Lesung von Eva Herman Muttertag mit Bestseller

Gestresst? Kinderlos? Einsam? Eva Herman verwandelt Frauenängste in Bestseller. Gestern präsentierte sie in Berlin ihr neues Buch - ein Klischee-Kompendium, das nervt und den Nerv der Zeit trifft.

Von Henryk M. Broder


Nachdem wir in den letzten Tagen nur die Alternative hatten, uns über Günter Grass aufzuregen oder über Natascha Kampusch zu wundern, sind wir für jede Abwechslung, die der Kulturbetrieb anbietet, dankbar. Und wenn es ein Beitrag zu dem Debatten-Dauerbrenner ist, ob die Frauen an den Herd oder ins Fitness-Studio gehören und ob der Feminismus als Wille und Weg den Frauen mehr geschadet als genutzt hat. Da kam uns Eva Herman gerade recht, die gestern in Berlin ihr neues Buch "Das Eva Prinzip" der Presse vorgestellt hat.

Buchautorin Herman: Plädoyer für "neue Weiblichkeit"
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Buchautorin Herman: Plädoyer für "neue Weiblichkeit"

Wie immer bei solchen Ereignissen war der Saal voll, standen sich die Kamerateams gegenseitig im Weg, kämpften Fotografen um die besten Plätze. "Dabei war die gar nicht in der Waffen-SS", witzelte ein älterer Berichterstatter. "Die war noch nicht mal im BDM", gab ein jüngerer Kollege zurück.

Nein, Eva Herman war nur bei der Tagesschau, was marketing-technisch viel weniger hergibt. Andererseits, seit sie von der ARD-Chefredaktion "gebeten" wurde, nicht in Talk-Shows aufzutreten und keine öffentlichen Äußerungen abzugeben und seit sie daraufhin beschloss, ihren Job als Nachrichtensprecherin ruhen zu lassen, um in Talk-Shows auftreten und sich öffentlich äußern zu können, erlebt auch sie einen Hype, der nicht nur negative Seiten hat. Man habe das Buch ursprünglich mit 25.000 Exemplaren auflegen wollen, sagte der Verleger Christian Strasser, am Erscheinungstag seien schon 50.000 verkauft. Die nächsten 50.000 kämen nächste Woche in den Handel, das Papier für weitere 50.000 sei bestellt. Nur, dass die Debatte "emotional und heftig" geführt werde, "ohne dass jemand das Buch gelesen" hätte, sei bedauerlich.

Familiensinn zahlt sich aus

Dabei gehe es "um etwas Großes, um die Zukunft", immer mehr Menschen hätten "ein verwirrtes Gefühl zur Welt", wüssten nicht, wie sie sich angesichts von "Erderwärmung, Klimaveränderung, Turbokapitalismus, Globalisierung und Kampf der Kulturen" verhalten sollten. Damit waren alle relevanten Themen der Gegenwart angesprochen, allerdings nicht das eine, das Eva Herman in ihrem Buch aufgreift: die "neue Weiblichkeit". Die artikuliert sich nicht mehr allein im Streben nach Erfolg im Beruf, sondern im Wunsch nach Erfüllung innerhalb der Familie.

Weil sie aber immer missverstanden wird, las Eva Herman zu Anfang ein Statement vor, in dem sie versicherte, der Slogan "Zurück zum Herd" wäre nicht ihr Credo, sie sei auch gegen jede Benachteiligung und Unterdrückung der Frau, und eine "Rückkehr in Verhältnisse früherer Jahrhunderte" käme schon gar nicht in Frage.

Sie habe das Buch auch nicht geschrieben, um in "Bestsellerlisten oder in den Feuilletons zu erscheinen", sondern "im Bewusstsein" der Verantwortung, auf "die besonderen Fähigkeiten der Frau" hinzuweisen. Wozu in erster Linie das Kinderkriegen gehört.

Binsenweisheiten? Selbstverständlich

Eva Herman hat es nicht leicht. Nach gängiger Auffassung ist sie für eine gut aussehende Frau zu intelligent, und für eine intelligente Frau sieht sie zu gut aus. Dass sie zuletzt "Vom Glück des Stillens" geschrieben hat, nehmen ihr die Feministinnen übel, die noch immer der Ansicht sind, dass wir nicht als Frau oder Mann geboren, sondern zum Mann oder Frau erzogen werden.

Würde sie sich so exponieren, wie es Susan Stahnke gemacht hat, man würde sie belächeln, aber sie will mehr, sie mischt sich in gesellschaftliche Debatten ein, tritt gegen "Berufsfeministinnen" an und setzt sich über "Denkverbote" hinweg. Dabei sagt sie nur Selbstverständlichkeiten, die so neu sind wie die, dass Geld nicht glücklich macht, aber wenigstens beruhigt.

Die Frauen, sagt Frau Herman, seien "oft erschöpft im Spagat zwischen Beruf und Kinder", die Männer dagegen "verunsichert". Die Selbstverwirklichung sei zum "Schlagwort und Ziel des Feminismus" verkommen, es gebe "biologische Unterschiede, die aber geleugnet" würden. Es bringe nichts, "Kinder wegzuorganisieren, um uns selbst zu verwirklichen", denn: "Wir sind auf dieser Erde, um uns zu vermehren." Es liege an den Frauen, "ein Heim so gemütlich einzurichten, dass es eine Zuflucht" werde, auch Nächstenliebe gehe "von Frauen aus". Sie, die Frauen, seien imstande, "die Gesellschaft versöhnlicher zu machen" und für "ein warmes Klima zu sorgen".

Das Kinder-Los

Dass Eva Herman mit solchen Sätzen für Aufsehen sorgt, liegt nicht daran, dass sie originell sind, sondern daran, dass die Zahl der Frauen, die das Gefühl haben, ein falsches Leben gelebt zu haben, offenbar ständig zunimmt. Wenn es eine TV-Moderatorin auf die Titelseite der "Bild"-Zeitung schafft, weil sie mit 40 ihr erstes Kind bekommt, dann keimt bei Millionen von kinderlosen 40-Jährigen die Zuversicht: Was die schafft, das schaff ich auch. Und jede Geschäftsfrau im mittleren Management bekommt vor Rührung feuchte Augen, wenn sie beim Entsorgen ihrer Wellness-Kataloge in der Mülltonne eine gebrauchte Windel findet.

Deswegen trifft Eva Herman mit ihrem Plädoyer "für eine neue Weiblichkeit" den Nerv. Auch wenn alles, was sie sagt und schreibt, schon x-mal gesagt und geschrieben wurde, und obwohl Simone de Beauvoir, Germaine Greer, Alice Schwarzer und Esther Villar das Gelände nicht nur längst gerodet, sondern auch abgeerntet haben.

Wie in jeder Diskussion, bei der Theorie und Praxis auseinander klaffen, wird auch in der Feminismus-Debatte die Mutti-Fraktion das letzte Wort haben. Eva Herman sagt es so: "Wir dürfen uns nicht davon abhalten lassen, Kinder zu kriegen, dann wäre nämlich alles aus!"



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