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01. Juni 2002, 01:16 Uhr

Leser über Walser & Co.

"Dichter STATT Denker"

Wer ist der böse Bube im Streit über den Walser-Roman "Tod eines Kritikers"? Der Autor Martin Walser? Der Kritiker Frank Schirrmacher oder das karikierte Opfer Marcel Reich-Ranicki? Auch SPIEGEL-ONLINE-Leser haben sich über den "Literaturskandal" und Antisemitismus ihre Gedanken gemacht und fragen sich, welcher Möllemann als nächster kommt...

Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es irgendwann auch heraus. Wer anderen Menschen - in dem Fall Schriftstellern - seit Jahrzehnten nur Magengeschwüre beschert mit respekt- und würdelosen Angriffen ,mit "kultivierter" Kritiksucht und verbaler Vernichtung um der eigenen Profilneurose willen , sollte auch einmal einstecken können. Wenn der "große" Kritiker MRR Kritik nicht einstecken kann , die möglicherweise genauso respekt- und würdelos ist wie seine eigenen Angriffe gegen Menschen, dann soll er gefälligst zu Hause bei Mutti bleiben. Was eigentlich Kinderkram ist , nämlich der aufgestaute Hass zwischen zwei alten Männern, wird mit der undefinierbaren Sprechblase "Antisemitismus" aufgepeppt. Wie praktisch , verkauft sich im Moment ganz prima. Herr Schirrmacher , ebenfalls deutlich an Profilneurose leidend, hat sich mit seiner "unseligen Veröffentlichung" in den "kalten Krieg" zweier Literaten eingemischt, und sich damit als Dummkopf des Monats geoutet...

I. Prosetzky, Berlin


Schrieb über einen Buhmann und machte sich selber zum solchen: Martin Walser
DDP

Schrieb über einen Buhmann und machte sich selber zum solchen: Martin Walser

Friedmann, Spiegel, Möllemann, MRR, Schirrmacher. Lauter Luftballons, die sich mit Hilfe des Wortes "Antisemitismus" aufpumpen, um an Größe zu gewinnen. Lasst diese geistigen Bläh-Boys doch steigen, damit sie schnellstmöglich an Höhe gewinnen und entschwinden. Oder hat wer eine Nadel zur Hand?

L. Friedrich, München


Gegenseitigen Respekt und Achtung, darum geht es doch in allen diesen nebulösen Beiträgen. Wird diese Regel angewendet, dann gibt es Frieden im Nahen Osten, keine vereinsamte Seelen wie in Erfurt, und keinen absurden "Antisemitismus" Debatte. Aber etwas zum Quatschen braucht man doch. Kann denn einer nicht wie Havel dem allen ein Ende setzen? Dann können auch deutsche Generationen, endlich mal ohne die "Moralkeule" morgens aufstehen.

Claus Wolfgang


Bücher entscheiden; nicht umsonst rannte der Computerjunge in ein Gutenberg-Gymnasium. Aber auch ein Buch kann eine Pump-Gun sein. Wenn eine Exekution stattfinden sollte, dann hat Schirrmacher eine Exekution verhindert. Walser sieht Macht am Werke. Dabei sind die Juden von einer "genialen Menschlichkeit", wie der Schriftsteller Montherlant schreibt. Zweig schlägt Hitler mit der Schachnovelle; und Walser ist "Schach matt".


Ich habe das Buch von Walser noch nicht gelesen, kann mir also auch kein Urteil erlauben. Andere wohl schon, wie Sie berichten "Ohne das Manuskript gelesen zu haben, vermutet Ralph Giordano bei Walser absichtliche Provokation: " Haben die Herren Jens, Kunert und Karasek das Manuskript gelesen? Wenn nein, dann frage ich sie, wieso sie dann schon jetzt ihre Kommentare abgeben. Ich jedenfalls warte.

Karl-Heinz Völker, Neu-Isenburg


Als ob die Religion oder Herkunft eines Rezensenten von Belang wären! Dass Reich-Ranicki Jahrzehnte mit Autoren umging wie eine Domina mit ihren Klienten, ohne seine höchst subjektiven Urteile jemals zu begründen, ist der Skandal. Deshalb nehmen unsere jüngeren Autoren den Alten nicht ernst, den sich übrigens schon 1997 Jens Walther in seinem bei Eichborn veröffentlichten "Abstieg vom Zauberberg" zur Brust nahm. Interessant: auch in dieser Travestie spricht Mueller-Marceau wie bei Walser gern französisch, aber seine Privatangelegenheiten werden nicht thematisiert. Die jüngeren Deutschen interessiert nicht, ob jemand in die Kirche, Moschee oder Synagoge geht oder darauf verzichtet. Und das ist gut so.

Wolfgang Körner, Dortmund Dirk Braßeler


Ist das die bundesrepublikanische Ausgabe der Biermann-Affäre? Dieses Land verblödet doch....

Stephan Bender


Genauso schön wie das Geraufe der Wagner-Sippschaft in Bayreuth! Und genauso humorlos!

Gabriele A. Rolle, New York


Der spleenigen Komödie zweiter Teil. Inzwischen besitzt die "Antisemitismus"-Debatte die Qualität einer abstrusen Episode aus Monty Python's Fliegendem Zirkuszelt. Man stelle sich einen schelmisch grinsenden Mephistopheles vor, der frohlockend durch die Menge der Disputanten hüpft und mit schneidend hoher Stimme plärrt: "Antisemitismus! Antisemitismus! Antisemitismus!" Wird der Terminus zum Wort des Jahres?

Frank Schneider, Mainz


Martin Walser wundert sich also über die Unterstellung des Antisemitismus? Er, als einer der größten Vertreter des "Man wusste ja nichts", "Man konnte ja nichts machen" oder "Lasst uns endlich einen Schlussstrich ziehen", reklamiert für sich ein idyllisches Plätzchen der Ungestörtheit. Er will alles Unangenehme weit von sich wissen. Der Schriftsteller Walser muss sich aber, auch wenn es ihm nicht behagt, damit anfreunden, dass er bzw. sein Werk interpretiert und in einen Kontext gestellt werden. Man kann eben, zumal als öffentliche Person, nicht nicht-politisch sein, was Walser gerne wäre. Nur so erklärt sich auch des Schriftstellers Erstaunen über (berechtigte) Fragen, die ihm nun von vielen Seiten gestellt werden. Das Kind in Walser will alles dürfen, was ein reflektierter Erwachsener eben nicht darf. Und dieses Kind scheint mit zunehmendem Alter die Kontrolle über die Person Walser zu übernehmen. Wie heisst es in einem aktuellen Popsong? "I wish i was a child of ten again..." Gerne, Herr Walser. Aber dann lassen Sie bitte das Schreiben.

Matthias Zschaler jun., Berlin


Man stelle sich vor: da haben Leute wie der Schriftsteller Günter Kunert; der Linksideologe Walter Jens, der immer noch als Literaturwissenschaftler firmiert; der ständig Judenhaß witternde Ralph Giordano noch nicht einmal das Manuskript von Walsers Roman "Tod eines Kritikers" gelesen, meinen aber bereits aufgrund von Informationen aus zweiter und dritter Hand via MDR oder Deutsche Presse-Agentur ihre Vorverurteilungen der Öffentlichkeit mitteilen zu müssen. Diese als moralische Instanz aufgebauten und immer wieder hörig befragten Figuren sind sich nicht zu schade, selbst auf solch unseriöse Weise an einer einseitigen Meinungsbildung im Namen einer mehr als zweifelhaften political correctness mitzuwirken. Methode: Empörung erzeugen im Land der Empörungsweltmeister. Methode hier: Vorab-Empörung über Walser als Heimzahlung dafür, daß er es u.a. wagte, kritische Worte zum Erinnerungsterror der herrschenden politischen Ideologie zu sagen.

Wie lange werden die nachfolgenden Generationen diesen Erinnerungsterror: "Enkel, Urenkel, erinnere Dich immer an Auschwitz, damit Du nicht auch zum Mörder wirst wie Dein Opa oder Dein Uropa" noch ertragen? Wann werden sie es satt haben, in einer Art geschichtlicher Haft gehalten zu werden mit der ständigen apodiktischen Ermahnung: "Du kannst, Du darfst Dich nicht aus Deiner Geschichte und damit aus Deiner geschichtlichen Verantwortung stehlen"? Vielleicht werden die hektischen Sucher nach den eigentlichen Ursachen des ach so schwer erklärlichen Rechtsrucks unter den heutigen Jugendlichen hier sogar fündig ?!

Dietmar Reuter


Es ist ja schon sehr erstaunlich, wie viele Leute glaubenl, ein Buch beurteilen zu können, dessen Inhalt die überwiegende Mehrheit noch gar nicht kennt. Womit man zunächst mal feststellen kann, daß der Zeitpunkt des offenen Briefes des Herrn Schirrmacher sehr unfair gewählt wurde: der Prozess ist eröffnet und die Anklage verlesen, ohne daß Beweismittel überhaupt vorliegen würden. Eine faire Diskussion kann so nicht stattfinden, aber die Pfeiler sind schon so fest eingerammt, daß klar ist, in welche Richtung sie laufen wird. Ein Jude wird angegriffen, also muß es um Antisemitismus gehen. Sagt ja auch der Herr Schirrmacher, der muß es ja wissen....(er sagt es sicher nicht ohne Grund in einer Zeit, wo man wegen Möllemann/Karsli ein wenig empfindlich auf diese Dinge reagiert - wobei ein Walser von Möllemann so weit weg ist wie Deutschland von Japan/Südkorea).

Grundlage einer sachlichen Diskussion wäre das Buch gewesen und die Frage, ob es antisemitische Klischees aufnimmt und verbreitet, ob zufällig das eine oder andere Klischee einfach auf RR paßt oder ob es möglicherweise gar nicht um die Frage geht, daß er Jude ist, sondern dies nur ein Randthema. Es geht aber vermutlich nicht um eine faire Diskussion, sonst wäre der offene Brief nicht JETZT erschienen. Es geht um die Definitionsmacht: heute laufen Debatten genau nach diesem Muster. Wer den ersten Stein wirft, wer die richtige Frage stellt, der hat schon gewonnen.

Beim Zuwanderungsgesetz war es die Regierung, die der Oppostition Blockade vorwerfen konnte, obwohl diese nur einige geringfügige Änderungen durchsetzen wollte, während die Regierung nicht mehr bereit war, in irgendeiner Form zu verhandeln. Im Falle Israels reden alle über deren Menscherechtsverstöße, während die Selbstmordattentate als Ausgangspunkt der isr. Strategie in einem Nebensatz mit erwähnt werden, "sind natürlich auch nicht in Ordnung". Bio-Fleisch darf man nicht mehr essen, die Frage, was wohl in anderem Fleisch ist, wo diese Kontrollen nicht stattfinden, die zum neusten Skandal geführt haben, wird seltsamerweise nicht gestellt. Und Walser ist ja für einige ohnehin schon der "antisemitsche Autor", der die "Schlußstrich-Debatte" eröffnet hat und dann mit "Versailles" ankommt. Jetzt muß das doch der letzte erkennen, "wo sogar sein alter Freund Schirrmacher von ihm abrückt". Inhalte und Zusammenhänge sind irrelevant, was zählt sind Schlagworte. Wer mehr davon gewinnt, der gewinnt auch insgesamt. In diesem Sinne haben Schirrmacher und RR mit ihren Äußerungen zum jetzigen Zeitpunkt "strategisch sehr geschickt" gehandelt. Ein Kompliment ist das nicht.

Christopher Trechow


Ich habe mich immer geweigert, die Deutschen historisch als etwas Einzigartiges zu sehen - besonders sauber, besonders pflichtbewußt oder auch besonders tödlich. Die eher komische typisch und einzigartig deutsche Beleidigung "Das ist aber typisch deutsch" ist sicher frühestens nach dem Krieg entstanden.

Besonders die jüngste Antisemitismus-Debatte aber läßt in mir Zweifel wachsen, ob es nicht doch eine nationale Institution gibt, die sich als roter Faden durch zumindest die letzen 70 Jahre zieht: Die der Gesinnungspolizei. Da ist ein Buch noch gar nicht erschienen, und schon drängeln sich die Gutmenschen nach Öffentlichkeit, um ihren Abscheu zu bekunden. Halb erwarte ich, Bücherverbrennungen zu erleben oder auf der nächsten Frankfurter Buchmesse "Kauft nicht bei Suhrkamp"-Plakate zu sehen.

Das wird wohl nicht stattfinden - nicht weil niemandem danach wäre, sondern weil die Parallelen zu sehr ins Auge fielen. Aber als Wahlkampf-Thema läßt sich Antisemitismus doch prächtig instrumentalisieren, und ich als ehemals notorischer Rot-Grün-Wähler stehe im Herbst vielleicht völlig hilflos vor dem Wahllokal und frage mich zum ersten Mal, wo ich denn nun mein Kreuzchen machen werde: Doch nicht bei der FDP?

Reinhart Behm (Berlin)


Egal, ob man Walsers Roman gelesen hat oder nicht - es ist traurig, dass die deutsche "Literaturszene" von einem Monopol-Kritiker wie MRR dominiert wird. Und jedem halbwegs intelligenten Mitbürger schleicht sich die Frage ein, wie kann es dazu kommen, dass ein Mann solche Macht ausübt? Sicher gibt es doch andere fähige Kritiker, doch MRR redet alle an die Wand und ehrfürchtig, weil nicht so belesen wie er, küßt ihm die politisch korrekte Welt die Füsse. Es geht nicht darum, ob MRR Jude, oder Christ, oder Muslim, oder Hindu, oder Bhuddist, oder sonstwas ist, sondern es geht um Macht und Untertanen. Den "Literaturpapst" zu karikieren, bedeutet sein eigenes "Todesurteil" zu sprechen. Walser hat anscheinend den Mut, gegen das System anzugehen. Vielleicht ein erster Schritt vom Meinungsmonopol zurück zur Meinungsvielfalt.

Michael A.


Vielleicht würde es den politisch überkorrekten Leuten gefallen, wenn nach Erscheinen dieses Buches alle gedruckten Exemplare öffentlich verbrannt würden. Und alle anderen Bücher mit unbequemen Inhalten gleich mit. Bleibt dann nur zu hoffen, daß es dann noch Menschen gibt, die merken, daß wir uns zurück in die Vergangenheit bewegen.

Andreas Gräfe, München


"Was darf die Satire? Alles." schrieb Tucholsky und mokierte sich über die Deutschen, die schnell beleidigt auf dem Sofa sitzen und übel nehmen. Wie recht er hatte, sieht man an manchen Reaktionen auf Martin Walsers neuesten Roman. Ich beglückwünsche jedenfalls Herrn Walser, dass er MRR karikiert, der sich im Laufe der Jahre von einem amüsanten Unterhalter zu einem geradezu widerlich selbstgefälligen Geiferer entwickelt hat; er hat es verdient, sei er nun Jude, Katholik, Protestant, Schwarzer, Araber oder Asiat, allein wenn ich daran denke, auf welch unbeschreiblich unverschämte Art und Weise er damals Frau Löffler im "Literarischen Quartett" vor den Kopf stieß. Was MRRs Reaktion angeht, so hat das Procedere, einen unbequemen Roman als literarisch schlecht zu desavouieren, in Deutschland eine lange Tradition.

Doris Münnekhoff-Bellot, Duesseldorf


Natürlich ist das alles auch ein nettes Medienspektakel-eine bessere Werbung für das Buch gibt es eigentlich nicht! Glückwunsch für Suhrkamp- was Besseres konnte dem Verlag gar nicht passieren! Glückwunsch Martin Walser- der Hitparadenplatz ist gesichert! Glückwunsch FAZ- endlich kann man mit moralischer Empörung das eigene Produkt in die Schlagzeilen bringen! Glückwunsch dem Starkritiker- sein Stern bleibt am Himmel! Beileid Literaturkultur- viel Rummel um wenig! Beileid Leser- jetzt müssen wir auch noch diesen Antisemitismusvorwurf überprüfen! Beileid Literatur - es geht nicht mehr um Bücher, es geht um Geld , Cash, money - sonst noch was?

Josef Girg, San José Costa Rica


Es ist nicht nur bemerkenswert wie schnell der Vorwurf "Antisemitismus" ausgepackt wird, und wie mittelbar und kaum sichtbar die Grundlage dieser Vorwürfe dann oft ist, es ist auch interessant wie bereitwillig diese Vorwürfe dann übernommen werden. Eine kritischere Prüfung wäre sinnvoll.

Horst Bernatzky


Roman Herzog hat sich einmal in seiner Antrittsrede zum Bundespräsidentenamt die Unverkrampftheit im Umgang mit der Vergangenheit gewünscht - davon sind wir zwischenzeitlich weiter entfernt denn je. Man wünscht sich von allen Seiten weniger Polemik und mehr Besonnenheit, schlichte Pragmatik in der Diskussion. Das würde beim Umgang mit kritischen Themen zu sinnvolleren Beiträgen führen. Über allen Teilnehmern am Möllemann&Walser Diskurs schwebt aber leider einmal mehr die Sucht nach Profilierung, welche jeden vernünftigen Ansatz zur sicherlich diskussionswürdigen Sache im Keim erstickt.

Michael Pfister

Bitte klicken Sie hier zu Teil 2: "Antisemitismus-Debatte auf Proll-Niveau"


...hamse neetich (nötig), oder was?

Barbara Klose, Gießen


Debattenauslöser mit welchem Motiv? FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher
DPA

Debattenauslöser mit welchem Motiv? FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher

Jetzt ist die Antisemitismus-Diskussion vom Proll-Niveau Möllemann/Friedman auf das Intellektuellen-Level Walser/Reich-Ranicki gehoben worden mit Schirrmacher als Anheizer. Gehaltvoller ist das Ganze dadurch aber nicht geworden. Bin mal auf Grass gespannt. Der dürfte ja mit Walser in seiner Feindschaft zu Reich-Ranicki einig sein, aber als gelernter Gutmensch darf er einem, dem öffentlich Antisemitismus vorgeworfen wird, natürlich nicht Beifall klatschen. Bleibt klammheimliche Freude.

Klaus Meissner, Idstein


Würde Schirrmacher sich wirklich empören, hätte er keinen "offenen Brief" geschrieben. Er legt einen Walser aufs Publizitätsparkett, um mit der alten Tante FAZ gratis auf dem Trittbrett der Antisemitismus-Diskussion mitzufahren. Daran besonders perfide: Er weiß nur zu genau, daß es noch länger keinen Zugang zu seinen Quellen gibt. Schirrmacher, Sechs, setzen!

M.Friedrich, Stuttgart


Warum wird Walser verteidigt?

1. Die FAZ hat das Recht, zu drucken und NICHT zu drucken, was sie will.

2. Walser selbst gibt zu, daß sein Buch MRR parodiert. Und wenn das in der FAZ zitierte nicht gänzlich aus dem Kontext gerissen ist, klingt das schon merkwürdig, was der Walser da so schreibt.

3. Walser hat schon immer herausgehoben, daß MRR ein JUDE sei. Bei anderen Menschen interessiert ihn die Religionszugehörigkeit nicht. Walser ist ein trivialer Geschichtenerzähler, aber das hat mir der Sache nichts zu tun.

Sam Behjati, Oxford


Die Paralelle ist eigentlich unübersehbar: Mit Michel Friedmann und Marcel Reich - Ranicki stehen zwei Menschen jüdischen Glaubens im breiten Licht der Öffentlichkeit. Beide beherrschen den Umgang mit den Medien, insbesondere dem Fernsehen hervorragend. Beide scheinen ein unzerbrüchliches Selbstbewußtsein zu besitzen, dass sich mit einem starken Charakter verbindet. Und beide neigen zum Stilmittel der Polarisierung, um ihre jeweiligen Ziele zu befördern: MRR die Literatur, Friedmann die politische Auseinandersetzung. Wie jeder, der diese Art der Kommunikation bevorzugt, haben auch diese beiden sich Gegner in ihrem jeweiligen Millieu geschaffen.

Interessant ist jedoch, dass diese Gegner, namentlich Walser und Möllemann, nun auf die Idee gekommen sind, dass sich durch einen kalkulierten Tabubruch, neben den hier sicher eine Rolle spielenden Rachegelüsten, sich auch ihre eigenen Ziele hervorragend befördern lassen. So macht sich Möllemann nicht ganz unberechtigt Hoffnungen durch die Aktivierung von in der deutschen Bevölkerung latent vorhandenem Antisemitismus seinem 18 % Projekt näher zu rücken. Der vormalige Erfolgsautor Martin Walser kann sich wohl darauf verlassen, daß sein neuestes Buch eine weit über den Erwartungen liegende Auflage bekommt. Dazu hat vor allem der Brief des Herrn Schirrmacher beigetragen, der durch das wörtliche Zitieren einzelner besonders abstossender Passagen aus diesem Buch, aus einer Privatfehde eines alternden Literaten ein Skandalbuch gemacht hat. Kaum ein Feulliton wird an dieser Auseinandersetzung nunmehr vorbeikommen.

Beide Vorgänge, Möllemann - FRiedmann und Walser - MMR, haben eins gemeinsam: Die Funktionalisierung eines Tabubruchs für eigene ganz persönliche Interessen. Dies funktioniert deswegen so gut, weil der Antisemitismus das letzte Tabu ist, mit dem man in der deutschen Gesellschaft noch wirklich Aufregung und öffentliches Aufsehen erregen kann. Walser wie Möllemann weisen den Vorwurf des Antisemitismus natürlich weit von sich. Aber es ist ja für ihre Ziele völlig ausreichend, wenn andere sie des Antisemitismus beschuldigen.

Sebastian Koscholke, Nürnberg


Drei Fragen: 1.) Warum sorgen sich eigentlich so viele Leser gerade darum, dass gegen Herrn Walser zu Unrecht die Antisemitismus-Keule erhoben wird und nicht darum, was in manchen Kreisen der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit recht unmissverständlich zu schreiben und zu sagen wieder hoffähig zu werden beliebt? 2.) Wieso scheint es schick zu sein, den Begriff des politisch Korrekten in Bezug auf Herrn Schirrmachers Position in Sachen Antisemitismus so ambivalent zu gebrauchen? 3.) Seit wann bedeutet Meinungsfreiheit auch, dass die Presse Manuskripte nicht mehr ablehnen darf ? Was sollen die von historischem Unwissen zeugenden Vergleiche? Ich beglückwünsche Herrn Schirrmacher, dass er einem falsch verstandenen Rechtsgut der Meinungsfreiheit das ebenfalls grundgesetzlich geschützte Rechtsgut der Menschenwürde des Herrn Reich-Ranicki öffentlich vorangestellt hat.

Karen Riechert, Washington D.C.


Der Streit ist albern und hilft doch allen Beteiligten: Walser hat sein Image als Querulant aufgefrischt, Suhrkamp steht ein Bestseller bevor, die F.A.Z. ruft sich ins Bewusstsein zurück und die Massenmedien bekommen ein seitenfüllendes Thema serviert. Nachteil daran: Der Begriff "Antisemitismus" verkommt noch mehr zur Mode-Wort-Hülse. Ob seine Benutzung in diesem Zusammenhang angemessen war, wage ich zu bezweifeln.

Peter Stets, Weil am Rhein


In Deutschland scheint sich zurzeit eine Art Antisemitismus-Paranoia auszubreiten. Ich bin schon gespannt darauf, wo die nächsten Brutstätten geortet werden. Bei Sabine Christiansen? In der WM-Nationalelf? T-Onlines Aktienmanagement? In der Schill-Partei?

Peter Löffler, Brüssel


Bitte klicken Sie hier und lesen Teil 3 der Lesermails: "Ist Antisemitismus nur eine Worthülse?"

Kritisierter Kritiker Reich-Ranicki: Was ist "miserable Literatur"?
AP

Kritisierter Kritiker Reich-Ranicki: Was ist "miserable Literatur"?

Der Berufskritiker, Verreißer und Karrierenvernichter wird krititisiert. Daß diese entlarvende Demontage unserem selbstverliebten und apodiktischen Literaturpapst - Lieblingswort: "Misserraabel" - nicht zusagt, hätte Walser wissen müssen.Glaubt Marcel Reich-Ranicki eigentlich, unter einem besonderen Schutz zu stehen ?? Wer Thomas Bernhards "Holzfällen" heiß empfielt, sollte etwas Spott vertragen können. Widerlich vor allem, wie sich Schirrmacher mit geradezu abstoßender Berechnung ungefragt zum Zensor und Anwalt aufschwingt. Verbieten wir doch das Buch. Walser sollte sich öffentlich entschuldigen und sich verpflichten, fürderhin seine Skripts vor einer beabsichtigten Veröffentlichung von Herrn Reich-Ranicki absegnen lassen.

Friedrich von Stein/Ralph Kühne, Aberdeen


Der Dreh- und Angelpunkt der Debatte um Walser, Möllemann e tutti quanti scheint doch der zu sein: Was genau ist Antisemitismus? Dass es sich dabei eben nicht um ein Phänomen handelt, das sich auf Hasstiraden glatzköpfiger Dummbeutel beschränkt - darüber scheint es in der deutschen Öffentlichkeit wenig Klarheit zu geben: wie tief er in unserer Kultur verwurzelt ist (wer weiß schon vom Antijudaismus, der aus Bachs Musik in der Johannes-Passion spricht), wie wenig er oft seinen Trägern bewusst ist. Wenn wir wirklich "aus der Geschichte gelernt" haben wollen - wäre nicht dann dies die mindeste Anforderung, dass wir uns geduldig, genau und ernsthaft hierüber verständigten? Wäre das - im Sinne demokratischer Selbstaufklärung - übrigens nicht ein Projekt, das des SPIEGELs würdig wäre?

Thomas Seifert, Münster


Der Vorgang erinnert an Verhältnisse in der ehemaligen Sowjetunion. Die Parteipresse attackierte unbequeme Bücher welche nicht öffentlich zugänglich waren.

Manuel Distel, Singapur


Spannend der Eklat, langweilig die Kontrahenten! Der gute Herr Schirrmacher hat den Moment beim Schopf ergriffen, mit unverlangt öffentlicher Kritik zu DEM Thema mit derzeit extremstem Aufmerksamkeitspotenzial erstens mehr Leser für die FAZ zu gewinnen und zweitens für einen überproportionalen Buchabsatz des schreibenden Opas Walser zu sorgen. Gutes Timing! Der denkt langsam, der bei diesem Eklat meint, einer der Beteiligten könne am Ende als Verlierer dastehen. Leider, ähnlich wie bei Grass, gewinnen die alten tippenden Langeweiler mehr Leser als sie verdient hätten. Der eine tritt als weißgelockter Teufel auf, der andere als untersetztes Engelchen. Und Reich-Ranicki, der Umstrittene? Er lebt als Kritiker-Pabst in einem Land, in dem er derzeit selbst der vielleicht interessanteste Autor ist.

Volker Wilde, Köln


Typisch: Zeit seines Lebens hat der Mensch ausgeteilt, gestraft, vernichtet. Aber wehe er soll auch einmal einstecken: "Gewalt geschrien! Gewalt geschrien!". Eben professionelles Opfer!

Rainer Vogel, Ulm


Tja wenn dieser Oberpapst dies sagt, muß es ja stimmen. Schön, daß es sowas wie ihn gibt, der uns sagt was gut und was schlecht ist.

A. und U. Bittner


Die Hexenjagd ist eröffnet. Nach dem Autor des Romans "Der Vorleser" und Möllemann ist jetzt Martin Walser "dran". Mit dem Totschlagargument "Antisemitismus" wird die Einhaltung einer falsch verstandenen politischen Korrektheit gefordert.

Die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst sind in diesem unserem Lande in Gefahr!

Klaus Winkler, München


Wenn Walser nur den, wie er sagt, unfairen Literaturkritikbetrieb via Massenmedien attakieren/parodieren will, warum nimmt er nicht eine fiktive Romanfigur die man auf keinen Fall mit Reich-Ranicki verwechseln kann? Der Mann scheint aus seiner Paulskirchenrede nichts gelernt zu haben. - Dichter STATT Denker!

Jesse Meyer-Arndt, Hamburg


Herr Walser, was ist denn nur mit Ihnen los? Wer oder was hat Sie so tief verletzt, dass Sie es mit solchen Geschichten heimzahlen wollen? Sie tun mir leid.

B. Mamrud


Ja, der Herr Walser... Es geht ja nach seiner Auffassung offenkundig ganz sicherlich nicht um antisemitische Ressentiments oder Geschichtsrevisionismus, so wie Herr Walser "Jud Süss" sicherlich nicht als antisemitisch bezeichnen würde, schließlich geht es darin ja auch nur um eine bestimmte Person. Mag man auch den alternden "Großkritiker" MRR mit Recht kritisieren, den "Großliteraten" Walser hat er nun wirklich nicht verdient.

Wolfgang Dirschauer


(Über den Fall an sich:) Wird jetzt der Antisemitismus benutzt, um die Meinungsfreiheit zu beschränken? Das erinnert einen recht schnell an totalitäre Gesellschaften. Sind nun alle "Gaga" geworden?

(Über die Reaktion von Marcel Reich-Ranicki): Was könnte man denn anders von dem eitlen Herrn Rainicki erwarten. Alle besonders begabte Persönlichkeiten haben so eine "Macke". Aber ersparen Sie uns "normalen" Leute bitte diese intellektuellen Höhenflüge ins Nichts.

Claus Grunow


Möchte nicht der SPIEGEL einen Vorabdruck machen? Nur so sehe ich mich in der Lage, die ganze Aufregung einigermaßen nachzuvollziehen. Andernfalls sehe ich mich doch noch gezwungen, einen Roman Martin Walsers zu kaufen, dessen beste literarische Erzeugnisse meines Erachtens die Tassilo S. Grübel-Krimis waren.

Sigmund Gassner, Erlangen


Wer ist Walser? Muss man den kennen? Bei der Aufregung verkauft sich die Schwarte bestimmt gut. Schade. Aber wer ist Walser?

Robert H. Neumann, Dortmund


Deutschland ist ein kleines enges Land, weil sein Establishment aus kleinen engen Menschen besteht. Früher waren die Antisemiten die Demagogen, jetzt sind es die Antisemiten-Jäger.

Herr Schirrmacher ist der Herausgeber der FAZ. Was soll ich jetzt noch über dieses Blatt denken? Wenn ich Herausgeber wäre, würde ich eine Absage nicht so bringen, dass sie dem Autor und seinem Werk auch noch nützt. Deshalb vermute ich: Schirrmacher findet das Buch insgeheim gut, musste es aber als Zugeständnis an Marcel und die gegenwärtige Diskussion erstmal ablehnen. An die Adresse aller Neu-Demagogen: "Das ist der ganze Jammer: die Dummen sind so sicher, die Gescheiten so voller Zweifel." ( Bertrand Russell)

Mike Behrendt


Ich habe das Buch von Walser nicht gelesen und mich interessiert eigentlich auch nicht ob MRR ein Jude ist oder nicht. (btw: ich finde ihn toll. denke aber auch, dass er das rückgrat haben muss, das Buch von walser zu tolerieren/ignorieren - das ist demokratie, wie ich sie verstehe) Mich interessieren nur Menschen. Ich muss vorweg sagen, dass ich Möllemann für einen Populisten halte, der seine 18% auf unlauterem Wege, nämlich durch das Schüren von Emotionen und "Urängsten" zu erreichen versucht. Ich bin allerdings ein strikter Gegner der sog. "political correctness". Ich muss als denkender Mensch das Recht haben einen Kriegstreiber einen Kriegstreiber nennen zu dürfen. Und genau das ist Sharon. Und Arrafat steht ihm gewiss nicht nach. Aber aufgrund unserer unseligen Vergangenheit, die ich gewiss nicht als Ruhmesblatt deutscher Geschichte verstanden wissen will, darf ich den einen kritisieren und den anderen nicht. Da platzt mir der Kragen. Ich gehöre nicht zur Generation "Zyklon B" und trage keine Schuld an den Untaten meiner Väter (Kollektivschuld ist NAZI-Denken - wie z.B. Sippenhaft). Ich hoffe aber auch, dass dies nie wieder passieren und vergessen wird. Und genau aus diesem Grund kann ich Israels Politik (genauso wenig die Politik der Hammas) tolerieren, die sich gegen unschuldige Menschen richtet. Hass erzeugt Hass. Das kann es nicht sein, was wir Deutsche, gerade unserer Vergangenheit wegen, wünschen können. Rabin, der in meinen Augen die Hoffnung für eine Lösung des Nahost-Konfliktes war, würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er dieses erleben würde. Und nur weil ich dieses sage, bin ich kein Antisemit. (Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden). Das Getue von Herrn Friedmann würde in letzter Konsequenz bedeuten, dass ich ein Rassist bin, weil ich IDI AMIN verteufelt habe. Friedmann, denke nach! Wir müssen endlich lernen mit unserer Vergangenheit verantwortungsvoll umzugehen. Damit meine ich, dass wir versuchen müssen, Konflikte in der Welt möglichst gewaltfrei zu lösen oder Fanatikern, die ganze Völker in den Ruin stürzen, die Stirn zu bieten. Aber wir dürfen nicht um der Vergangenheit willen heucheln. Dem Herrn Friedmann möchte ich mit auf den Weg geben: Es sind hier nicht zwei Fußballvereine, die um die Meisterschaft spielen und wo die Fanclubs sich gegenseitig beschimpfen. Es geht um unschuldige Menschen, die auf Kosten einer unseligen Feindschaft verheizt werden, auf beiden Seiten. Grabt das Kriegsbeil wieder ein. Deutsche, egal ob Juden, Christen oder Muslime sollten dazu beitragen, dass im Nahen Osten wieder Frieden herrscht. Nur(!) damit erweisen wir unserer Vergangenheit einen Dienst.

Ralf Hirschberger, Altendiez


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