"Leichtigkeitslüge"-Autor Noltze "Kultur muss wehtun dürfen"

Runter von der Couch! In seinem Buch "Die Leichtigkeitslüge" prangert Holger Noltze die Trägheit beim Kulturgenuss an. Im Interview erklärt der Wissenschaftler, warum er Radio-Programmplaner skrupellos findet, das Mantra der knappen Kassen nicht mehr hören kann und "Mad Men" für eine Sinfonie hält.

Christoph Boeckheler

SPIEGEL ONLINE: Herr Noltze, kann man ihren Essay "Die Leichtigkeitslüge. Über Musik, Medien und Komplexität" in dem einem Satz zusammenfassen: Kultur muss wehtun, ist aber auch schön?

Noltze: Falsch! Es ist nicht so, dass nur widerständige, anstrengende und komplexe Musik gut ist. Aber Kultur muss auch wehtun dürfen. In meinem Buch beschreibe ich verschiedene Systeme, die ich zumindest in Ausschnitten selbst erlebt habe: Bildung, Medien und Kulturbetrieb. Diese Instanzen kann man vergleichen, weil sie alle mit Vermittlungsvorgängen zu tun haben. Mich besorgt, dass es in allen drei Bereichen die ähnliche Tendenz gibt, Musik, Kunst und Kultur als etwas Leichtes und Schönes anzupreisen und dabei das Schwere und Anstrengende auszuklammern. Dabei verpassen wir etwas Wesentliches.

SPIEGEL ONLINE: Was spricht dagegen, eine Ausstellung, ein Buch oder ein bisschen Klassik ausschließlich zur Zerstreuung zur genießen?

Noltze: Gar nichts, aber es kann sein, dass dann etwas fehlt. Meine Kritik richtet sich nicht gegen Menschen, die sagen, dass der "Echo Klassik" eine tolle Show ist. Sondern gegen jene in der Kulturvermittlung und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die behaupten, zerstreuter Genuss wäre die Einstiegsdroge in die ernsthafte Beschäftigung mit klassischer Musik. Das ist ein schöner Selbstbetrug. Dabei lohnt sich Anstrengung im Umgang mit Mozart, Beethoven, Haydn oder Neuer Musik, denn sie ist ein Katapult, das mich aus dem Hier und Jetzt vielleicht nicht in eine bessere, schönere, kunstreligiöse Sphäre, aber zumindest überhaupt mal in eine andere Sphäre bringt. Kultur bietet ein großes Reservoir von Erfahrungs- und Erlebnismöglichkeiten. Sie schafft "andere Räume", die mit der Rechtwinkligkeit der Verhältnisse nichts zu tun haben und sie enthält vielleicht sogar so etwas wie Lebenshilfe.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Einstieg in diese "Räume" soll nicht erleichtert, die Tür nicht offen gehalten werden?

Noltze: Doch. Aber die Lügerei fängt dann an, wenn man negiert, dass die Leute zwar durch das Scheunentor laufen, das ihnen aufgehalten wird, aber sofort dahinter stehen bleiben. Wenn es plötzlich ein bisschen ernster oder widerständiger wird, gehen sie nicht weiter. Warum sollten sie auch? Sie sind ja auf dem Ticket reingekommen, es sei alles easy. In der Kulturvermittlung wird sehr viel runtergeschraubt, was man später nicht mehr raufkriegt. Ich warne davor, schnell zufrieden zu seien, wenn man die Leute hinter die Schwelle gelockt hat - denn dann geht es erst richtig los. Andererseits bekommt eine Schostakowitsch-Sinfonie, wenn man sich ihr angenähert hat und richtig drin ist, so einen Flow. Es ist fast wie ein theologisches Modell: Man muss sich anstrengen und aufwärts streben, dann kommt irgendwann der Gnadenmoment, in dem mich die Hand von oben weiterzieht. Das ist nicht mystisch, sondern meine Erfahrung. Und die habe ich nur beim Joggen und beim Musikhören und der Literatur.

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten, dass Schulen, Medien und Kulturbetrieb die Rezipienten unterfordern. Doch wenn das Publikum ständig unterfordert wird, wieso nutzt es diese Angebote dann noch?

Noltze: Ich glaube, dass der Mensch von zwei grundsätzlichen Impulsen beherrscht wird. Das eine ist der Trägheitssatz: Im Grunde wollen wir auf der Couch sitzen und Chips essen. Dass es aber auch ein Bedürfnis nach Bewegung gibt, merken Sie, wenn Sie es geschafft haben, die Couch zu verlassen und ein paar Schritte rauszugehen. Auf einmal spüren sie ihren Körper! So ist es mit dem Kopf auch. Man kann beide Tendenzen fördern oder hemmen. Ich kritisiere, dass die genannten Systeme sich schleichend daran gewöhnt haben, auf die Trägheit zu setzen, weil das ihnen sicherer erscheint als die Herausforderung. Die Ansage lautet: "Lehnen Sie sich zurück, folgen Sie mir auf eine Reise - Sie müssen sich gar nicht bewegen!" Irgendwann sinkt dann auch beim Publikum die Bereitschaft aufzustehen, eine Sache von einer ungewohnten Seite zu betrachten, oder sich mit etwas Neuem und Fremdem zu befassen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Ansage an das Publikum ist: "Traut euch!"

Noltze: Traut euch, und traut euch auch, die Scharlatane, die nur Seifenblasen machen, von der Bühne zu buhen und etwas Anspruchsvolleres zu fordern. Ich meine jetzt nicht den armen Opa, der eine Konzerteinführung macht, sondern die skrupellosen Programmplaner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die nur noch das Kernrepertoire und nichts Sperriges mehr spielen. Trotz des Auftrags wird solange auf Quote und Angleichung mit den Populärwellen gesetzt, bis alle irgendwann dasselbe Programm wie Klassik Radio machen. Das finde ich zum Kotzen.

SPIEGEL ONLINE: Weil Klassik Radio statt Klassik bloß den "Star Wars"-Soundtrack spielt?

Noltze: Filmmusik nutzt Mittel, die sich aus der klassisch-romantischen Tradition ableiten, John Williams kann das gut und hat für "Star Wars" einen interessanten Soundtrack geschrieben. Ich finde das gar nicht alles blöd. Aber wenn deshalb bessere Musik nicht gespielt wird - gut und schlecht gemessen an der Frage, was das an ästhetischer Erfahrung für den Hörer bedeuten kann - dann bin ich gegen den "Star Wars"-Soundtrack. Wenn Sie sich eine schlichte Haydn-Sinfonie mal genau anschauen, dann finden Sie darin die Baupläne der Kreativität. Da bekommen Sie Respekt vor diesem Komponisten, der die Regeln nicht stur befolgt, sondern mit ihnen spielt und sie ins Schwingen bringt. Ich glaube, dass man durch Haydn-Sinfonien klüger werden kann, mit rechtwinkligen und festgefahrenen Alltagsstrukturen umzugehen.



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mülheimer, 14.12.2010
1. Furchtbar arrogant!
Zitat von sysopRunter von der Couch! In seinem Buch "Die Leichtigkeitslüge" prangert Holger Noltze die*Trägheit beim Kulturgenuss an.*Im Interview erklärt der Wissenschaftler, warum er Radio-Programmplaner skrupellos findet,*das Mantra der knappen Kassen nicht mehr hören kann und "Mad Men" für eine Sinfonie hält. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,732208,00.html
"Es gibt immer mehr Menschen, die bildungsmäßig abgehängt sind und überhaupt nicht auf die Idee kommen, in die Oper zu gehen." Aha, wer Bildung hat, der muss die Oper mögen. Sehr interessante These. Ich glaube, dass die meisten Opernbesucher nur deswegen dieses stundenlage Geschrei (Mezzosopran) antun, weil sie nicht zugeben wollen das das Mist ist. Ich denke, die Oper ist so tot, dass sie nur mit Hilfe von massiven Subventionen am Leben gehalten werden kann. Die Frage ist allein: Wofür?
schna´sel, 14.12.2010
2. Soylent Green
---Zitat von Noltze--- Ich bin dafür, dass die, die in der Oper vorne sitzen wollen, ruhig Marktpreise bezahlen sollen, weil sie das auch können. Man muss aber aufpassen, dass man für die anderen ein Ermäßigungssystem schafft, das niemanden ausschließt. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,732208,00.html ---Zitatende--- Vergebliche Liebesmüh würde ich sagen. Die Ermäßigungen werden nicht wahrgenommen. Die Menschen gehen nicht in´s Theater, weil sie billiger rein kommen. Wenn gleichzeitig Fussball läuft oder Lena singt. Die Leichtigkeitslüge von der der Autor spricht hat schon längst alle Kultur vereinnahmt. Es bleibt bestimmten Eliten vorbehalten, sich anzustrengen. Nicht weil sie mehr im Portemonaie haben, sondern weil sie i.d.R geschulter sind durch die Prozesse, die sie durchlaufen haben um überhaupt Elite zu sein. Aber das gilt natürlich auch nur für die klassischen Eliten. Die große Masse der Menschen, auch der elitären Bürgertums kommt über eine reine Konsumhaltung nicht mehr hinaus. Es muss auf den ersten Blick pointiert wirken, ansprechen, werben. Und es muss mundgerecht sein, vom ersten Moment an schmecken. Und eigentlich muss es auch alles durch die Medien vorgekaut und vorgekostet sein, bevor es als Kulturgut in die Fast Food Kochtöpfe der kulturellen Öffentlichkeit gelangt. Und Subventionen ändern daran kaum etwas. Die schaffen nur eine andere Subspezies des selben Phänomens. Es gibt keinen Ausweg. Kultur muss wehtun dürfen, sagt der Autor. Das ist richtig. Aber selbst dieses wehtun hat nur noch masochistischen Charakter. Und wenn der Mechanismus bedient wird, dann hat auch die Kultur, die weh tut eine Chance in diesem Massenbetrieb und sonst gar nicht. In meinen Augen läuft das auf eine "bunte" Viefalt hinaus, die aber näher betrachtet nichts als ein Einheitsbrei ist. Soylent Green: Der Untergang des Abendlandes...
fallobst24 14.12.2010
3. t
Zitat von Mülheimer"Es gibt immer mehr Menschen, die bildungsmäßig abgehängt sind und überhaupt nicht auf die Idee kommen, in die Oper zu gehen." Aha, wer Bildung hat, der muss die Oper mögen. Sehr interessante These. Ich glaube, dass die meisten Opernbesucher nur deswegen dieses stundenlage Geschrei (Mezzosopran) antun, weil sie nicht zugeben wollen das das Mist ist. Ich denke, die Oper ist so tot, dass sie nur mit Hilfe von massiven Subventionen am Leben gehalten werden kann. Die Frage ist allein: Wofür?
Sehe ich genauso. Davon abgesehen, dass ich mir deren Besuch als armer Student sowieso nicht leisten könnte, würde mich auch ehrlich gesagt nichts daran reizen. Kleinere Theaterbesuche von bestimmten klassischen Stücken finde ich interessant. Das Lesen der Lektüren sowieso aus dem Grund der Neugier und Allgemeinbildung, aber mit der Oper kann ich wirklich nichts anfangen. So oder so ist bzw. sollte doch der Start und größtenteils auch der Weg der kulturellen Bildung beim Buch sein... und ggf. der Diskussion darüber. Theater, Oper etc. sehe ich dabei als Erweiterung und Bonus an, aber nicht als DEN essentiellen Bestandteil. Das ist doch nicht wie Fernsehen: Glotze an, Gehirn aus und das für die nächsten 100 Minuten, oder?
gonzago.mabuse 14.12.2010
4. Weniger abstossend
wäre ja das ganze Gewschwurbel des Herrn Noltze dann, wenn er nicht selber Zeit seines Lebens Günstling und Nutzniesser des deutschen steuer- bzw. gebührenfinanzierten "Kultur"betriebes gewesen wäre. Eine Rechfertigungsorgie für die dünnwandig subventionierte Kulturgieskanne ist aus einer anderen Ecke ja auch kaum noch zu erwarten. Warum kann man, was denn schon so lange tot ist, nicht einfach in Ruhe verwesen lassen? Auch die zitierten Modelleisenbahner denken dass sie ein tolles Hobby haben - aber niemand erklärt sie deshalb zur schützens- und förderungswürdigen Art. Nur der Herr Noltze masst sich an darüber zu urteilen was "mehr Wert" hat. Diese "ich finds toll, also ist es toll, und wenn es andere langweilig finden, sind die doof" Positionierungen sind inzwischen auch schon so alt dass sie stinken. Dass auch die meisten gebildeten Menschen unter 40 Oper als erhaltungswürdige Kunstform inzwischen eher ablehnen wird einfach ignoriert, ebenso dass es immer weniger Leuten einsichtig ist dass 500.000 Einwohner einer Stadt direkt oder indirekt die "sehen und gesehen werden" Platform von maximal 5000 subventionieren müssen. Und wes Geistes Kind der Mann ist ist auch leicht an den Beispielen zu erkennen die er von sich gibt - nach dem 19. Jahrhundert gibt es für den wohl gar keine Kunst mehr. g.m
chassespleen 14.12.2010
5. Kultur ist bunter
Herr Noltze offenbart eine sehr altmodische und eingeschränkte Sichtweise von " Kultur": Oper, Theater, Sinfonien, Literatur (selbstverständlich nur das "gute" Buch). Doch es gibt viel mehr, z.B. in der Musik: Pop, Rock, Blues, Jazz, Folk etc ... Lieber talentierte Bands und freie Gruppen fördern als die übliche millionenverschlingende Kulturlobby. Das traditionelle Theater- und Opernpublikum soll seine Karten selbst zahlen und sich in Bayreuth, Hamburg und sonst wo feiern, alles zugestanden, doch besteht kein Anspruch auf Finanzierung des Kulturbetriebs. Und ja, die Kassen sind leer und die Trotzhaltung von Herrn Noltze "aber Deutschland ist so ein reiches Land" ist einfach nur infantil.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.