Kino-Komödie "Late Night" Revierkämpfe in später Nacht

Emma Thompson wehrt sich als fiktive Late-Night-Moderatorin gegen Zynismus, Quotendruck und die eigene Absetzung. Eine vergnügliche Mediensatire - mit einem Manko.

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Wenn Late-Night-Shows die Königsdisziplin der Unterhaltung sind, dann herrscht akuter Königinnenmangel. In den USA besetzt das Format seit Jahrzehnten einen festen und meinungsrelevanten Platz in der TV-Branche. Jimmy Fallon, Jimmy Kimmel und James Corden werden nicht nur als Entertainer gefeiert, sondern äußern sich auch politisch.

Von momentan 30 Hosts sind aber gerade mal zwei weiblich: Ellen Degeneres und Samantha Bee kämpfen allabendlich mit formatüblichen Bandagen wie dem Eingangsmonolog (ein Begrüßungs-Stand-Up zu aktuellen Themen), spitzen One-Linern, vorproduzierten Bildcollagen und den aktuellsten Talkgästen um ihr Publikum.

Man kann das Muffensausen von Katherine Newbury ( Emma Thompson), der Hauptfigur der Komödie "Late Night", also gut verstehen: Als einzige Frau auf weiter TV-Flur hält sie ihre Talkshow seit 28 Jahren mit Geduld und Spucke, Spott und Sarkasmus, vor allem aber mit einem rein männlichen, weißen Autorenteam zusammen. Thompsons sklavenhalterische Ignoranz gegenüber ihren Mitarbeitern wird nur noch von ihrer scharfen Zunge überboten - die Lohnschreiber geben sich alle Mühe, die besten Witze zum heißesten Thema zu finden, wer nicht liefert, fliegt.

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"Late Night": Gags gegen den Quotentod

Allerdings sind auch Katherines Tage gezählt: Der Sender will die gallige Mittfünfzigerin aufgrund sinkender Quoten absägen und sie durch einen jungen, latent misogynen Comedian ersetzen. Einen, der mit Mario-Barth-Gags gegen Weiber, politische Korrektheit und all die anderen Dinge pestet, die für Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen ein Greul sind. Katherines Team braucht also dringend Frischzellen, am besten weibliche, gern mit Migrationshintergrund, damit Katherine wenigstens nicht als "stutenbissig" oder rassistisch gilt.

Das ist die öffentlichkeitsfreundliche Lösung, auf die sich Katherines Berater (gegen ihren Willen) einigen. Und das ruft die junge, branchenferne "Late Night"-Liebhaberin Molly Patel (Mindy Kaling) auf den Plan, deren Eltern aus Indien stammen, und deren selbstverfasste Gags bislang eher auf Wohltätigkeitsveranstaltungen zündeten.

Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin Kahling weiß, wovon sie spricht und schreibt: Als erste Frau lieferte sie Futter für die erfolgreiche Sitcom "The Office" ("Stromberg" ist der deutsche Ableger), seit 2012 spielte sie in sieben Staffeln der von ihr erfundenen Comedy-Serie "The Mindy Project".

Unter der Regie von Nisha Ganatra treffen in "Late Night" so zwei großartige Hauptdarstellerinnen bei einem themabedingt zynischen Schlagabtausch aufeinander. Und handeln gesellschaftliche Inhalte mit Streitpotential - Rassismus, Sexismus, Ageism, Lookism - nonchalant und von One-Liner zu One-Liner ab. "Ein Writers Room ist nicht sehr pc... es kann dort zuweilen sehr maskulin zugehen", warnt Katherines Producer Molly die Neue. "Ich habe die meisten Autoren gesehen. Ich glaube nicht, dass man sich um zu viel Maskulinität Sorgen machen muss", gibt diese zurück. Katherines Beobachtung über die mediale Behandlung von Frauen jenseits der 50 lautet so: " Tom Cruise ist mein Alter. Er darf gegen die Mumie kämpfen, ich BIN die Mumie!".


"Late Night"
USA 2019

Regie: Nisha Ganatra
Drehbuch: Mindy Kaling
Darsteller: Emma Thompson, Mindy Kaling, John Lithgow, Hugh Dancy, Reid Scott, Amy Ryan
Produktion: 3 Arts Entertainment, 30West, FilmNation Entertainment, Imperative Entertainment, Kaling International, Stage 6 Films
Verleih: Entertainment One
Länge: 102 Minuten
FSK: ab 0 Jahren
Start: 29. August 2019


Die beiden anfänglichen Gegenspielerinnen haben die Lacher (auf und vor der Leinwand) auf ihre Seite. Und bald passiert, was in einer solchen, nicht wirklich überraschend angelegten Geschichte passieren muss: Molly lernt den Hintergrundzirkus kennen und bringt die desillusionierten Macho-Schreiber durch ihren Spirit zur Besinnung, und Katherine entsinnt sich ihrer Stärken und lässt das alterskonforme Social-Media-Bashing lieber bleiben. Darüber hinaus erschüttert ein privater Skandal die soeben dank Molly und ihrem naiven Genius wieder aufgepäppelte Show. Der hat, und diese Drehbuchidee ist ein Seitenhieb auf die Spießigkeit der US-Gesellschaft, mit moralischen Vorurteilen zu tun - und gibt damit auch den Zuschauern einen mit.

Im Video: Der Trailer zu "Late Night"

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Die Revierkämpfe zwischen den Autoren (und erst recht Autorinnen), die quotenbedingte Gnadenlosigkeit der Branche und den Ideenverschleiß in diesem Bereich portraitiert "Late Night" authentisch und wahrscheinlich gar nicht mal so übertrieben. Dennoch bleibt der Film in der Wirkung eher harmlos: Mehr als Kratzer an der Oberfläche der Unterhaltungsroutine bringt er nicht an.

Seine Struktur basiert genau auf den kaltschnäuzigen One-Linern, die in der Comedy State-of-the-art sind. Die Tragik hinter so mancher Stand-Up-Performance, die man bei Großmeistern wie Lenny Bruce oder Andy Kaufman erahnen konnte, der ungesunde Ehrgeiz und die Zweischneidigkeit ihrer oft auf Diffamierung basierenden Gags werden nicht in Frage gestellt. Über diese Dinge lacht man hinweg. Dabei steckt in den Witzen der Late-Night-Stars viel Galgenhumor.

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Garibaldi 31.08.2019
1. Bitte noch mal drüberlesen. Danke.
James Cordan heisst eigentlich James Corden. Ellen DeGeneres macht keine Late-Night-Show (sie sendet am Nachmittag), und Sam Bee macht auch nicht wirklich "Late Night" per se - ganz anderes Format als die beiden Jimmys etc. Auch sonst hätte der Lektor besser noch mal drübergeschaut: "Laten Night"? Vielen Dank für den Hinweis, wir haben die Fehler korrigiert. Die Redaktion.
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