Kulturhistorikerin Sanyal "Die Vulva hat häufig die Welt gerettet"

Wenn wir so aufgeklärt sind, warum wird das weibliche Genital dann ignoriert? Im Interview erklärt Mithu M. Sanyal, warum eine Kulturgeschichte der Vulva längst fällig war und weshalb Frauen Nachhilfeunterricht zum Thema brauchen.


SPIEGEL ONLINE: Frau Sanyal, wie kommt man auf die Idee, eine Kulturgeschichte der Vulva zu schreiben?

Sanyal: Als ich mir mit 15 zum ersten Mal meine Vulva ansah, wusste ich nicht so recht, was ich da sah. Als ich mir dann Bücher über das Thema besorgen wollte, gab es keine. Ich habe dann 20 Jahre lang Material über dieses Genital gesammelt. Eine grundlegend respektvolle und würdigende Abhandlung über die Vulva fehlte komplett.



SPIEGEL ONLINE: These Ihres Buchs ist, dass in der westlichen Kultur die Vagina als das weibliche Geschlechtsorgan gilt, während die Vulva meist unterschlagen wird.

Sanyal: "Vagina" ist das lateinische Wort für "Scheide". Die Anatomen haben das weibliche Genital um 1600 so benannt, weil es für sie nichts weiter war als die Scheide für das Schwert des Mannes, den Penis. Damit haben sie das sichtbare Genital der Frau, die Vulva, ausgeblendet. Auch bei Freud und in der postmodernen psychoanalytischen Theorie ist die Frau über das Fehlen des Penis definiert: Die Frau ist die Leerstelle und kann nicht symbolisiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Vulva taugt eher zum Motiv der Fäkalsprache oder als Porno-Motiv.

Sanyal: Genau. Die englische Vokabel für Vulva - "cunt"- ist ein schlimmes Schimpfwort. Ursprünglich aber bedeutete es wahrscheinlich "heilige Höhle". Und "cunt" ist die Sprachwurzel von so positiven Begriffen wie "country", "queen" und "kin" ("Sippe"). Dazu erzählen die alten Mythen viele Geschichten über die Vulva und über ihr selbstbewusstes Zeigen. Man sprach ihr zu, Stürme zu beruhigen oder den Teufel zu verjagen. Und die Göttin Baubo hat Demeter, die Göttin des Ackerbaus, geheilt, indem sie ihr ihre Vulva zeigte. Die Vulva hat häufig die Welt gerettet.

SPIEGEL ONLINE: Von der mythischen Vulva-Verehrung ist nicht mehr viel übrig.

Sanyal: Das hat mit dem Übergang des Polytheismus zum Monotheismus zu tun. Der monotheistische Gott brauchte keine Göttin mehr. Er selbst schuf die Menschen, setzte seinen Sohn in die Welt, gewährt Wiedergeburt im Paradies. Zusätzlich wurde das weibliche Genital abgewertet, weil es der Kraft des Gottvaters, als einziger Leben zu schaffen, Konkurrenz machte.

SPIEGEL ONLINE: Wann taucht die Vulva wieder auf?

Sanyal: Sie war nie ganz verschwunden. Noch bis ins späte Mittelalter wurden an Stadttoren und sogar Kirchen Darstellungen von Frauen angebracht, die ihre Vulva zeigten. Auf dem Balkan wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein dem Getreide die Vulva gezeigt, damit es wächst. Und in Charlotte Roches "Feuchtgebiete" inspiziert die Hauptfigur ihre Vulva und findet für die abwertende Bezeichnung "Schamlippen" so schöne Worte wie "Hahnenkämme" und "Vanillekipferl".

SPIEGEL ONLINE: Brauchen Frauen heute wirklich Nachhilfe in Vulva-Geschichte? Wir sind doch eine aufgeklärte, alles andere als prüde Gesellschaft.

Sanyal: Schon in Schulen wissen die Mädchen nicht, wie sie ihr Genital benennen sollen. Und wenn sie keinen angemessenen Begriff haben, können sie sich auch nicht gegen Witze auf dem Schulhof wehren. Mein Sohn etwa lernt von allein, stolz auf seinen Penis zu sein. Und ich möchte, dass auch meine Tochter auf ihr Genital stolz sein kann. Außerdem regen wir uns über die Genitalverstümmelungen bei den afrikanischen Völkern auf. Aber auch bei uns wird am weiblichen Geschlecht herumoperiert, wobei das Wissen über die Nervenbahnen, die Erregung vom Genital ins Gehirn transportieren, nur sehr rudimentär vorhanden ist. Bei Operationen wird kaum darauf geachtet, während erregungs- und erektionsschonende Chirurgie bei Männern normal ist. Seit es den Trend zur Designer-Vagina gibt, wird - um ihr eine angebliche Idealgröße zu geben - wieder verstärkt in gesunde weibliche Geschlechtsorgane geschnitten. Und Frauen klagen Frauen in Internetforen, dass sie ihre Schamlippen so hässlich finden, dass sie noch nie Geschlechtsverkehr hatten. Ich bin sicher, die haben ihre Anatomie nie mit der einer anderen Frau verglichen.

SPIEGEL ONLINE: Oder sie haben sich zu sehr verglichen. Liegt darin nicht auch eine Gefahr Ihres Projekts: die Heimlichkeit schlägt in den Zwang zur Selbsterforschung um?

Sanyal: Es stimmt schon, dass das angeblich enttabuisierende Sprechen in Talkshows in dieser Weise problematisch ist. Aber wenn ich über die Vulva spreche, setze ich mich nicht für ein bewertendes, sondern ein generell respektvolles Sprechen ein. Und zudem können wir heute nicht mehr zwischen Zeigen und Nichtzeigen wählen. Die Bilder sind da, sie sind in den Medien, aber sie sind fremdbestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet die Aufwertung der Vulva für die Männer?

Sanyal: Ich will nicht den Phallus durch die Vulva ersetzen. Mir geht es darum, in dem Diskurs, in dem der Phallus zentral ist, ein Gegengewicht ins Spiel zu bringen. Und die Männer können schließlich Partnerinnen gewinnen, die souverän mit der eigentlichen Körperlichkeit umgehen.

Das Interview führte Karin Schulze


Mithu M. Sanyal: "Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts" , Wagenbach Verlag, 240 Seiten, 19,90 Euro



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