Psychogramm einer Kindesmörderin Mit der Tagesmutter kommt der Tod ins Haus

"Dann schlaf auch du", der Roman, für den Leïla Slimani den wichtigsten französischen Literaturpreis bekam, beginnt mit dem Alptraum aller Eltern - und sucht dann nach Gründen für das Unbegreifliche.

"Das Baby ist tot." Viel härter kann der erste Satz eines Romans nicht reinschlagen. Überhaupt werden die ersten drei Seiten kaum jemanden, der Kinder hat, kalt lassen (und andere Leser kaum weniger berühren). In Sätzen, die mit Sachlichkeit versuchen, das Grauen erträglicher zu machen, von dem sie berichten, wird der Tatort eines doppelten Kindesmordes geschildert, die Tat rekonstruiert, der Schrei der Mutter beschrieben, "aus tiefsten Tiefen, das Geheul einer Wölfin", die doch extra früher nach Hause gekommen war, "etwas Süßes für die Kleinen und einen Orangen-Teekuchen für die Nanny gekauft" hatte, mit Adam und Mila Karussell fahren wollte. Und nun sind ihre beiden Kinder tot.

Im Film würde nach einem solchen Auftakt erst mal ein Vorspann zum Durchatmen kommen. Im Buch kommt nur ein bisschen Weißraum unten, Umblättern, Weißraum oben - dann geht es direkt hinein in die Erzählung, wie es zu diesem schrecklichen Verbrechen kam. Leïla Slimani, die Romanautorin, hat es, ganz klassisch, im Vermischten der Zeitung gefunden; der reale Doppelmord geschah in New York, in einem der besseren Viertel.

Autorin Slimani

Autorin Slimani

Foto: Catherine Hélie/ Editions Gallimard

Slimani hat die Geschichte aus den USA nach Paris übertragen, die Autorin ist in Marokko geboren, ging aber mit 18 Jahren in die französische Hauptstadt. "Dann schlaf auch du" ist ihr zweiter Roman, sie wurde dafür 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, jenem wichtigsten französischen Literaturpreis, den vor ihr Proust, de Beauvoir oder Houellebecq gewannen. Im Erscheinungsjahr wurde das Buch in Frankreich rund 350.000-mal verkauft, ein großer Erfolg also.

Bobos glauben, ihre Mary Poppins gefunden zu haben

Der hat zum einen sicher mit der universellen Angst zu tun, die bei dem Thema mitschwingt; doch trägt auch die prägnante Milieuschilderung dazu bei: Wenn der Fall auch nach Frankreich verlegt wurde, so doch auch in eines der besseren Viertel im 10. Arrondissement von Paris. Myriam und Paul suchen eine Nanny für ihre beiden kleinen Kinder, Mila und Adam. Paul ist als Musikproduzent häufig lange weg von zu Hause, Myriam will wieder anfangen, als Anwältin zu arbeiten.

Das Paar scheut sich zunächst ein wenig, Unterstützung zu suchen. Sie sind, was man in Frankreich "Bobos" nennt, bourgeoise Bohemiens, und finden es nicht selbstverständlich, Hilfe im Haushalt zu haben. Aber die neue Dienstbotengesellschaft, die "Rückkehr der Diener" (Christoph Bartmann) findet ihren Weg auch in die Wohnung von Myriam und Paul. "Keine ohne Papiere, da sind wir uns einig?", sagt Paul, ultrapragmatisch: "Ich will niemanden, der Angst hat, die Polizei zu rufen oder ins Krankenhaus zu gehen, wenn es ein Problem gibt."

Es scheint, als hätten sie mit Louise das große Los gezogen: Den Kindern erzählt die Fünfzigjährige Geschichten, den Eltern kocht sie Abendessen, bald schon geben sie vor Freunden mit ihr an: "Meine Nanny ist eine Fee", sagt Myriam, und Paul kommt der unvermeidliche Mary-Poppins-Vergleich in den Sinn. Sogar in den Sommerurlaub nach Griechenland fährt Louise mit - "Was sollte sie schon Besseres vorhaben?", denkt Paul.

Solche kleine Flecken wirft Slimani immer mal wieder in das glatte Bild des Familienglückes, die von den Lesern mit ihrem Wissen ums böse Ende natürlich bereitwillig bemerkt werden. Es gibt die soziale Konfliktlinie: Wenn sich Louise und die Freunde des Paares begegnen, hat man sich nichts zu sagen. Wenn sie per Metro und Regionalbahn in ihre Banlieue-Wohnung zurückgekehrt ist, verkriecht sie sich. Einer denkbaren Solidarität unter Nannys verweigert sich Louise weitgehend. Und für all dies wollen sich Myriam und Paul nie so wirklich interessieren, bleiben distanziert, wimmeln mögliche Probleme ab, selbst als sie per Amtspost ins Haus flattern.

Vorzeichen des Schrecklichen

Das ist symptomatisch für ein Verhältnis, in dem einerseits die Grenzen der Privatsphäre fallen, aber andererseits die Distanz im Dienstverhältnis gewahrt bleiben soll. Doch zugleich gibt es auch eine persönlich-psychologische Dimension: Louises eigene Familiengeschichte, frühere Ausbrüche, Vorzeichen des Schrecklichen.

Sie werden nach und nach präsentiert, in Rückblenden, in Zeugenaussagen, wie aus dem Lehrbuch (Leïla Slimani besuchte die Schreibschule ihres Verlags Gallimard). Von allen Seiten wird Louise betrachtet, allzu vollständig, bloß keine Motivlage vergessen. Ein bisschen zu sehr drängt sich bisweilen die Konstruktion des Romans in die Lesewahrnehmung.

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Slimani, Leïla

Dann schlaf auch du: Roman

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seitenzahl: 224
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Und doch ist all das Lob, das Slimani in Frankreich erntete, verständlich und berechtigt. Insbesondere, weil es ihr immer wieder gelingt, gerade in der großen Nüchternheit ihres Berichts mithilfe von genau beobachteten Details Atmosphäre zu schaffen. Zum Beispiel, wenn sie von den Parks im Winter berichtet, "heimgesucht" von "denen, die nichts arbeiten, die nichts produzieren. (...) Im Frühling kommen natürlich die Verliebten wieder, heimliche Paare finden ein Zuhause unter den Linden, in den blühenden Alkoven, Touristen fotografieren die Statuen. Im Winter ist es etwas anderes."