Michael Connellys neue Krimiheldin Harry, hol schon mal den Wagen

Der Thrillerautor Michael Connelly erfand den Ermittler Harry Bosch, Amazon machte daraus eine Krimiserie. In Connellys neuem Roman "Late Show" steht jetzt erstmals eine Polizistin im Mittelpunkt.
Nächtlicher Polizeieinsatz in den USA

Nächtlicher Polizeieinsatz in den USA

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Jason Henthorn; EyeEm/ [M] DER SPIEGEL

"Late Show" nennen amerikanische Cops die ungeliebte Nachtschicht, und Straftaten, die nur nachts bearbeitet werden können, heißen im Soziolekt der Polizei "Vampirfälle". Der Transsexuelle, der eines Nachts halb totgeschlagen auf einem Parkplatz gefunden wird, gehört zu diesen Fällen.

Sein "Vorstrafenregister" sei "länger als sein Schwanz vor der OP", sagt einer der Cops, die an dem Fall arbeiten, über das Opfer. Ein zynischer Kommentar, vielleicht reiner Selbstschutz. Die Morde, die Vergewaltigungen, die Schlägereien bloß nicht zu nah an sich rankommen lassen - so versuchen viele Polizisten mit den Herausforderungen ihres Jobs fertig zu werden. Renée Ballard ist keine von ihnen. Sie nimmt Verbrechen persönlich.

Dieses Engagement teilt Ballard mit Harry Bosch, der nicht erst seit der Amazon-Prime-Serie, die am 17. April in ihre sechste Staffel geht, berühmtesten Figur im Krimi-Kosmos des US-Schriftstellers Michael Connelly. "Jeder zählt, oder niemand zählt" lautet Boschs Dogma, das letztes Jahr sogar als Charity-T-Shirt ein großer Erfolg wurde .

Boschs Moralkodex gilt auch für Renée Ballard, Detective im Los Angeles Police Department (LAPD), die in Connellys Roman "Late Show" ihren ersten Auftritt hat. Auf Englisch liegen bereits zwei weitere Romane vor, in denen Ballard gemeinsam mit Bosch ermittelt, aber in "Late Show" gehört die Bühne allein seiner Heldin. Bosch taucht in Connellys 30. Roman nur einmal als ironische Referenz auf; über ein Mordopfer heißt es, sie habe eine Statistenrolle in der TV-Serie "Bosch" gespielt.

Ballard arbeitet in der Nachtschicht, und das nicht freiwillig. Nachdem sie einen Vorgesetzten meldete, der sie zuvor sexuell belästigt hatte, wurde sie versetzt. Dass "Late Show" im Original 2017 veröffentlicht wurde, dem Jahr also, in dem die #MeToo-Bewegung auch durch den Fall Harvey Weinstein globale Aufmerksamkeit bekam, sei ein Zufall gewesen, sagte Connelly der "Los Angeles Times" . Es war aber auch gutes Timing. Denn sein Roman zeigt, wie verbreitet Sexismus in der Polizei von Los Angeles und der amerikanischen Gesellschaft ist.

Dichtes Netz aus Klassiker-Referenzen

Das Thema systemischer Sexismus grundiert einen Roman, in dem es - wie fast immer bei Connelly - darum geht, die Arbeit der Polizei möglichst realistisch und detailgetreu zu schildern. Sein Fokus liegt auf der alltäglichen Bürokratie, die essenzieller Teil von Polizeiarbeit ist. Das geht zwar gelegentlich auf Kosten der Spannung. Dennoch schafft Connelly es immer wieder, die Polemik des schottischen Krimiautors Ian Rankin zu widerlegen, dass police procedurals - so der präzisere englische Ausdruck für Polizeiromane -, wenn sie die Ermittlungsarbeit realistisch abbilden würden, die langweiligsten Bücher der Welt wären .

"Late Show" taugt als weiteres Beweisstück, dass ein realistischer Rahmen einer packenden Geschichte nicht im Weg stehen muss. Im Fall von "Late Show" sind es gleich drei Geschichten, die Connelly kunstvoll ineinander verwebt. Während der erste Fall, in dem Ballard einem professionellen Einbrecher und Kreditkartenbetrüger auf die Spur kommt, noch relativ harmlos ist, wird der Fall des ins Koma geprügelten Transsexuellen für Ballard zu einer Bewährungsprobe.

Der Verdächtige entpuppt sich als brutaler Macho mit einer Vorliebe für Schlagringe. In den einen ist "Good" eingeprägt, in den anderen "Evil", eine Referenz an Robert Mitchums Rolle als mörderischer Priester in dem Film Noir von 1955, "Die Nacht des Jägers", der "Love" und "Hate" auf seine Knöchel tätowiert hatte. Während Ballard noch glaubt, dem Täter auf der Spur zu sein, hat er sie längst als potenzielles Opfer ins Visier genommen.

Der folgenreichste Fall ist der dritte. In dem Hipster-Lokal "Dancers", das sich nach dem gleichnamigen Klub in Raymond Chandlers Roman "Der lange Abschied" benannt hat - Connelly spinnt ein dichtes Netz aus Klassiker-Referenzen -, sterben bei einer Schießerei fünf Menschen. Ballard, die eigentlich nur am Rande mit den Ermittlungen zu tun hat, forscht in ihrer Freizeit heimlich weiter. Und folgt bald einer Spur, die zu einem Netzwerk von korrupten Cops zu führen scheint - was ihr eventuell die Möglichkeit geben könnte, es dem Mann heimzuzahlen, der für ihre Versetzung in die Nachtschicht verantwortlich ist.

Nonkonformistin, die nur für die Arbeit lebt

Während Connelly sich bei den letzten Harry-Bosch-Romanen allzu sehr auf seine Erzählroutine und die ungebrochene Faszination, die dieser eigensinnige Cop ausstrahlt, verlassen hat, fühlt sich "Late Show" fast an wie ein Neuanfang. Das liegt vor allem an der Figur der Renée Ballard, die Connelly die Möglichkeit eröffnet, Altbekanntes aus einer ganz anderen Perspektive zu erzählen. Aus der Sicht einer Frau, die bei allem Druck, dem sie ausgesetzt ist, konsequent ihren Weg geht. Ballard ist, und damit lässt Connelly sie eine im Genre klassischerweise männliche Domäne besetzen, eine Nonkonformistin ohne soziale Bindungen, die nur für ihre Arbeit lebt.

Ballard ist keine reine Erfindung Connellys, die Figur basiert auf den Erfahrungen der Polizistin Mitzi Roberts , die dem Autor schon länger als Beraterin hilft. In einem Porträt in der "Los Angeles Times" erzählt sie von dem holprigen Start ihrer Karriere als Detective im Raubmord-Dezernat des LAPD : "In meiner Truppe wird sie nicht anfangen. Ich habe schon eine Frau", sagte ihr damaliger Vorgesetzter, so Roberts.

Das war im Jahr 2000, und inzwischen mag sich manches verbessert haben. Dass sich noch viel ändern muss, davon erzählt Connelly in "Late Show". Und das macht diesen Roman zu einer der bislang wichtigsten Krimi-Neuerscheinungen des Jahres.

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