Romandebakel "Leere Herzen" von Juli Zeh Im Inneren der Wohlstandsblase

Gesellschaft auf Prosecco, Gesellschaftskritik im Panikmodus: In "Leere Herzen" verrührt Juli Zeh Themen wie Eskapismus und Rechtspopulismus zu zäher Satire. Soll sie doch lieber einen Wutbrief ans Kanzleramt schreiben.

Es hat so gut angefangen: mit einem Abendessen zweier hipper, saturierter Familien der oberen Mittelschicht. Die einen erweisen sich gleich als kunstbeflissene Freigeister, mit Jobs, die zwar nicht reich, aber glücklich machen, mit Kindern, die mit Natur und ohne Internetbeschallung aufwachsen. Die anderen, die Gastgeber Richard und Britta, pflegen hingegen ein smartes Stadtleben in der Komfortzone, haben Geld, guten Prosecco, eine Putzkraft und nicht zuletzt ein kubisches Haus, für das gilt: "Wenn man keine Lust hat, sich selbst etwas vorzumachen, ist polierter Beton eben das, was man heutzutage noch lieben kann".

Womit Juli Zehs neuer Roman "Leere Herzen" beginnt, ist eine anregende Milieufarce, eine Karikatur der spätmodernen Wohlstands-, Babyschwimmer- und Mülltrennungsgesellschaft. Ein solches Panorama als Einstieg weckt zweifelsohne große Erwartungen. Je mehr uns die Autorin allerdings hinter die Kulissen dieses zu perfekten Theater des Lebens führt, desto mehr entgleitet ihr die Geschichte.

Als Leser von Zehs immerzu ostentativ gesellschaftskritischen Werken ahnt man schon, dass hinter irgendwelchen Ecken die Moralkeule und das Düstere lauern müssen.

Juli Zeh

Juli Zeh

Foto: Thomas Müller

Und so kommt es dann auch: Wir befinden uns in einer nahen Zukunft, nach Merkels Winterschlafpolitik folgte die Ära der Rechtspopulisten. Die Partei der besorgten Bürger hat die Zügel in Berlin übernommen. Ferner haben sich Trump und Putin verbrüdert und, by the way, den Syrienkrieg beendet und eine Zweistaatenlösung für Israel erwirkt.

Bei dieser Großwetterlage kann sich der Bürger in eine sorglose Biedermeier-Existenz zurückziehen. Für Britta haben daher Prinzipien wie Pragmatismus, Effizienz und Funktionsfähigkeit den Siegeszug angetreten.

Wer eine Meinung hat, geht in den Untergrund

Überzeugungen sucht man vergebens. Wer mit Meinungen aus der Spur tritt, kann nur im Untergrund wirken, woraus die Heldin Kapital schlägt. Gemeinsam mit ihrem Teilhaber Babak betreibt sie eine Agentur namens "Brücke". Dort landen die Depressiven, die, nachdem alle anderen Therapien gescheitert sind, als Selbstmordattentäter an islamistische oder andere radikale Vereinigungen vermittelt werden. Erst als dieses zynische Geschäftsmodell im Kampf mit einer Konkurrenzorganisation aufzufliegen droht, welche einen Putsch gegen die Besorgte-Bürger-Regierung initiiert, zieht Britta die Notbremse und wird gar zur stillen Retterin der Demokratie.

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Zeh, Juli

Leere Herzen: Roman

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seitenzahl: 352
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Preisabfragezeitpunkt

27.11.2022 21.11 Uhr

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Um das Abenteuer gänzlich zu vollenden, fehlen eigentlich nur noch Außerirdische, Zeitreisende oder der KGB. Spaß beiseite: "Leere Herzen", eine Parabel auf eine in Gleichgültigkeit und Passivität versinkende Gegenwartswelt, mangelt es an einem Kern, der die vielen Versatzstücke der Story zusammenhält.

Von Terrorismus, Demokratiefeindlichkeit, Stellvertreterkriegen, bis hin zur Cyberkriminalität hat die 1974 geborene Schriftstellerin sämtliche Diskurszutaten unserer Tage in einen Topf geworfen und verrührt. Die anfangs gestochen scharfe Milieustudie verkommt zu einer Polit-Satire ohne Ziel und Aussagekraft.

Dass Juli Zeh zu jeder Debatte den passenden Brief an das Kanzleramt parat hat, bewegt einige Kommentatoren immer wieder dazu, in ihr die Rückkehr des Konzepts politischer Autorschaft im Stil von Grass oder Böll zu feiern. Mit kompositorisch dichten Romanen wie "Spieltrieb" oder "Corpus Delicti" konnte sie sich als Aufklärerin und Verteidigerin der humanistischen Werte etablieren.

Die Anklägerin Zeh hat jedoch die Ästhetin Zeh auf halber Strecke zurückgelassen. Für ihre Botschaften findet sie keine Form mehr, die literarisch überzeugt. So bleiben Mahn- und Weckrufe, Interventionen und Positionen, die ihre Leuchtkraft längst verloren haben.

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