Leser über Walser "Dichter STATT Denker"

Wer ist der böse Bube im Streit über den Walser-Roman "Tod eines Kritikers"? Der Autor Martin Walser? Der Kritiker Frank Schirrmacher oder das karikierte Opfer Marcel Reich-Ranicki? Auch SPIEGEL-ONLINE-Leser haben sich über den "Literaturskandal" und Antisemitismus ihre Gedanken gemacht und fragen sich, welcher Möllemann als nächster kommt... . Alle Zuschriften blieben ungekürzt.





Schrieb über einen Buhmann und machte sich selber zum solchen: Martin Walser
DDP

Schrieb über einen Buhmann und machte sich selber zum solchen: Martin Walser

Bücher entscheiden; nicht umsonst rannte der Computerjunge in ein Gutenberg-Gymnasium. Aber auch ein Buch kann eine Pump-Gun sein. Wenn eine Exekution stattfinden sollte, dann hat Schirrmacher eine Exekution verhindert. Walser sieht Macht am Werke. Dabei sind die Juden von einer "genialen Menschlichkeit", wie der Schriftsteller Montherlant schreibt. Zweig schlägt Hitler mit der Schachnovelle; und Walser ist "Schach matt".

Dirk Braßeler


Ist das die bundesrepublikanische Ausgabe der Biermann-Affäre? Dieses Land verblödet doch....

Stephan Bender


Genauso schön wie das Geraufe der Wagner-Sippschaft in Bayreuth! Und genauso humorlos!

Gabriele A. Rolle, New York


Martin Walser wundert sich also über die Unterstellung des Antisemitismus? Er, als einer der größten Vertreter des "Man wusste ja nichts", "Man konnte ja nichts machen" oder "Lasst uns endlich einen Schlussstrich ziehen", reklamiert für sich ein idyllisches Plätzchen der Ungestörtheit. Er will alles Unangenehme weit von sich wissen. Der Schriftsteller Walser muss sich aber, auch wenn es ihm nicht behagt, damit anfreunden, dass er bzw. sein Werk interpretiert und in einen Kontext gestellt werden. Man kann eben, zumal als öffentliche Person, nicht nicht-politisch sein, was Walser gerne wäre. Nur so erklärt sich auch des Schriftstellers Erstaunen über (berechtigte) Fragen, die ihm nun von vielen Seiten gestellt werden. Das Kind in Walser will alles dürfen, was ein reflektierter Erwachsener eben nicht darf. Und dieses Kind scheint mit zunehmendem Alter die Kontrolle über die Person Walser zu übernehmen. Wie heisst es in einem aktuellen Popsong? "I wish i was a child of ten again..." Gerne, Herr Walser. Aber dann lassen Sie bitte das Schreiben.

Matthias Zschaler jun., Berlin


Es ist ja schon sehr erstaunlich, wie viele Leute glaubenl, ein Buch beurteilen zu können, dessen Inhalt die überwiegende Mehrheit noch gar nicht kennt. Womit man zunächst mal feststellen kann, daß der Zeitpunkt des offenen Briefes des Herrn Schirrmacher sehr unfair gewählt wurde: der Prozess ist eröffnet und die Anklage verlesen, ohne daß Beweismittel überhaupt vorliegen würden. Eine faire Diskussion kann so nicht stattfinden, aber die Pfeiler sind schon so fest eingerammt, daß klar ist, in welche Richtung sie laufen wird. Ein Jude wird angegriffen, also muß es um Antisemitismus gehen. Sagt ja auch der Herr Schirrmacher, der muß es ja wissen....(er sagt es sicher nicht ohne Grund in einer Zeit, wo man wegen Möllemann/Karsli ein wenig empfindlich auf diese Dinge reagiert - wobei ein Walser von Möllemann so weit weg ist wie Deutschland von Japan/Südkorea).

Grundlage einer sachlichen Diskussion wäre das Buch gewesen und die Frage, ob es antisemitische Klischees aufnimmt und verbreitet, ob zufällig das eine oder andere Klischee einfach auf RR paßt oder ob es möglicherweise gar nicht um die Frage geht, daß er Jude ist, sondern dies nur ein Randthema. Es geht aber vermutlich nicht um eine faire Diskussion, sonst wäre der offene Brief nicht JETZT erschienen. Es geht um die Definitionsmacht: heute laufen Debatten genau nach diesem Muster. Wer den ersten Stein wirft, wer die richtige Frage stellt, der hat schon gewonnen.

Beim Zuwanderungsgesetz war es die Regierung, die der Oppostition Blockade vorwerfen konnte, obwohl diese nur einige geringfügige Änderungen durchsetzen wollte, während die Regierung nicht mehr bereit war, in irgendeiner Form zu verhandeln. Im Falle Israels reden alle über deren Menscherechtsverstöße, während die Selbstmordattentate als Ausgangspunkt der isr. Strategie in einem Nebensatz mit erwähnt werden, "sind natürlich auch nicht in Ordnung". Bio-Fleisch darf man nicht mehr essen, die Frage, was wohl in anderem Fleisch ist, wo diese Kontrollen nicht stattfinden, die zum neusten Skandal geführt haben, wird seltsamerweise nicht gestellt. Und Walser ist ja für einige ohnehin schon der "antisemitsche Autor", der die "Schlußstrich-Debatte" eröffnet hat und dann mit "Versailles" ankommt. Jetzt muß das doch der letzte erkennen, "wo sogar sein alter Freund Schirrmacher von ihm abrückt". Inhalte und Zusammenhänge sind irrelevant, was zählt sind Schlagworte. Wer mehr davon gewinnt, der gewinnt auch insgesamt. In diesem Sinne haben Schirrmacher und RR mit ihren Äußerungen zum jetzigen Zeitpunkt "strategisch sehr geschickt" gehandelt. Ein Kompliment ist das nicht.

Christopher Trechow


Ich habe mich immer geweigert, die Deutschen historisch als etwas Einzigartiges zu sehen - besonders sauber, besonders pflichtbewußt oder auch besonders tödlich. Die eher komische typisch und einzigartig deutsche Beleidigung "Das ist aber typisch deutsch" ist sicher frühestens nach dem Krieg entstanden.

Besonders die jüngste Antisemitismus-Debatte aber läßt in mir Zweifel wachsen, ob es nicht doch eine nationale Institution gibt, die sich als roter Faden durch zumindest die letzen 70 Jahre zieht: Die der Gesinnungspolizei. Da ist ein Buch noch gar nicht erschienen, und schon drängeln sich die Gutmenschen nach Öffentlichkeit, um ihren Abscheu zu bekunden. Halb erwarte ich, Bücherverbrennungen zu erleben oder auf der nächsten Frankfurter Buchmesse "Kauft nicht bei Suhrkamp"-Plakate zu sehen.

Das wird wohl nicht stattfinden - nicht weil niemandem danach wäre, sondern weil die Parallelen zu sehr ins Auge fielen. Aber als Wahlkampf-Thema läßt sich Antisemitismus doch prächtig instrumentalisieren, und ich als ehemals notorischer Rot-Grün-Wähler stehe im Herbst vielleicht völlig hilflos vor dem Wahllokal und frage mich zum ersten Mal, wo ich denn nun mein Kreuzchen machen werde: Doch nicht bei der FDP?

Reinhart Behm (Berlin)


Egal, ob man Walsers Roman gelesen hat oder nicht - es ist traurig, dass die deutsche "Literaturszene" von einem Monopol-Kritiker wie MRR dominiert wird. Und jedem halbwegs intelligenten Mitbürger schleicht sich die Frage ein, wie kann es dazu kommen, dass ein Mann solche Macht ausübt? Sicher gibt es doch andere fähige Kritiker, doch MRR redet alle an die Wand und ehrfürchtig, weil nicht so belesen wie er, küßt ihm die politisch korrekte Welt die Füsse. Es geht nicht darum, ob MRR Jude, oder Christ, oder Muslim, oder Hindu, oder Bhuddist, oder sonstwas ist, sondern es geht um Macht und Untertanen. Den "Literaturpapst" zu karikieren, bedeutet sein eigenes "Todesurteil" zu sprechen. Walser hat anscheinend den Mut, gegen das System anzugehen. Vielleicht ein erster Schritt vom Meinungsmonopol zurück zur Meinungsvielfalt.

Michael A.


Vielleicht würde es den politisch überkorrekten Leuten gefallen, wenn nach Erscheinen dieses Buches alle gedruckten Exemplare öffentlich verbrannt würden. Und alle anderen Bücher mit unbequemen Inhalten gleich mit. Bleibt dann nur zu hoffen, daß es dann noch Menschen gibt, die merken, daß wir uns zurück in die Vergangenheit bewegen.

Andreas Gräfe, München


"Was darf die Satire? Alles." schrieb Tucholsky und mokierte sich über die Deutschen, die schnell beleidigt auf dem Sofa sitzen und übel nehmen. Wie recht er hatte, sieht man an manchen Reaktionen auf Martin Walsers neuesten Roman. Ich beglückwünsche jedenfalls Herrn Walser, dass er MRR karikiert, der sich im Laufe der Jahre von einem amüsanten Unterhalter zu einem geradezu widerlich selbstgefälligen Geiferer entwickelt hat; er hat es verdient, sei er nun Jude, Katholik, Protestant, Schwarzer, Araber oder Asiat, allein wenn ich daran denke, auf welch unbeschreiblich unverschämte Art und Weise er damals Frau Löffler im "Literarischen Quartett" vor den Kopf stieß. Was MRRs Reaktion angeht, so hat das Procedere, einen unbequemen Roman als literarisch schlecht zu desavouieren, in Deutschland eine lange Tradition.

Doris Münnekhoff-Bellot, Duesseldorf


Natürlich ist das alles auch ein nettes Medienspektakel-eine bessere Werbung für das Buch gibt es eigentlich nicht! Glückwunsch für Suhrkamp- was Besseres konnte dem Verlag gar nicht passieren! Glückwunsch Martin Walser- der Hitparadenplatz ist gesichert! Glückwunsch FAZ- endlich kann man mit moralischer Empörung das eigene Produkt in die Schlagzeilen bringen! Glückwunsch dem Starkritiker- sein Stern bleibt am Himmel! Beileid Literaturkultur- viel Rummel um wenig! Beileid Leser- jetzt müssen wir auch noch diesen Antisemitismusvorwurf überprüfen! Beileid Literatur - es geht nicht mehr um Bücher, es geht um Geld , Cash, money - sonst noch was?

Josef Girg, San José Costa Rica


Es ist nicht nur bemerkenswert wie schnell der Vorwurf "Antisemitismus" ausgepackt wird, und wie mittelbar und kaum sichtbar die Grundlage dieser Vorwürfe dann oft ist, es ist auch interessant wie bereitwillig diese Vorwürfe dann übernommen werden. Eine kritischere Prüfung wäre sinnvoll.

Horst Bernatzky


Roman Herzog hat sich einmal in seiner Antrittsrede zum Bundespräsidentenamt die Unverkrampftheit im Umgang mit der Vergangenheit gewünscht - davon sind wir zwischenzeitlich weiter entfernt denn je. Man wünscht sich von allen Seiten weniger Polemik und mehr Besonnenheit, schlichte Pragmatik in der Diskussion. Das würde beim Umgang mit kritischen Themen zu sinnvolleren Beiträgen führen. Über allen Teilnehmern am Möllemann&Walser Diskurs schwebt aber leider einmal mehr die Sucht nach Profilierung, welche jeden vernünftigen Ansatz zur sicherlich diskussionswürdigen Sache im Keim erstickt.

Michael Pfister



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