Abstieg eines Paares Hallo, ihr prekären Existenzen, dieses Buch ist für euch

Was ist, wenn das Leben nicht mehr in Altbauvierteln und Bio-Cafés spielt? Kristine Bilkau erzählt in ihrem Romandebüt "Die Glücklichen" von der Angst einer jungen Generation vor dem Scheitern.
Kristine Bilkau: Leichte Selbstverständlichkeit und Feinheit

Kristine Bilkau: Leichte Selbstverständlichkeit und Feinheit

Foto: Luchterhand

Hallo, ihr Berufsmusiker und freien Journalisten, ihr wissenschaftlichen Mitarbeiter mit euren befristeten Verträgen, ihr Geisteswissenschaftler, ihr Mittdreißiger in den Altbauwohnungen in den gefragten Wohnlagen mit Staffelmieten, dieses Buch ist für euch. Kristine Bilkaus Debütroman "Die Glücklichen" könnte von jedem von euch handeln, und in gewisser Weise tut es das auch, auch wenn die Protagonisten in diesem Fall Georg und Isabell heißen und ein Pärchen sind, das mit einem Baby namens Matti irgendwo in Hamburg wohnt.

Isabell ist Cellistin. Sie arbeitet im Orchestergraben eines Musicals. Abends fährt sie zu den Aufführungen, bei denen sie jedes Wort der Schauspieler oben auf der Bühne mitsprechen könnte. Keine Anstellung im Symphonieorchester. Keine Plattencover, die sie im Kleid mit dünnen Trägern zeigen. Aber immerhin genug, um Risottomischungen in durchsichtigen Tütchen zu kaufen, außerdem getrocknete Wildfeigen, Rosenkandis, Bio-Lavendelblütenhonig, Pfefferschokolade und Maronenaufstrich für das Frühstück. Den mag Georg so gern.

Georg ist Redakteur bei einer Tageszeitung. Tagsüber sitzt er an seinem Schreibtisch, um Texte zu redigieren, die andere geschrieben haben, und Themenpläne zu verwalten. Und manchmal fährt er sogar irgendwo hin und schreibt dann ein Porträt über ein Aussteigerpärchen auf irgendeinem Bauernhof. Keine preisgekrönten Reportagen aus den Krisenregionen dieser Welt. Aber immerhin genug, um sich zusammen mit Isabell die Miete leisten zu können für die Altbauwohnung mit Blick auf den Ahornbaum und den wackeligen Kacheln in der Küche und den Flügeltüren und dem Musikzimmer und Mattis Fingerabdrücken an den Fenstern und dem Kinderzimmer mit Polsterecke und der Speisekammer, in der manchmal drei, vier lila Köpfe Rotkohl herumrollen, weil jede neue Biokiste im Winter einen neuen Kopf Rotkohl mit sich bringt, und im Sommer Zucchini, Zucchini, Zucchini.

Eines Tages brennt der Kronleuchter

Die Häuser in ihrem Viertel sind bonbonrosa, hellgelb und türkis gestrichen, die gusseisernen Geländer der Balkone mit Blumen überwuchert, die in bunten Tontöpfen wachsen. Wenn unten in ihrer Straße mal wieder eine neue Manufaktur oder Galerie aufmacht oder ein Bäcker, dessen Brötchen noch handgemachter aussehen, lachen sie oben an ihrem Holzküchentisch darüber. Aber es ist das gutmütige Lachen derer, die dazugehören und genauso gut unten in der Schlange stehen könnten.

Doch irgendwann kommt ihnen dieses Gefühl abhanden, wie selbstverständlich dazuzugehören. Vielleicht beginnt es mit dem Zittern in Isabells Hand, das eines Abends ihr Cello-Solo begleitet und von dem sie augenblicklich ahnt, dass es sie den Job kosten wird. Physiotherapie. Attest. Ersatz. Vielleicht beginnt es damit, dass da plötzlich nicht nur Nachrichten über die Welt in Georgs Zeitung sind, sondern auch Nachrichten über Georgs Zeitung in der Welt. Sparmaßnahmen. Insolvenz. Kündigungen. Vielleicht damit, dass plötzlich Bauarbeiter auf einem Gerüst vor ihrem Fenster stehen und eines Tages ein Kronleuchter im Treppenhaus brennt. Sanierung. Aufwertung. Mietpreiserhöhung.

Isabell und Georg müssen plötzlich rechnen. Er rechnet heimlich im Kopf aus, wie lange sich zwei Arbeitslose diese Miete noch leisten können. Sie rechnet, welchen Bruchteil der Miete ihr neues Kleid mit dem Plisseerock kostet. Vor allem aber rechnen sie plötzlich damit, dass sie sich in naher Zukunft ihre alte Identität nicht mehr leisten können, dass sie sich getäuscht haben, als sie dachten, später einmal werde alles automatisch gut, und ihnen stünde dieses Leben zu. "Er hat gedacht, sich den Anspruch auf Sicherheit verdient zu haben. Doch es gibt keinen Anspruch auf Sicherheit." Die schleichende Angst vor dem sozialen Abstieg lässt sie giftig werden, müde und einander fremd.

Ein lautloses Metronom im Hintergrund

Bilkau gelingt es, die vagen Verschiebungen, die kaum festzumachenden Verluste und die omnipräsente Angst an präzisen Ereignissen entlang zu erzählen. Mit Sachlichkeit und protokollarischem Ernst, die keinen Unterschied machen zwischen den Verfärbungen der Ahornbaumblätter und der Verdüsterung der Stimmung. Sie braucht dafür kaum Rückblicke, keine Vorgriffe, keine Raffungen und keine gedehnte Zeit. Bilkau erzählt so gleichmäßig, als schlüge ein Metronom, wie es zweifellos in Isabells Musikzimmer steht, lautlos im Hintergrund dieses Textes. Bilkau erzählt mit eben jener leichten Selbstverständlichkeit und Feinheit, mit der sich Isabell Cello zu spielen wünscht.

"Die Glücklichen" hat etwas zu erzählen über diese Generation, das es so womöglich noch nicht zu lesen gab. Und wenn ihr diesen großartigen Roman hoffentlich lest, ihr Berufsmusiker und Journalisten, ihr Geisteswissenschaftler und Mittdreißiger in euren Altbauwohnungen mit der Staffelmiete, dann lest weiter bis zu seinem ungewöhnlichen und beruhigenden und verdienten Happy End, das mit einem Pop-up-Flohmarkt beginnt und im Park endet und süßer schmeckt als jedes Petit Four von jeder kleinen Konditorei für 3,90 Euro das Stück.

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Kristine Bilkau:
Die Glücklichen.

Luchterhand Literaturverlag, München; 304 Seiten; 19,99 Euro.

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