Zum Tod von Kurt Westergaard Eine Arschbombe und ihre Folgen

Der Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard wusste, dass er provozierte – aber nicht in welchem Ausmaß. Bemerkenswerter als die Zeichnung war sein Umgang mit ihr. Ein kleiner Abschiedsgruß voller Respekt.
Kurt Westergaard (1935–2021)

Kurt Westergaard (1935–2021)

Foto: BO AMSTRUP / imago images/Belga

Das Wichtigste zuerst: Kurt Westergaard, Zeichner einer der zwölf Mohammed-Karikaturen in der Zeitung »Jyllands-Posten«, wurde 86 Jahre alt, und er starb eines natürlichen Todes. Das ist nicht mehr selbstverständlich in einer Zeit, in der Journalisten auf offener Straße erschossen werden oder Karikaturisten an ihrem Zeichentisch. Auch auf Westergaard war kurz nach der Veröffentlichung der Karikaturenseite ein Kopfgeld ausgesetzt worden, seit 2007 stand er unter Polizeischutz, 2010 brach ein Attentäter in sein Haus ein, Westergaard rettete sich in ein zum Schutzraum umgebautes Badezimmer.

Westergaard hat sich das nicht ausgesucht, er ist – damals schon halb im Ruhestand – offenbar mehr hineingestolpert: In Interviews hat er sich über diese Folgen seiner Karikatur beklagt, er dürfte sie also nicht erwartet haben.

Laut »Jyllands-Posten«-Redaktion waren die Karikaturisten selbst Teil eines Experiments: Ein Kinderbuchautor wollte eine Geschichte des Islam bebildern, fand aber keine Zeichner für den Propheten. Der »Posten«-Kulturteil wollte nun prüfen, ob bei Karikaturisten eine ähnliche Schere im Kopf arbeitet. Der gezeichnete Witz als Mutprobe, gewissermaßen.

Eine der Karikaturen zeigt denn auch einen Zeichner, der es zwar wagt, den Propheten zu malen, aber nur nachts, bei Lampenschein, in aller Stille. Auch Westergaard traute sich. Aber vermutlich ahnte keiner der Beteiligten, auf was er sich da einließ. Als entpuppe sich der abverlangte Sprung vom Beckenrand mit verbundenen Augen plötzlich als einer vom Zehnmeterbrett. Wenn man da mal unterwegs ist, kann man halt nicht mehr umkehren.

Rein inhaltlich war die Karikatur mehr eine Art zeichnerischer Arschbombe, zumal der Prophet als Element ja schon vorgegeben war: Mohammed mit einer Bombe als Turban. Hitler mit einer Bombe als Schnurrbart. Alexander Gauland mit einer Bombe als Arsch. Kann man alles machen, ist aber eher mittelfeinsinnig. Den karikaturistischen Radaubrüdern von »Charlie Hebdo« wäre das egal gewesen, die hätten die Aufregung vermutlich als Auszeichnung verstanden, als Indiz für einen Volltreffer. Aber so war Westergaard ganz offensichtlich nicht gestrickt. Seine große Leistung war daher auch eine andere.

Karikatur als Demonstration der Meinungsfreiheit

Kurt Westergaard wehrte sich dagegen, dass seine Zeichnung aus dem Kontext gerissen wurde. Und er wehrte sich gegen ihre Instrumentalisierung durch Rechtsextreme. 2012 nutzten die Nachwuchsfaschisten von Pro NRW das Plakat für ihren Wahlkampf – Westergaard protestierte  mit Nachdruck, und das zu Recht.

Selbst in einer arg konservativen Zeitung wie der »Jyllands-Posten« ist seine Karikatur von Mohammed noch immer vor allem eine Demonstration der Meinungsfreiheit. Also auch der Freiheit, Recep Tayyip Erdoğan als Schleuserkönig zu zeigen, Viktor Orbán als Pegasus-Praktikant bei den Khashoggi-Mördern oder Alice Weidel als trojanische Stute für Nazis.

Bei Pro NRW hingegen diente dieselbe Karikatur als sortenreine Hetze gegen Moslems. Und der Durchsetzung eines Verständnisses von Meinungsfreiheit vergleichbar dem der Reichsschrifttumskammer.

Es wäre menschlich nachvollziehbar gewesen, wenn Westergaard dies nach seinen Erfahrungen egal gewesen wäre.

War es aber nicht. Letzten Respekt!

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