Leipziger Buchmesse Deutschland von unten

Kompromisslos körperlich: Der Nachwuchsautor Clemens Meyer bildet in seinem Roman "Als wir träumten" die reale Lebenswelt in all ihrer Härte ab. Die mit Wut und Wirklichkeit aufgeladene Erzählung könnte den Preis der heute beginnenden Leipziger Buchmesse gewinnen.
Von Daniel-Dylan Böhmer

Daniel Lenz läuft nicht mehr weg. Zehn, zwölf Mann stehen gegen ihn, Jugendliche Kleingangster aus Leipzigs Osten, wie er selbst. Seine Eisenstange hat er verloren, sein letzter Schutz ist der Gegner, in den er sich verkrallt, um sich vor den anderen zu schützen.

"Ich sah sie nicht, aber sie standen im Kreis um uns rum. Ich legte meine Beine auf seinen Rücken, packte seinen Kopf und schlug ihn immer wieder auf meine Stirn. Ich fühlte nichts mehr. ,Bitte, nehmt ihn weg, nehmt ihn von mir weg!' Er heulte, und mein Gesicht wurde nass, vielleicht hatte ich auch seine Augen kaputtgemacht. (...) Sie zerrten an ihm, sie kamen ja sonst nicht an mich ran, und ich presste meine Beine so stark um seinen Rücken, dass er ganz still war. Auch sie arbeiteten schweigend. Ich hörte nur ihre Schritte und ihren Atem. Jetzt erwischten sie mich mit den Füßen in den Seiten und am Kopf. Ein Stück Holz fuhr mir in den Hals, ich konnte nicht mehr atmen und schrie. Ich war erstaunt, wie leise ich schrie."

Clemens Meyers Roman "Als wir träumten" könnte allein wegen solcher Gewaltszenen Furore machen: Kompromisslos körperlich, gewandt inszeniert und in einer authentischen Sprechsprache erzählt, präzise und manchmal lakonisch bis zur Stille. Aber Gewalt ist hier kein Knalleffekt, sondern die notwendige Verkettung zwischen den Jugendepisoden von fünf Freunden im Leipzig zwischen DDR und Gesamtdeutschland. Sie spielen am Rand von Proletariat und Kleinbürgertum, in Trinkhallen, Parks, Fußballstadien, Puffs und Knästen. Meyer erzählt ihre Kindheiten, ihre Lieben, wie sie abgleiten und sich verraten in Abenteuern, die von Kapitel zu Kapitel auf der Zeitachse hin- und herspringen. Es könnten Kurzgeschichten sein, aber stets verweist ein fehlendes Puzzleteil auf das nächste Kapitel und so kollagiert sich eine Dramaturgie zusammen, die man als Krimi lesen kann oder als Spurensuche.

Clemens Meyer, 1977 in Leipzig geboren, will nichts analysieren, aber er weiß, wovon er erzählt. Er ist mit Menschen aufgewachsen, wie er sie beschreibt. Er kennt Jugendarrestanstalten aus der Perspektive des Insassen. Er ist tätowiert wie seine Helden. Eine Wand seiner Küche ist mit Boxplakaten gepflastert. Er spricht wie ein sächsisches Reibeisen. Mit seinem Hund redet er Klartext.

Aber er hat sich hier nicht einfach seine Jugend von der Seele geschrieben. Meyer hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL) studiert wie Juli Zeh, Ricarda Junge oder Franziska Gerstenberg und an der Randgesellschaft, die er beschreibt, reizt ihn das erzählerische Potential: "Wer nichts hat, wer nur verliert, der braucht viel mehr Illusionen, Träume, Legenden", sagt er. Deshalb seien die Lebens- und Gedankenwelten der realen Vorbilder seiner Figuren beherrscht von Mythen und Heldenerzählungen. "Und von Nostalgie. Wenn man so beim Bier zusammensitzt schwelgt man fast nur in Erinnerungen. Wovon soll man auch sonst reden?"

Meyers Meisterschaft besteht darin, das pubertäre Pathos dieser Heldenerzählungen fühlbar machen zu können und zugleich wachsam genug zu sein, um jene Realitäten zu beschreiben, welche die Illusionen entlarven. Er verleiht den Träumen Glanz und beschreibt zugleich den Alptraum, der sie umgibt. Der Alptraum, das ist nicht nur die materielle Not und die Angst vor Gewalt. Der Alptraum besteht vor allem darin, dass soziale Bindungen an Not und Angst zerbrechen. Auch die Freundschaft. So beschreibt Meyer den Verlust von Sicherheit in persönlichen Tragödien, mithin eines der großen Themen unserer Zeit. Darum ist sein Buch nur zuallerletzt ein "Wenderoman". Eher schon ein Porträt Gesamtdeutschlands von unten.

"Als wir träumten" ist etwas, wonach deutsche Kritiker und Leser zu Recht lange gerufen haben: eine große Erzählung voller Wut und Wirklichkeit, die daraus Poesie und rabiaten Humor gewinnt, die eine eigene Sprache mit dem Leser spricht und ihn mit präziser Dramaturgie in den Bann schlägt. In einem Wort: Ein Roman, der aus sehr viel Leben sehr große Kunst macht. Ganz gleich, ob Meyer den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik erhält oder nicht: sein Buch ist ein gutes Zeichen für die junge deutsche Literatur nach Jahren gelangweilter Sinnsuche in Wohlstandswelten.

Es beweist auch, dass das Deutsche Literaturinstitut mehr ist als die Kunsthandwerksschule für befindliche Bürgerkinder, als die es bisweilen geschmäht wird. Wenn neue Realitäten entdeckt werden erweist sich das Handwerk als nützlich, das am Institut gelehrt wird. Etwa im Krimi-Seminar von Thomas Hürlimann, das auch Clemens Meyer besucht hat. Dass der Blick auf das untere Ende der Gesellschaft Wesentlicheres erlaubt, als der bekannte Glam-Pop oder betroffene Soziologenliteratur, zeigte zuletzt auch die DLL-Absolventin Claudia Klischat mit ihrem brutal-brillanten Bewusstseinsroman "Morgen. Später Abend." Der Blick von unten greift also Raum, in der Literatur wie im Film, und er wird notwendiger werden in einer Gesellschaft, der sich Gewalt als Thema immer öfter aufdrängt, die sich das Klassen-Denken aber abgewöhnt hat.

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