Bestseller-Debüt von Leïla Slimani Liebe, Triebe, Tradition

Leïla Slimanis Ehebruch-Roman "All das zu verlieren" sorgte für Zündstoff in der islamischen Welt. Nun ist das Debüt auch in deutscher Übersetzung erschienen - die Zerrissenheit der Heldin lässt einen kalt.

Paar beim Sex (Symbolbild): Zerrissenheit zwischen Tradition und Trieb
Getty Images

Paar beim Sex (Symbolbild): Zerrissenheit zwischen Tradition und Trieb


Adèle ist gelangweilt. Denn ihr Leben ist einfach. Ihr Mann ist Arzt, das Kind ist gesund, ihr Job als Journalistin bietet ihr Reisen und Freiheiten. Allerdings ist da ein Problem. Sie steht ihrem Leben mit der gleichen Verweigerung gegenüber wie ihrer Arbeit. Sie müsste etwas tun - und macht: nichts.

Sie müsste ihre Kontakte vor Ort in Tunesien anrufen, um einen Artikel über Tunesien zu schreiben, aber Adèle hasst ihren Job und die Vorstellung, dass sie arbeiten muss, um davon zu leben. Sie wollte immer nur eins: Beachtung. Die Beachtung ihres Chefs bedeutet ihr aber nichts, seitdem sie weiß, dass er von nichts eine Ahnung hat. Sie erfindet also einen ganzen Artikel. Sie verachtet alle. Sich selbst am allermeisten.

Leïla Slimani wurde 1981 in Marokko geboren. Sie studierte Politikwissenschaften in Paris, arbeitete danach als Journalistin für die Zeitschrift "Jeune Afrique". Sie heiratete, ihr Mann ist Ökonom, sie bekam Kinder, sie schrieb ihr Debüt "All das zu verlieren". Es wurde ein Erfolg. Vor allem in Marokko: Auf Lesereise dort hat "All das zu verlieren" Leserinnen dazu verleitet, sich Leïla Slimani anzuvertrauen. In Marokko steht Ehebruch unter Gefängnisstrafe. Die Zerrissenheit zwischen Tradition und Trieb, zwischen Selbstverwirklichung und Zwang, dort ist sie überaus nachvollziehbar.

Sie zeigt nichts, sie sagt alles

Dort schockierte Adèles Mittel, um doch noch Demut zu empfinden: Sex mit verschiedenen Männern. Ehebruch! In den Stunden der Reue danach weiß die Protagonistin ihren langweiligen Mann und ihr vermeintlich langweiliges Leben wieder zu schätzen. Denn ihr geht auf, all das könnte sie auch verlieren.

Was 2014 in Marokko gesellschaftlichen Furor zu entwickeln vermochte, lässt einen hier und heute - gerade ist die deutsche Übersetzung erschienen - kalt. Adèle ist eine Frau, deren Zerrissenheit man nicht versteht. Sie lebt im gegenwärtigen Paris, eine Scheidung wäre kein Skandal. Sie denkt aber auch nie über solche Alternativen nach. Adèle ist eine Figur, die weder Kontakt zu ihrem Umfeld, noch zu sich selbst hat. Ihren Sohn, Lucien, empfindet sie als eine Last und als eine Verpflichtung, an die sie sich nicht gewöhnen kann.

Das steht da so in Slimanis Roman. Die Autorin zeigt dem Leser nichts, sie sagt ihm alles. So ist Adèle Ehefrau und Mutter geworden, weil diese Rollen ihr eine Aura der Achtbarkeit geben sollten. Und die Mutterschaft hatte Adèles Ausweg aus dem Überdruss werden sollen. Der Leser muss keine Schlüsse ziehen.

Preisabfragezeitpunkt:
19.05.2019, 18:50 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Leïla Slimani
All das zu verlieren: Roman

Verlag:
Luchterhand Literaturverlag
Seiten:
224
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Amelie Thoma

Der Plan ging nicht auf, das versteht man ab der ersten Seite. Wirkliche Probleme scheint Adèle mit der Mutterschaft aber auch nicht zu haben. Die wenigstens werden nicht geschildert. Das Kind bleibt Randfigur. Die Protagonistin liegt auf dem Badezimmerfußboden und tut so, als würde sie sich fertig machen. Das wiederum macht ihren Mann fertig. Denn der wartet auf sie, gemeinsam haben sie einen wichtigen gesellschaftlichen Termin. Der ist Adèle aber natürlich zu langweilig. Der Badezimmerfußboden ist aber auch nicht spannender.

Als Erklärung für diese Verweigerung wird Adèles Aufwachsen herangezogen. Natürlich. Adèles Mutter sagt es so: Adèle wollte immer das große Leben. Was das sein soll, bleibt ausnahmsweise ungesagt. Eventuell hat es etwas mit Sex zu tun. Denn Sex ist das einzige Element, das in dem Roman mit Bedeutung aufgeladen wird. Er steht als Symbol für Lebendigkeit, als Symbol für das Ausbrechen aus den Konventionen, als Symbol für die Endlichkeit, für die Emanzipation und für Unterdrückung. Ach, für alles eigentlich.

Ab und zu Kitsch

Adèles Mann Richard hat deswegen natürlich nicht die allergrößte Libido. Statt Orgasmen verschenkt er lieber teure Broschen, die der Protagonistin daher vorkommen wie eine Fessel.

Immer wieder fragt man sich beim Lesen: Adèle, warum handelst du nicht? Du hast doch alle Mittel. Dann mach doch was anderes, Herrgott! Oder denke wenigstens darüber nach. Aber "das Andere" scheint es gar nicht zu geben. Da ist nur die holzschnittartige Darstellung eines spießigen, geordneten Familienlebens und sein Gegenteil: Sex. All das kommt in einer den Inhalt spiegelnden, langweiligen Sprache daher, die ab zu mit Kitsch überrascht, wie: "Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein" oder: "Die Nacht ist warm, und das Gewitter in der Ferne lässt die Pferde unruhig wiehern."

Autorin Slimani: In Marokko ein Schocker
AFP

Autorin Slimani: In Marokko ein Schocker

Mit "Sex und Lügen: Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt" veröffentlichte Slimani ein Sachbuch. 2016 erschien ihr zweiter Roman "Dann schlaf auch du" über eine mordende Nanny. Er wurde zum Bestseller, sie erhielt den Prix Goncourt. 2017 ernannte Emmanuel Macron sie zur Botschafterin für die Frankofonie. All das klingt wesentlich facettenreicher, als ihr Debüt sich liest.

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.