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04. April 2016, 12:47 Uhr

Zum Tode Lars Gustafssons

Nichts bricht die Erinnerung

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Zumindest in der Sprache war bei ihm ein "Weiter" immer möglich: Der große schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Wir haben einen Künstler der Verwandlung verloren. Ein Nachruf.

Sein umfassendes Werk lässt an die Weite schwedischer Küsten denken: Von Essays über die großen Menschheitsentwürfe ("Utopien", 1970), die schwierige Koexistenz der Religionen in neuster Zeit ("Die Logik der Toleranz", 2007) bis zu einer Lyrik feinst beschriebener Alltagsphänomene wie Vogelgesänge oder das Geräusch einer Kaffeemaschine reicht sein literarisches Wirken.

Mit Lars Gustafssons Tod am Sonntag verliert die Welt einen vielseitigen Autoren, der für die deutschen Leser neben den dunklen Krimis eines Henning Mankell und der populären Kinderliteratur Astrid Lindgrens das Bild eines authentischen Schwedens vervollständigte: Ruhig, aber nie verschlafen, immer um die zentralen Sinnfragen ringend, erzählen seine Romane von den großen Stationen und Schicksalsschlägen des Lebens.

Anrührend werden wir der Tragik des Daseins etwa in seinem Werk "Der Tod eines Bienenzüchters" (1978) gewahr. Erzählt werden die letzten Tage eines sterbenskranken Mannes, der noch einmal die eigene Vergangenheit einer missglückten Mittelschichtexistenz Revue passieren lässt. Dass er an seinem Scheitern nicht zerbricht, verdankt sich seinen positiven Erinnerungen an einen wilden Jugendfreund oder an seinen als Schwarzmarkthändler berüchtigten Onkel.

Nicht am Schrecken der Welt, ihrer Vergänglichkeit und Gnadenlosigkeit, zu verzweifeln - das war immer der hehre Anspruch von Gustafssons Schreiben. Um all dem standzuhalten, feiern seine Texte das Erinnern als Prinzip des Widerstandes. "Erinnerungen, die taumelnd näher kommen / und mit den Flügeln gegen die Scheibe schlagen" (aus: "Das Feuer und die Töchter", 2014) sind der Ort des Bewahrens, ein Paradies, das nur die Fantasie gegen den allseits drohenden Tod offenhält.

Gustafsson gibt dadurch Dingen und Menschen eine Stimme, die sonst vom Strudel der Zeit mitgerissen worden wären. Nicht zuletzt sein Roman "Die Sonntage des amerikanischen Mädchens" zeigt, wie Literatur allem Vergangenen einen Sinn verleiht: Als Kriminalgeschichte setzt er dem kurzen Leben einer ermordeten Minderjährigen in Texas ein Denkmal, lakonisch und zugewandt, ein Buch gegen das Schweigen und Vergessen.

Das verborgene Etwas in Schraubenziehern und Lichtungen

Stets gehörte für jenen Schriftsteller, der einst Kontakte zur Gruppe 47 knüpfte und von einer Begegnung mit Max Frisch nachhaltig geprägt wurde, Engagement und das Erzählen um des Erzählens Willen zusammen. Gustafssons Biografie ist von seinem Werk untrennbar.

Wie ein liebevolles Poesiealbum lesen sich seine sehr persönlichen Aufzeichnungen "Palast der Erinnerungen" (1996). Wir tauchen in die Kindheit des 1936 in Västerås geborenen Schriftstellers ein, seine Zeit auf dem Gymnasium, lernen Weggefährten wie Per Olov Enquist kennen. Mehr und mehr formt sich das Porträt eines Freigeistes, der einerseits in Literatur und Wissenschaft - Gustafsson war auch habilitierter Philosoph - seine Heimat finden sollte, andererseits immer der bürgerlichen Mitte nah blieb.

Kaum ein anderes Monumentalprojekt als Gustafssons fünfteilige Introspektion in die Wohlstandsgesellschaft "Risse in der Mauer" (1972-1978) zeugt daher eindringlicher vom Wertewandel des Schwedens der Siebziger- und Achtzigerjahre. So war dieses Multitalent stets Soziologe, Forscher, Porträtist, Freiheitskämpfer und Schriftsteller gleichermaßen.

Im Kleinen spiegelt seine Literatur stets das Große. Gerade seine Vorliebe für das Fahrrad, das sich in zahlreichen seiner Romane förmlich durch die Seiten bewegt, zeugt metaphorisch vom Durchhaltevermögen, auch unter widrigen Umständen.

Dass sich in seinem Prosatext "Wollsachen" (1974) ein Alkoholiker immer wieder auf das traditionelle Vehikel schwingt und trotz Gewitters über fünfzig Kilometer zu einem Schnapsladen zurücklegt, veranschaulicht zweifelsfrei: Ein "Weiter" ist immer möglich. Zumindest in der Sprache, wie wohl seine Lyrik am deutlichsten zum Ausdruck bringt. Gehalten in einfachen Tonlagen, entdeckt sie in Schraubenziehern und Waldlichtungen immer ein verborgenes Etwas, das hinter den Dingen steht, ein Bewusstsein, dass jeder Eindruck und Gebrauch über das bloß Sichtbare hinausweisen kann.

Gustafsson, im letzten Jahr mit dem Thomas Mann-Preis ausgezeichnet, gab sich uns daher als ein Künstler der Verwandlung zu erkennen - auch was seine Übersetzungen etwa von Rainer Maria Rilke, einem ihm in mancherlei Hinsicht verwandten Meister der poetischen Verwandlung, oder Seamus Heaney anbetrifft.

Sein soeben noch erschienener Roman "Doktor Wassers Rezept" über einen Fensterputzer, der sich frank und frei die Identität eines aus der DDR geflüchteten Schlafforschers aneignet, liest sich wie eine letzte, unmissverständliche Vergewisserung: In der Literatur gibt es kein Ende, nur den ständigen Wandel - Gustafssons Werk und sein liberaler Geist werden uns daher noch lange und immer wieder neu im Gedächtnis bleiben.

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