Science-Fiction-Dystopie Wohlstandsmüde im Weltall

Die kosmische Variante von Merkels Stillstand: Mit "Planet Magnon" erschafft Leif Randt eine Allegorie westlicher Oberflächlichkeit - eine kluge Fortschreibung von Dave Eggers "Der Circle".
"Die fast perfekte Illusion, dass es uns gut geht"

"Die fast perfekte Illusion, dass es uns gut geht"

Foto: Corbis

Wer durchs Weltall fliegt und auf der Reise irgendwann Toadstool erreicht, dürfte zuerst wohl feststellen, dass es sich dabei um einen Müllplaneten handelt. Und wenig später, dass Toadstool bewohnt ist. Von Menschen, die hier, auf dem äußersten Planeten seines Sonnensystems, die Arbeiten verrichten, die von den benachbarten Himmelskörpern, ihre Namen sind Blossom, Blink, Cromit und Sega, ausgelagert worden sind.

Leif Randts neuer Roman "Planet Magnon" ist offenbar ein Science-Fiction-Roman. Die Menschheit - oder zumindest ein Teil von ihr - hat die Erde längst verlassen. Und doch erinnert vieles, was hier in der Zukunft, im sogenannten postpragmatischen Zeitalter, stattfindet, an das, was auch die besser gestellten Schichten der Wohlstandsgesellschaften in Mitteleuropa, Nordamerika oder Ostasien umtreibt: die Pflege einer makellosen Oberfläche bei gleichzeitigem Verdrängen seelischer Konflikte.

Die "Actual Sanity" genannte Zentrallenkung des Sonnensystems könnte man sich auch als eine kosmische Abstraktion Angela Merkels vorstellen: Diskret garantierte Sicherheit ist das entscheidende Kriterium allen Handelns.

Kühl kalkulierte Affären

Anders als in unserem heutigen Sonnensystem aber sind Armut, Krankheit, Naturkatastrophen und auch der Tod so gut wie aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Sogar das Alter ist eigentlich abgeschafft. "Best Ager" sind ebenso gut drauf wie "Early Ager", man trägt geschmackvolle Sportswear, pflegt flüchtige, kühl kalkulierte Affären und konsumiert eine kupferfarbene Flüssigkeit, die Psychodroge Magnon. Besonders Verwegene rauchen Kariom, "ein Tagtraummittel", früher bekannt als Cannabis.

Das "Ende der Geschichte", von dem irgendwann einmal, damals auf der Erde, ein Politikwissenschaftler namens Francis Fukuyama gesprochen hat, stünde hier kurz zuvor - würde sich am Horizont nicht ein Aufstand abzeichnen: Das "Kollektiv der gebrochenen Herzen" kämpft mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen gegen die "fast perfekte Illusion, dass es uns gut geht".

Ein Paar, jung, attraktiv, aber nicht liiert, wird ausgesucht, um den Aufständischen entgegenzutreten: Als Botschafter der bestehenden Ordnung, aber auch als Kundschafter, die herausfinden sollen, was es mit der Anführerin der Rebellen, dem "Mädchen mit der Tigermaske" auf sich hat, machen sich Emma Glendale und Marten Elliot auf Richtung Toadstool.

Perversion aller Utopien

Bereits mit seinem vorigen Roman "Schimmernder Dunst über Coby County" hat Leif Randt gezeigt, dass er von der Mittelmäßigkeit der bundesdeutschen Literatur so weit entfernt ist, wie Toadstool von der Erde. Die schwebende Atmosphäre, der klare Ton, der an japanische Schriftsteller, aber auch an den jungen Christian Kracht oder an den frühen Bret Easton Ellis erinnert, prägt "Planet Magnon", wie er zuvor Randts Debüt geprägt hat.

Als allegorische Beschreibung von Wohlstand und Oberflächlichkeit lässt sich "Planet Magnon" mit "Faserland" und "Unter Null" vergleichen. Als Gesellschaftsparabel ist es beiden überlegen. "Planet Magnon" wirkt wie eine kluge Fortschreibung von Dave Eggers "Der Circle."

Auf eine überdeutliche Beschreibung der Perversion aller Utopien, von innerer Leere, Überwachungsgesellschaft oder Machtmissbrauch kann Leif Randt, anders als Eggers, verzichten.

Er deutet das alles nur an. Form und Inhalt ergänzen sich: Der Gesellschaft entspricht die Sprache seines Buchs und dessen Schwingung - das macht diesen Roman zu einem der schönsten des Frühjahrs.

Man kann Weltraumreisenden nur empfehlen, einen Umweg zu machen: "Planet Magnon" gibt es derzeit nur auf der Erde.

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Leif Randt:
Planet Magnon

Kiepenheuer&Witsch; 304 Seiten; 19,99 Euro.

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