Leseprobe von Mo Yan "Eure Hoheit, er ist frittiert!"

Der Chinese Mo Yan hat den Nobelpreis für Literatur 2012 erhalten. SPIEGEL ONLINE dokumentiert mit freundlicher Genehmigung des Unionsverlags das erste Kapitel seines Buches "Der Überdruss". Lesen Sie die Klage eines in der Hölle schmorenden Großgrundbesitzers.

In der Hölle, wo die Klassenfeinde schmoren, hadert der Großgrundbesitzer Ximen Nao mit seinem grausamen Tod. Nein, er war kein Feind der Revolution und hat seine Bauern immer gut behandelt. Der Höllenfürst Yama hat ein Einsehen und erlaubt ihm, in sein früheres Haus zurückzukehren. Doch leider nicht ganz so, wie sich Ximen Nao das vorgestellt hat...

Das erste Buch

Die Bürden des Esels

Das erste Kapitel

ln der Hölle schmorend beschwert sich Ximen Nao über die ungerechte Behandlung. Betrogen wird er als Esel wiedergeboren.

Meine Geschichte beginnt im Jahr 1950. Es ist der 17. Februar, der Neujahrstag des chinesischen Kalenders. Ich habe mehr als zwei volle Jahre im Gerichtshof der Unterwelt und in den Folterkammern der Hölle verbracht. Unaussprechliche Folterstrafen jeder Couleur erlitt ich. Menschen in der Oberwelt werden sich das Ausmaß der Qualen nicht vorstellen können. Jedes Mal, wenn ich vor Gericht neu vernommen wurde, erging ich mich laut klagend in Beschwerden über die demütigenden Ungerechtigkeiten. Meine wüste Stimme schallte durch den Palast der Unterwelt. Ihr Echo hallte in Wellen durch die riesige Amtshalle bis in den letzten Winkel. Ich wurde gefoltert, blieb aber standhaft und fühlte keine Reue. So erwarb ich mir den Ruf, ein knallharter Bursche zu sein. Ich weiß, dass viele Höllendämonen mir insgeheim ihre Hochachtung entgegenbrachten. Genauso wusste ich, dass ich dem Höllenfürsten gänzlich über war. Damit ich mich endlich doch geschlagen gab und reumütig zeigte, ersann er die teuflischste aller Folterstrafen für mich. Seine Schergen warfen mich in einen Kessel mit siedendem Öl. Sie frittierten mich von allen Seiten knusprig, eine halbe Stunde lang, genau wie man ein Hähnchen frittiert. Den Grad meiner Qualen weiß ich mit Worten nicht zu benennen. Ein Dämon spießte mich sodann auf eine Gabel, hielt mich senkrecht nach oben, worauf er mit mir Schritt für Schritt die Stufen durch die große Gerichtshalle dem Fürsten Yama entgegenschritt. Die Dämonen zu beiden Seiten der Stufen feuerten den Burschen mit wilden Rufen und schrillen Pfiffen an. Es klang wie das Kreischen blutrünstiger Fledermausschwärme. In Schwaden trieb mir weißgelber Qualm aus der Kruste, Öl tropfte auf die Stufen, ich triefte. Der Dämon war akribisch damit befasst, mich mit der Gabel auf dem Lapislazuli-Tisch abzulegen. Sodann kniete er nieder und meldete: "Eure Hoheit, er ist frittiert!"

Ich spürte, dass ich eine tiefbraune Kruste hatte und so kross war, dass ich beim kleinsten Stoß zerbröseln würde. Tief aus der riesigen hohen Halle, aus der gleißendes Licht strahlte, schallte mir höhnisch die Frage des Unterweltfürsten Yama entgegen: "Ximen Nao, bist du nun endlich still?"

Ich sag's dir ganz im Vertrauen, in diesem Moment war ich kurz davor, weich zu werden. Durchgebraten lag ich bäuchlings im eigenen Saft, immer noch brutzelnd platzte mir knisternd die Kruste. Ich spürte, dass ich meine Kraft, Qualen zu ertragen, restlos erschöpft hatte. Würde ich mich auch jetzt nicht kleinkriegen lassen, wer wusste, was sich die dreckigen, korrupten Büttel des Yama noch an Foltermethoden für mich ausdachten? Wenn ich mich nun beugte? Hätte ich dann alle vorangegangenen Qualen umsonst ertragen? Mit mir hadernd hob ich den Kopf. Jeden Moment konnte mir der Schädel vom Hals knicken. Ich blickte in die schmierig grinsenden Fratzen des Yama und seiner Richter. Da durchfuhr es mich, vor Wut krampfte sich mir das Herz zusammen. Ich wollte alles auf eine Karte setzen! Und sollte ich zwischen den Mühlsteinen meiner Schergen zu Pulver zermahlen werden! Sollte mich doch ihr eiserner Stößel zu Hackfleisch machen! Ich wollte es dennoch laut herausschreien: "Unrecht!"

Spuckend verspritzte ich ranzige, stinkende Ölkleckse, als ich wieder wie von Sinnen schrie: "Unrecht!" Arbeitsam, sparsam und sich für die eigene Familie aufopfernd, dabei immer eifrig auf das Gemeinwohl bedacht und jederzeit gern zu guten Taten bereit. So kannte mich jeder aus meinen dreißig Jahren unter den Menschen. Im ganzen Nordosten von Gaorni gibt es keinen Tempel, in dem ich nicht für die Erneuerung der Götterstatuen mein Geld gelassen hatte. Jeder Habenichts aus Gaomi hatte bei meinen Armenspeisungen gegessen. Jedes Reiskorn aus meinem Kornspeicher trägt die Spuren meines Schweißes. Jeder Kupferling aus meiner Geldkassette bei uns zu Hause ist mit meinem Herzblut getränkt. Ich war durch memer Hände Arbeit reich geworden. Meiner Klugheit verdankte ich meinen Besitz. Mit Inbrunst wagte ich laut zu bekennen: "Ich tat während meines ganzen Lebens nie etwas, dessen ich mich schämen müsste. Dennoch fesselten sie" - mit aller Schärfe schrie ich es heraus - "jemanden wie mich, einen in jeder Hinsicht guten Menschen, geradlinig, ehrlich in Worten und in Taten, an Hals und Armen, sie trieben mich auf die Brücke und exekutierten mich dort!" Sie hatten eine einfache Jagdflinte dafür benutzt, geladen mit einer halben Kalebasse voll Schwarzpulver und einer halben Reisschale voll Schrot, was eben an Munition gerade da war. Sie standen nur einen halben Meter von mir entfernt, als sie auf mich feuerten. Mit einem Höllenlärm kam der Schuss. Die eine Hälfte meines Schädels wurde zu blutigem Brei, der Brei beschmierte die Brücke und tropfte hinunter auf die melonengroßen, hellgrauen Steine unter der Brücke.

"Ich bin unschuldig! Ich wurde zu Unrecht getötet. Ich bitte Euch, Fürst Yama, mich wieder zurückzuschicken, damit ich vor Ort bei diesen Leuten nachfragen kann, was ich verbrochen haben soll!" Während meines einer Gewehrsalve gleichkommen den Wortschwalls sah ich, wie sich das fettige, schmierige Gesicht des Unterweltfürsten Yama verzog. Die Augen der Richter an seiner Seite blitzten unruhig hierhin und dahin, sie wagten nicht, mir ins Gesicht zu schauen, Ich wusste, dass sie über die Ungerechtigkeit, die mir widerfahren war, genau Bescheid wussten. Von Anfang an hatten sie gewusst, dass ich der Geist eines zu Unrecht Gestorbenen war. Aus bestimmten Gründen, die mir unbekannt blieben, machten sie gute Miene zum bösen Spiel und hielten sich bedeckt. Ich hörte nicht auf zu schreien, ich wiederholte mich wieder und wieder, wie ein kreisendes Echo, immer wieder das Gleiche von vorn. Fürst Yama beriet sich leise mit seinen Richtern, Dann knallte er den Richterstab mit einem Klatschen auf den Tisch: "Es reicht, Ximen Nao. Ich weiß, dass du zu Unrecht gestorben bist. Viele, die leben, verdienen den Tod, und viele, die sterben, verdienen das Leben Da kann der Unterweltgerichtshof leider auch nichts tun. Das Gericht macht eine Ausnahme und erteilt dir Amnestie. Wir schicken dich zurück in die Oberwelt."

Diese plötzliche frohe Botschaft traf mich wie ein Mühlstein, der meinen Körper zermalmte. Fürst Yama schleuderte achtlos ein zinnoberrotes Dreieckszepter auf den Tisch und wetterte übelgelaunt: "Stierkopf und Pferdekopf! Ihr schafft ihn mir raus!"

Mit wehenden Ärmeln zog sich Fürst Yama wutschnaubend zurück, seine Richter folgten ihm. Die Verhandlung war geschlossen. Mit einer abrupten Bewegung machte Yama auf dem Absatz kehrt, dabei blähte sich seine Robe bauschend. Die Kerzen flackerten heftig. Zwei Dämonen in schwarzen Kutten, die an der Taille mit breiten orangeroten Schärpen zugebunden waren, traten aus zwei Seitengängen von links und rechts auf mich zu. Einer bückte sich, nahm das Zepter vom Tisch und steckte es sich in den Gürtel. Der andere packte mich am Arm und wollte mich emporziehen. Ich hörte ein Platzen, ein knusperndes Krachen, wie wenn poröse Knochen in tausend Teile zerspringen. Gellend schrie ich auf. Der Dämon mit dem Zepter rempelte seinen Kumpanen an, der mir fast den Arm abriss. Sein Tonfall war der eines erfahrenen alten Hasen, der einen stümperhaften Grünschnabel zurechtweist: "Bist du dumm oder hast du nur Wassersuppe im Gehirnkasten? Dir hat wohl ein Geier die Augen ausgepickt! Siehst du nicht, dass der Typ am ganzen Leib kross wie eine frittierte Schmalzstange aus der 18ten Straße in Alt-Tianjin ist?"

Während der alte Dämon drauflos wetterte, verdrehte der junge nur die Augen, er wusste nichts zu erwidern und genauso wenig zu tun. Der Dämon, der sich das Zepter geschnappt hatte, fuhr ihn an: "Reiß dich am Riemen! Schaff mir Eselblut her!"

Der junge Dämon fasste sich nur an den Kopf, der Groschen war gefallen, er machte auf dem Absatz kehrt und rannte los ins Dunkel der Halle. Im Nu war er mit einem blutbeschmierten Holzeimer wieder da. Der Eimer musste schwer sein, denn der Dämon kroch förmlich daher, gebeugt und schleifenden Schrittes mühte er sich, jeden Augenblick drohte ihm der Inhalt herauszuschwappen.

Mit einem Ruck setzte er den Eimer neben mir ab. Mein Leib erbebte. Mir stieg ein Brechreiz erregender Geruch von warmem Blut und Fleisch in die Nase. Kurz flackerte vor meinem inneren Auge der Leib eines getöteten Esels auf, um sich wieder in Nichts aufzulösen. Der Dämon mit dem Zepter fischte einen Schweineborstenpinsel aus dem Holzeimer, tauchte ihn gut in das dunkelrote, klebrig dicke Blut ein und strich es mir auf den Kopf. Aus der Tiefe meiner Seele entfuhr mir ein monströser Schrei. Ein Gefühl von Taubheit vermischte sich mit einem starken leiblichen Schmerz, als würden mich mit einem Mal tausend Nadeln in die Haut stechen. Ich hörte es unter meiner Epidermis glucksen und tuten, spürte Blut unter meiner Haut pulsieren, sie durchfeuchten und glätten - wie süßer Tau, der trockene, bröcklige Erde benetzt. Im gleichen Moment stockte mir das Herz, hundert Gefühle verzahnten sich ineinander und lähmten mich, Der Dämon bestrich mich in manischer Geschwindigkeit mit Eselblut, der Pinsel flog in Windeseile über meinen Leib. Zuletzt hob er den Eimer hoch und kippte mir den Rest über den Kopf. Da spürte ich in meinem Körper die Lebenssäfte sprudeln. Das Leben begann wieder neu. Mut und Kraft waren in mich zurückgekehrt. Ohne fremde Hilfe erhob ich mich.

Obschon die beiden Dämonen "Stierkopf" und "Pferdekopf" gerufen wurden, hatten beide keine Ähnlichkeit mit den uns aus der Höllenmalerei bekannten Figuren auf den Bildern vom Schattenweltgerichtshof. Sie besaßen unter ihrem Stier- und Pferdekopf keinen Menschenleib. Ihr Körper hatte zwar die Form eines Menschen, ihre Haut war jedoch bizarr mit einer gallertartigen Flüssigkeit eingefärbt und flimmerte grell blau. Selten ist mir auf Erden eine so aparte blaue Farbe begegnet. Uon solchem Blau gibt es kein Tuch. Es gibt auch keine Pflanzen, deren Blätter solch eine Farbe besäßen. Aber ich war mir sicher, dass ich schon einmal eine Blüte von dieser Farbe gesehen hatte, eine kleine, unscheinbare Blume, die in den Sümpfen im Nordosten von Gaorni wächst. Am Nachmittag erblüht sie, vor dem Abendrot ist sie schon wieder verblüht.

Von den zwei langen blaugesichtigen Dämonen links und rechts fest gepackt, ging es durch einen dunklen Tunnel. Kein Ende der Röhre war auszumachen. An beiden Seiten ragten alle dreißig, vierzig Meter Lampengestänge aus der Wand heraus, seltsam gebogen wie rote Geweih-Korallen. In diesen Halterungen schaukelten Öllampenschalen. Mir schwanden die Sinne, der Duft des brennenden Öls war intensiv. Irn Licht der Korallenleuchten sah ich, dass oben im Gewölbe riesige Fledermäuse hingen. Ihre blitzenden Augen funkelten im Dunkel. Ich gewahrte, wie ihre stinkenden Kotköttel mir auf den Kopf regneten.

Dann waren wir endlich durch den Tunnel hindurch und stiegen auf ein hohes Podest. Eine weißhaarige Alte streckte eine schneeweiße, zarte Hand hervor und füllte einen schwarzen Schöpflöffel aus einem schmutzigen Wok randvoll mit einer verdorben riechenden, schwarzen Brühe. Sie leerte sie in eine rot glasierte Steingutschüssel, Die Dämonen setzten mich vor ihr ab. Mit einem schadenfrohen Grinsen wiesen sie mich an; "Trink das aus! Nach dieser Suppe werden deine Ängste, Nöte und aller Hass vergessen sein."

Ich fuhr mit der Hand über den Tisch und schlug die Schale um. "Nein, ich werde Nöte, Kummer und allen Hass in meinem Herzen bewahren. Sonst macht es ja keinen Sinn, wieder unter die Menschen zu gehen!" Hoch erhobenen Hauptes stieg ich die unter meinen Füßen erzitternden Stufen des Holzpodests hinunter. Ich hörte die Dämonen meinen Namen schreien und hinter mir die Treppe hinunterstürzen.

Dann gingen wir zu dritt auf einem Sandweg in Nordost-Gaomi weiter, Heimaterde unter den Füßen. Wie vertraut waren mir hier jeder Baum, jeder Strauch, Wiesen und Felder. Fremd waren mir jedoch diese weißen Holzlatten, die überall in die Erde gerammt waren. Auf den Brettern standen in Tusche Namen von mir bekannten und unbekannten Menschen.

Auch auf dem fruchtbaren Land meiner Familie hatte man viele solcher Bretter vor den Parzellen aufgerichtet. Vor und um die Latten herum knieten und standen Bauersleute. Sie hatten Erde in den Händen, schnupperten den Geruch. Berauscht und fassungslos waren sie. Mit tränennassen Augen starrten sie in den Himmel. Manche gingen mit großen Schritten wieder und wieder das Land ab. Später erst erfuhr ich, dass, während ich in der Hölle lauthals das mir zugefügte Unrecht anprangerte, in der Oberwelt die Bodenreform tobte und das Land der großen Bauern an das arme Volk, an die, die nichts besaßen, verteilt wurde. Mein Grund und Boden machte da keine Ausnahme. Für eine gleichmäßige Neuverteilung des Bodens gibt es durch alle Dynastien hindurch zahlreiche Beispiele. Aber dafür hätte man mich nicht exekutieren müssen.

Die Dämonen hakten mich links und rechts fest ein. Ihre eiskalten Hände - treffender gesagt: Krallen - umklammerten meine Arme. Sie hatten wohl Bedenken, dass ich versuchen würde zu fliehen. Die Sonne strahlte und die Luft war klar und frisch. Am Himmel zwitscherten die Vögel und auf dem Feld schlugen die Karnickel Haken. Auf der Schattenseite der Wassergräben und der Flüsse glitzerte der Schnee im gleißenden Licht. Ich schielte zu den beiden petrolblauen Dämonengesichtern hinüber. Sie kamen mir plötzlich wie die grell bemalten Gesichter aus der Pekingoper vor. Nur dass diese mit Farben aus der Oberwelt bemalt waren, es sich aber bei den aparten, petrolblauen Dämonen um die unabwaschbare Variante handelte.

Wir nahmen den Weg den Fluss entlang, kamen durch zehn, fünfzehn kleine Dörfex, viele Leute kreuzten unseren Weg. Ich erkannte viele alte Freunde aus den Nachbardörfern wieder. Aber jedes Mal, wenn ich meinen Mund öffnete und ihnen einen Gruß zurufen wollte, drücke mir ein Dämon so fest die Guxgel zu, dass ich keinen Ton herausbrachte. Ich beschwerte mich lauthals darüber. Unwirsch trat ich nach ihren Beinen. Aber sie reagierten nicht, als hätten sie kein Gefühl in ihren Waden. Ich rammte meinen Kopf gegen ihre Köpfe, ihre Gesichter blieben unverändert, wie Gummi. Die Hand, die mir die Gurgel zudrückte, lockerte sich nur noch, wenn weit und breit kein Mensch zu sehen war. Ein Pferdekarren mit Gummireifen zog eine Staubwolke hinter sich her, dicht an mir wirbelte sie vorbei, ich sog tief den Geruch von Pferdeschweiß ein. Welch vertraute, angenehme Empfindung. Ich sah den Kutscher Ma Wendou mit einer glatten, weißen Ziegenlederjacke über den Schultern, die Peitsche unter den Arm geklemmt, auf dem Kutschbock über der Deichsel sitzen. Unter dem Jackenkragen klemmte schräg die lange mandschurische Pfeife, die mit dem Tabakbeutel zusammengebunden war. Der Beutel schlenkerte wild, wie das Werbeschild einer Schenke. Der Pferdekarren gehörte mir, das Pferd war auch aus meinem Stall, aber der, der den Karren kutschierte, war nie Knecht bei uns zu Hause gewesen. Ich wollte hinstürzen und eine Erklärung verlangen, aber die Dämonen schnürten mich ein wie zwei Schlingpflanzen, ich konnte mich nicht befreien. Ich spürte, dass der Wagenführer Ma Wendou meine Gestalt sehen konnte, mein Rufen während meines verzweifelten Ringens bestimmt hören und diesen meinem Körper anhaftenden, in der Oberwelt schwerlich anzutreffenden Gestank riechen musste. Aber als gelte es, vor einer furchtbaren Katastrophe zu fliehen, trieb er das Pferd an und galoppierte wie im Fluge an mir vorbei. Dann trafen wir noch die Stelzenläufex. Sie spielten Episoden aus der tangzeitlichen Geschichte des Mönchs Kumarajiva nach. Einer spielte den Affen Sun Wukong, einer das Schwein Zhu Jiujie. Die Stelzenläufer kannte ich alle sehr gut, es waren Freunde aus meinem Dorf. Ihr zwischen zwei Fahnenstöcken mitgeführtes Spruchband und die Wortfetzen, die ich im Vorübergehen aufschnappen konnte, ließen mich erahnen, dass es der Neujahrsmorgen des Jahres 1950 war.

Als wir bei der kleinen Steinbrücke ankamen, über die man in unser Dorf kommt, spürte ich, wie mich in Schüben ein krauses Unwohlsein überkam. Dann sah ich die runden Steine unter der Brücke wieder, die, weil sie in meinem Blut gebadet worden waren, eine neue Farbe angenommen hatten, In Strähnen klebten noch schmutziges Haar und Stoßfetzen an den Kieseln, immer noch stieg strenger Blutgeruch auf, Dort, wo unter der Brücke die Steine weggerissen waren, hausten jetzt drei verwilderte Hunde. Zwei braune lagen und dösten, ein schwarzer stand, wobei alle drei einen aufgeweckten, gesunden Eindruck machten. Sie hatten glattes, glänzendes Fell, eine kräftigrote Zunge und ein strahlendweißes Gebiss.

Mo Yan beschreibt diese Steinbrücke und wie sich dort die wilden Hunde beim Leichenfressen fetzen in seinem Roman "Aufzeichnungen über die bittere Galle". Auch berichtet er von einem treuen, folgsamen Sohn, der unter die Brücke zu den frisch exekutierten Leichen rennt, ihnen die Galle aus dem Körper herausschneidet, um sie zu Hause der Mutter einzuflößen, damit ihre kranken Augen heilen. Von der heilenden Wirkung der Bärengalle hört man ja viel, eine solche Wirkung der Menschengalle war mir bisher neu. Da hat dieser Bengel wohl wieder schamlos von Dingen gesprochen, die man besser für sich behält. In seinen Romanen lügt er das Blaue vom Himmel herunter, so einem sollte man kein Wort glauben!

Den ganzen Weg von der kleinen Steinbrücke bis zu uns nach Hause hatte ich mit den Bildern meiner Exekution zu kämpfen, die sich mir in krasser Deutlichkeit aufdrängten: Mit einem dünnen Hanfstrick waren mir die Hände auf dem Rücken stramm zusammengebunden worden, um den Hals das meinen Tod verkündende Pappschild. Es war im letzten Monat des alten Jahres am dreiundzwanzigsten Tag gewesen, nur sieben Tage vor dem neuen Jahr. Schneidende, eisige Kälte herrschte, grau türmten sich die Wolken am Himmel, bevor der Schneesturm kam. Es fiel Eisregen, der mir wie weißer Reis Schütte um Schütte an den Hals klatschte. Bai Shi, meine Hauptfrau, weinte wie besessen. Sie stand dicht hinter mir. Aber die Stimmen meiner beiden Nebenfrauen Yingchun und Qiuxiang konnte ich nicht hören, Yingchun war schwanger, sie sollt.e bald niederkommen. Ich sah es ihr nach, dass sie mir nicht die letzte Ehre erwies. Aber Qiuxiang war nicht schwanger, jung war sie obendrein. Mir gefror schier das Herz vor Kummer, dass sie mich nicht geleitete. Als ich dann auf der Brücke stillstehen musste, drehte ich mich ruckartig um. Ich sah den Volksmilizgruppenführer Huang Tong nur wenige Meter hinter mir stehen und seine zehn Volksmilizionäre ihm nachfolgen.

"Ihr alten und jungen Herren! Wir sind aus einem Dorf, wohnen zusammen und haben uns, damals wie heute, nie miteinander überworfen. Brüder! Habe ich etwas falsch gemacht? War ich ungerecht zu euch? Sagt es mir offen und geradeheraus, aber tut mir nicht so etwas an!"

Huang Tong warf mir einen scharfen Blick zu, nur einen Augenblick. Dann schweifte sein Blick wieder ab. Goldgelbe Pupillen hatte er, sie leuchteten fast wie zwei goldene Sterne.

"Huang Tong, deine Eltern haben den richtigen Griff getan, als sie diesen Namen für dich aussuchten!" Der erwiderte nur: "Halt's Maul, wir machen hier Politik!", aber ich diskutierte weiter: "Brüder! Ihr seid mir eine Erklärung schuldig, damit ich weiß, warum ich sterben muss. Welches Gesetz habe ich übertreten?"

Huang Tong raunzte mich nur an: "Lass dir das in der Hölle von Yama verklickern."

Plötzlich hob er seine Flinte, der Gewehrlauf war von meiner Stirn nur einen halben Meter entfernt. Dann spürte ich meinen Schädel wegplatzen, sah eine Flammenzunge, hörte eine Explosion, die meilenweit entfernt zu sein schien und roch, wie Salpetergeruch die Luft schwängerte.

Das Haupttor bei uns zu Hause war nur angelehnt, durch den Torspalt konnte ich undeutlich sehen, dass der Hof voller Menschen war. Sie wussten doch nicht etwa, dass ich heute wieder zu ihnen zurückkam? Ich bedankte mich bei den Dämonenboten: "Brüder, ein ordentliches Stück Arbeit habt ihr mit mir gehabt!"

Ich sah das verschlagene, böse Grinsen in den petrolblauen Gesichtern der beiden Dämonen. Ich ahnte kaum, was das zu bedeuten hatte, da packten mich ihre Krallen auch schon und schoben mich vorwärts. Vor meinen Augen verschwamm alles neblig trüb, als hätte mich jemand unter Wasser gedrückt. Dann drang plötzlich ein schriller Freudenschrei an mein Ohr.

"Es ist geboren!"

Ich schlug die Augen auf. Am ganzen Körper voll mit weißlichem Schleim lag ich nah an der Kruppe einer Eselstute. Es war nicht zu fassen! Der prächtige Landedelmann Ximen Nao, der die Privatschule besucht hatte, die Klassiker lesen und interpretieren konnte, war tatsächlich als kleines Eselfüllen mit vier schneeweißen Hüfchen und einem rosaweichen Maul wiedergeboren worden.

Aus dem Chinesischen von Martina Hasse

Auszug aus "Der Überdruss", Unionsverlag, 800 Seiten, 16,95 EUR.
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