Leser über Walser & Co. "Dichter STATT Denker"

2. Teil: Bitte klicken Sie hier zu Teil 2: "Antisemitismus-Debatte auf Proll-Niveau"



...hamse neetich (nötig), oder was?

Barbara Klose, Gießen


Debattenauslöser mit welchem Motiv? FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher
DPA

Debattenauslöser mit welchem Motiv? FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher

Jetzt ist die Antisemitismus-Diskussion vom Proll-Niveau Möllemann/Friedman auf das Intellektuellen-Level Walser/Reich-Ranicki gehoben worden mit Schirrmacher als Anheizer. Gehaltvoller ist das Ganze dadurch aber nicht geworden. Bin mal auf Grass gespannt. Der dürfte ja mit Walser in seiner Feindschaft zu Reich-Ranicki einig sein, aber als gelernter Gutmensch darf er einem, dem öffentlich Antisemitismus vorgeworfen wird, natürlich nicht Beifall klatschen. Bleibt klammheimliche Freude.

Klaus Meissner, Idstein


Würde Schirrmacher sich wirklich empören, hätte er keinen "offenen Brief" geschrieben. Er legt einen Walser aufs Publizitätsparkett, um mit der alten Tante FAZ gratis auf dem Trittbrett der Antisemitismus-Diskussion mitzufahren. Daran besonders perfide: Er weiß nur zu genau, daß es noch länger keinen Zugang zu seinen Quellen gibt. Schirrmacher, Sechs, setzen!

M.Friedrich, Stuttgart


Warum wird Walser verteidigt?

1. Die FAZ hat das Recht, zu drucken und NICHT zu drucken, was sie will.

2. Walser selbst gibt zu, daß sein Buch MRR parodiert. Und wenn das in der FAZ zitierte nicht gänzlich aus dem Kontext gerissen ist, klingt das schon merkwürdig, was der Walser da so schreibt.

3. Walser hat schon immer herausgehoben, daß MRR ein JUDE sei. Bei anderen Menschen interessiert ihn die Religionszugehörigkeit nicht. Walser ist ein trivialer Geschichtenerzähler, aber das hat mir der Sache nichts zu tun.

Sam Behjati, Oxford


Die Paralelle ist eigentlich unübersehbar: Mit Michel Friedmann und Marcel Reich - Ranicki stehen zwei Menschen jüdischen Glaubens im breiten Licht der Öffentlichkeit. Beide beherrschen den Umgang mit den Medien, insbesondere dem Fernsehen hervorragend. Beide scheinen ein unzerbrüchliches Selbstbewußtsein zu besitzen, dass sich mit einem starken Charakter verbindet. Und beide neigen zum Stilmittel der Polarisierung, um ihre jeweiligen Ziele zu befördern: MRR die Literatur, Friedmann die politische Auseinandersetzung. Wie jeder, der diese Art der Kommunikation bevorzugt, haben auch diese beiden sich Gegner in ihrem jeweiligen Millieu geschaffen.

Interessant ist jedoch, dass diese Gegner, namentlich Walser und Möllemann, nun auf die Idee gekommen sind, dass sich durch einen kalkulierten Tabubruch, neben den hier sicher eine Rolle spielenden Rachegelüsten, sich auch ihre eigenen Ziele hervorragend befördern lassen. So macht sich Möllemann nicht ganz unberechtigt Hoffnungen durch die Aktivierung von in der deutschen Bevölkerung latent vorhandenem Antisemitismus seinem 18 % Projekt näher zu rücken. Der vormalige Erfolgsautor Martin Walser kann sich wohl darauf verlassen, daß sein neuestes Buch eine weit über den Erwartungen liegende Auflage bekommt. Dazu hat vor allem der Brief des Herrn Schirrmacher beigetragen, der durch das wörtliche Zitieren einzelner besonders abstossender Passagen aus diesem Buch, aus einer Privatfehde eines alternden Literaten ein Skandalbuch gemacht hat. Kaum ein Feulliton wird an dieser Auseinandersetzung nunmehr vorbeikommen.

Beide Vorgänge, Möllemann - FRiedmann und Walser - MMR, haben eins gemeinsam: Die Funktionalisierung eines Tabubruchs für eigene ganz persönliche Interessen. Dies funktioniert deswegen so gut, weil der Antisemitismus das letzte Tabu ist, mit dem man in der deutschen Gesellschaft noch wirklich Aufregung und öffentliches Aufsehen erregen kann. Walser wie Möllemann weisen den Vorwurf des Antisemitismus natürlich weit von sich. Aber es ist ja für ihre Ziele völlig ausreichend, wenn andere sie des Antisemitismus beschuldigen.

Sebastian Koscholke, Nürnberg


Drei Fragen: 1.) Warum sorgen sich eigentlich so viele Leser gerade darum, dass gegen Herrn Walser zu Unrecht die Antisemitismus-Keule erhoben wird und nicht darum, was in manchen Kreisen der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit recht unmissverständlich zu schreiben und zu sagen wieder hoffähig zu werden beliebt? 2.) Wieso scheint es schick zu sein, den Begriff des politisch Korrekten in Bezug auf Herrn Schirrmachers Position in Sachen Antisemitismus so ambivalent zu gebrauchen? 3.) Seit wann bedeutet Meinungsfreiheit auch, dass die Presse Manuskripte nicht mehr ablehnen darf ? Was sollen die von historischem Unwissen zeugenden Vergleiche? Ich beglückwünsche Herrn Schirrmacher, dass er einem falsch verstandenen Rechtsgut der Meinungsfreiheit das ebenfalls grundgesetzlich geschützte Rechtsgut der Menschenwürde des Herrn Reich-Ranicki öffentlich vorangestellt hat.

Karen Riechert, Washington D.C.


Der Streit ist albern und hilft doch allen Beteiligten: Walser hat sein Image als Querulant aufgefrischt, Suhrkamp steht ein Bestseller bevor, die F.A.Z. ruft sich ins Bewusstsein zurück und die Massenmedien bekommen ein seitenfüllendes Thema serviert. Nachteil daran: Der Begriff "Antisemitismus" verkommt noch mehr zur Mode-Wort-Hülse. Ob seine Benutzung in diesem Zusammenhang angemessen war, wage ich zu bezweifeln.

Peter Stets, Weil am Rhein


In Deutschland scheint sich zurzeit eine Art Antisemitismus-Paranoia auszubreiten. Ich bin schon gespannt darauf, wo die nächsten Brutstätten geortet werden. Bei Sabine Christiansen? In der WM-Nationalelf? T-Onlines Aktienmanagement? In der Schill-Partei?

Peter Löffler, Brüssel




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