Storys zum weiblichen Körper Zwischen Horror, Porno und Groteske

Wer hat die Macht über Geschlecht und Körper der Frau? Darüber hat die Amerikanerin Carmen Maria Machado in "Ihr Körper und andere Teilhaber" Geschichten gesammelt - drastisch wäre noch untertrieben.

Wahrnehmung des weiblichen Körpers (Symbolbild)
Getty Images

Wahrnehmung des weiblichen Körpers (Symbolbild)

Von Jana Felgenhauer


Ein Kopf rollt vom Körper, eine Schönheits-OP beschwört einen Geist herauf, und eine Frau kann die Gedanken von Pornodarstellern lesen: Carmen Maria Machado ist eine furchtlose Schreiberin. In acht Kurzgeschichten mischt sie Horrormärchen, Groteske, Pornografie, Realität und Science-Fiction. Das ist drastisch, irre, manchmal anstrengend - und ziemlich unterhaltsam.

In Story Nummer eins, "Der Extrastich" bedient sich Machado einer Geschichte aus dem Gruselklassiker "In a Dark, Dark Room and Other Scary Stories" von Alvin Schwartz aus dem Jahr 1984. Sie erzählt von einem Paar, das sich verliebt, jung heiratet, ein Kind bekommt. Die junge Frau macht ein Leben lang das, was man von ihr erwartet.

"Als er sagt, dass er meinen Mund will, meine Kehle, trainiere ich mir den Würgereflex ab und schlucke ihn ganz, stöhne um seine Salzigkeit herum. "

Auch bei der Geburt des Kindes behält ihr Mann die Kontrolle über ihren Körper, als es ums Vernähen der Geburtswunde geht:

"Mein Mann hält mir die Hand und scherzt dabei mit dem Arzt. "Für wie viel machen Sie den einen Extrastich?", fragt er.

Carmen Maria Machado
Tom Storm/ Klett-Cotta

Carmen Maria Machado

Es ist ein so entwürdigender Satz, der wütend macht, gerade weil er möglich erscheint. Das Einzige, das die Ehefrau über Jahrzehnte hinweg verteidigt, ist ein grünes Band, das sie um den Hals trägt. Am Ende nimmt er ihr auch das - mit drastischer Konsequenz. Dies geschieht, gewaltfrei und dennoch in dem Selbstverständnis, dass in puncto Frauenkörper auch andere (vor allem Männer) immer ein Mitbestimmungsrecht haben.

"Ihr Körper und andere Teilhaber" erschien im US-Original Ende 2017, etwa zur selben Zeit, als die #MeToo-Bewegung begann. Seitdem wurden unzählige Sachbücher und Erfahrungsberichte zum Thema veröffentlicht, doch Machado flicht, ähnlich wie Kristen Roupenian mit ihrem Hit "Cat Person", feministische Debatten um Rollenbilder, Schönheitsideale, weibliches Begehren und Mutterschaft in ein fiktives, fantasievolles Umfeld ein.

Bei Machado sind die Storys ein Fest aus Metaphern und Vergleichen ("Etwas huschte durch das Flüssige ihrer Augen wie eine aufgeschreckte Katze"), aber: Sie schreibt so überwältigend blumig, flutet das Hirn des Lesers mit Bildern, dass man sich mitunter kaum auf den Inhalt konzentrieren kann.

Machado schöpft auch aus dem persönlichen Umfeld. In vielen Geschichten geht es um lesbische Liebesbeziehungen, sie selbst ist mit einer Frau verheiratet. Auch "Acht Bissen" hat autobiografische Züge. Vier Schwestern wollen schlank sein, hassen sich, wenn sie zu viel gegessen haben. Also lassen sie sich die Mägen verkleinern, als wäre das eine Art Familientradition. Nach einer Portion, klein wie "die Ecke eines Sandwiches" sind sie nun "satt und zufrieden". Im skurrilen Verlauf der Geschichte sucht ein Fettmonster die Icherzählerin heim, was für den Konflikt stehen könnte, den die Autorin selbst mit Mutter und Tanten hatte: Denn die ließen sich tatsächlich operieren, Machado stemmte sich dagegen.

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Carmen Maria Machado:
Ihr Körper und andere Teilhaber

übersetzt von Anna-Nina Kroll

Tropen Verlag; 300 Seiten; 20 Euro

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Die letzte Geschichte, "Schwierig auf Partys", dreht sich um eine Frau, die nach einer Vergewaltigung die kaputte Sexualität in ihrer Ehe mit Pornos zu therapieren versucht - und die Gedanken der Darsteller zu hören beginnt. Der Mann, der die Veränderung seiner Frau nicht erträgt, sagt:

"Du wolltest es immer, sagt er. Du wolltest und wolltest. Du warst ein Ding, das sich nie erschöpfte".

Machados Erzählungen sind ein Spiegel unserer Zeit, in der Frauen nicht mehr hinnehmen wollen, dass ihr Geschlecht und ihr Körper gegen sie verwendet werden. Deshalb spricht sie die Leser hin und wieder direkt an, wohl, um ihnen zu sagen: "Komm, das kennst du doch auch."

Sie erinnert uns daran, uns selbst zu hinterfragen, nicht immer gefallen zu wollen:

"Es ist mein gutes Recht, ungesellig zu sein, und es ist mein gutes Recht, für andere unangenehm zu sein. (…...) Alles ist verrückt für dich. Nach wessen Maßstab denn?"

Genau, nach wessen Maßstab eigentlich?

insgesamt 7 Beiträge
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Orthoklas 05.02.2019
1. Es sind Möglichkeiten - nicht mehr
"Es ist ein so entwürdigender Satz, der wütend macht, gerade weil er möglich erscheint." Genau das ist das Problem der political correctness, des ganzen Genderwahnsinns: die Verurteilung fußt nur auf einer Möglichkeit. Die Vorwürfe sind weniger konkret, als vielmehr heiße Luft. Und genau deswegen wird diese ganze Thematik versanden. Gut so!
ellenbetti 06.02.2019
2. schwache Männer haben schwache Frauen ?
oder schwache Frauen suchen Sich noch schwächere Männer ? Hier wird keine körperliche Gewalt zelebriert. Da frage ich mich schon ob gewisse Darsteller einen leichten Weg wählen anstatt geistige Reife walten zu lassen. Viele junge Frauen die kenne sind recht stark und erliegen nur persönliche Schwächen die wir alle haben. Der Mund kann auch sagen "hau doch ab" oder "ich bin kein Sklave" . Interessant ist es sicher zu lesen aber es kommt 20 Jahre zu spät. Die Frauen von heute haben mehr Power denn je. Weiter so !
fatherted98 06.02.2019
3. Die genannten Beispiele...
....sind wirklich grotesk....und kommen in der wirklichen Welt wohl eher selten vor....und vor allem auch anders herum.....das sollte man dabei nicht vergessen....aber wer will sich schon mit Gewalt und Unterdrückung von Männern beschäftigen?
Suffiminis splendor 06.02.2019
4. Gäste
Der Mann wird zuweilen als Gast in einem anderem Körper empfangen. Durchaus auch mit Vergnügen. Entsprechend sollte er sich aufführen. Er hat keinerlei Rechte am anderen Körper. Auch nicht am austragenden. Es wird ihm Besuch gewährt, wenn der empfangende Körper dazu willens und gestimmt ist. Es wird ausgetragen, wenn die Situation es erlaubt, dem Kind alles zu geben, was es braucht: Liebe, Zeit, Geld.
Johannes Meier 06.02.2019
5.
Zitat von Suffiminis splendorDer Mann wird zuweilen als Gast in einem anderem Körper empfangen. Durchaus auch mit Vergnügen. Entsprechend sollte er sich aufführen. Er hat keinerlei Rechte am anderen Körper. Auch nicht am austragenden. Es wird ihm Besuch gewährt, wenn der empfangende Körper dazu willens und gestimmt ist. Es wird ausgetragen, wenn die Situation es erlaubt, dem Kind alles zu geben, was es braucht: Liebe, Zeit, Geld.
Schöne Ansicht. Bleibt nur die Frage - muss ein "Gast" für eventuelle Folgeschäden haften? Schließlich wurde er lt. Ihrer Definition ja "eingeladen", um frau zu befriedigen.
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