, sondern stattdessen sie selbst totalüberwacht wird. Kameras, Sensoren, Mikros überall, sie wird vergewaltigt, ist gefangen. Wirft in ihrer Not gar Fernseher und Stühle aus dem Fenster, um auf sich aufmerksam zu machen. Doch keinen schert's. Sie ist Teil eines großangelegten Spiels, der Psychoterror dieses Kammerstücks spitzt sich zu.

Das lernt man über Island: Dass Eva Alkoholikerin ist, wirkt fast wie die Bestätigung eines hohlen Klischees über Isländer. Abgesehen davon zeichnet Bragi ein seltsames isländisches Selbstbild: Die Parallelen zwischen den schwachen "Frauen", als deren Stellvertreterin Eva gefoltert, unterdrückt und vergewaltigt wird, und den Isländern als Opfer der Weltwirtschaft, lassen einen dann doch stutzen.

Der Satz, der alles sagt: "Die Ratlosigkeit, die Resignation und dieses Gefühl des Eingeengtseins begleiteten sie schon lange Zeit, nun hatte all das eine konkrete Gestalt angenommen - ihre inneren Mauern waren nun außen, und sie konnte das Problem beim Namen nennen."

Das taugt's: "Frauen" treibt ein geradezu unheimliches Vexierspiel. Die Art und Weise, wie Bragi nicht nur der Protagonistin, sondern auch den Lesern die Sinne verwirrt, bis sie nicht mehr unterscheiden können, welcher Erzählstimme, welcher der Realitätsebenen der Geschichte sie nun vertrauen können, beweist eindrucksvoll: Es ist ein Leichtes, eine fiktionale Realität wie die der Finanztransaktionswelt mit der echten zu verwechseln. Und Island als eine derartige Phantasie-Kulisse zu erschaffen, weißglänzend, gläsern, passt als gesellschaftliche Dystopie ganz wunderbar.

Und nun das Wetter: Island, heißt es, bestehe ausschließlich aus "Wasser in allen möglichen Erscheinungsformen".

Buchtipp

Steinar Bragi:
Frauen.

Übersetzt von Kristof Magnusson.

Kunstmann Antje; 254 Seiten; 19,90 Euro.

Im SPIEGEL-Shop: "Frauen" von Steinar Bragi

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.