Leseprofi Heinrich Ganz groß auf kleinem Raum

Prosa trifft Pop: Der Schriftsteller Finn-Ole Heinrich hat sich mit dem Liedermacher Spaceman Spiff zusammen getan - auf einer melancholisch-klugen Text-Musik-CD. Und auf einer gemeinsamen Tour.

Dylan E. Thompson

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Finn-Ole Heinrich, 28, ist einer der wenigen Schriftsteller, der ernst zu nehmenden zumal, deren Geschichten nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln funktionieren. Sondern auch auf einer Bühne. Weil schon die Titel seiner Texte wie verhuschte Pop-Songs klingen, ein bisschen albern und ein bisschen lyrisch verrätselt - und doch nichts anderes tun, als lakonisch den Kern seiner Geschichten zu benennen: "Schubert wäre gern geheimnisvoll", "Sie hat den Herbst gewonnen", "Der Hund kann wieder laufen".

Weil er Sätze schreibt, die schon beim Selberlesen zu Ohrwürmern werden: "Herbst, dagegen ist Frühling Magerquark", "So lag sie vor mir, wie das Ende einer Geschichte, deren schönste Momente ich längst verpasst hatte", "Jetzt steh ich hier wie die Axt im Wald und wollt' doch eigentlich ein Baum sein".

Und weil, das ist vielleicht der wichtigste Grund, Heinrich das Vorlesen gelernt hat. Nicht in der Schule, das wäre banal, auch nicht bei Poetry Slams, das heißt: nicht nur, sondern vor allem im Zivildienst. Den hat er in Hamburg damit verbracht, einem nervenkranken, komplett gelähmten Mann das Lokalblatt vorzulesen, Tag für Tag, Zeile für Zeile. Er habe ihm etwas bieten wollen, hat Heinrich einmal gesagt.

Ekel beim Sex mit dem geliebten Partner

Heute lebt Heinrich nicht zuletzt davon, dass er den Menschen bei seinen Lesungen etwas bietet: Rund 300 Termine hat er in den vergangenen Jahren absolviert; die Honorare kann er gut gebrauchen, denn seine Bücher erscheinen in liebenswert gestalteten, aber kleinen Auflagen beim liebenswert geführten, aber kleinen mairisch Verlag. Zuletzt herausgekommen ist der Band "Gestern war auch schon ein Tag" mit acht melancholischen Erzählungen, in denen Heinrich sensibel, aber nicht kitschig von Menschen erzählt, die straucheln: etwa weil sie sich beim Sex ekeln vor den Körpern der Partner, die sie lieben. Auf kleinem Raum entwirft er große Gefühlswelten.

Heinrichs neuestes Projekt heißt "Du drehst den Kopf, ich dreh den Kopf", was mal wieder wie eine Songzeile klingt - und daher besonders gut zu diesem Projekt passt: Es ist kein Buch, sondern eine CD, die der Wahlhamburger Heinrich gemeinsam mit dem Wahlhamburger Hannes Wittmer, 24, bestückt hat, der unter dem Pseudonym Spaceman Spiff auftritt. Heinrich hat zwei Textlesungen beigesteuert, untermalt mit sphärischen Klängen, Spaceman Spiff drei seiner melancholisch-klugen Liedermacher-Lieder. Eine hübsche Herbstmischung.

Gemeinsam gehen die beiden auf Tour quer durch Deutschland, mit kurzen Abstechern nach Österreich und Polen. Los geht's heute Abend in Cuxhaven, in Heinrichs Heimatstadt, in der er aufgewachsen ist und Abitur gemacht hat.

Eine gute Gelegenheit für ihn, um mal wieder zu zeigen, was er alles gelernt hat. Perfekt vorzulesen zum Beispiel.


Tour: 15.11. Cuxhaven, 19.11. Breslau, 21.11. Bremen, 22.11. Hamburg, 23.11. Oldenburg, 24.11. Hildesheim, 25.11. Hannover, 26.und 27. 11. Berlin, 29.11. Marburg, 30.11. Köln, alle Veranstaltungsdetails und weitere Termine.



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