Alice Munros letzte Erzählungen Wer lebt, der lügt

Selten wurde ein Literaturnobelpreis so einträchtig gefeiert wie der für Alice Munro. In ihrem neuen, wahrscheinlich letzten Kurzgeschichtenband "Liebes Leben" kämpft sich die Kanadierin zum Wesentlichen des menschlichen Zusammenlebens vor: der Lüge.

Derek Shapton

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Lügen sind verlässliche Begleiter. Sie schützen uns davor, an der grausamen Wahrheit zugrunde zu gehen. Sie stützen uns, wenn wir etwas erreichen wollen, was bei einem ehrlichen Blick auf die Wirklichkeit unmöglich erscheint. Lügen können gute Freunde sein; klar, nicht solche, die aufrichtig sind, aber solche, die immer da sind, wenn man sie braucht. Manchmal begleiten sie einen das ganze Leben, sie sind einem treu bis in den Tod. Wo findet man solche Freunde?

Zum Beispiel in der neuen Kurzgeschichtensammlung von Alice Munro, der wahrscheinlich letzten aus der Feder der 82-jährigen kanadischen Schriftstellerin. "Liebes Leben" ist das am Donnerstag auf Deutsch erscheinende Buch im Stil einer Tagebuchansprache betitelt - aber mit den emotional aufgeladenen, meist jämmerlich manipulativen Selbstversicherungen solcher Niederschriften haben Munros Short Stories nichts zu tun. Lakonisch nimmt sie in ihnen den Brennpunkt ins Visier, an dem die Lüge erstmals auflodert, und zeichnet dann nach, wie eine solche Lüge ein ganzes Leben prägen kann.

Man lese nur die Erzählung "Corrie", in der die Titelheldin, eine reiche Erbin, ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann beginnt. Die beiden scheinen aufrichtig voneinander angezogen zu sein; eine Hausangestellte, die von der Affäre erfahren hat, erpresst das Paar. Alle paar Monate muss die reiche Erbin Geld überweisen, damit die Sache geheimbleibt. Über 20 Jahre geht das so, die Liebe wächst an der Bedrohung. Irgendwann stirbt die Hausangestellte, das Geld geht aber weiter auf ein fremdes Konto. Kann es sein, dass es in Wirklichkeit der Liebhaber eingestrichen hat? Und wenn ja: Ändert das eigentlich was an den Gefühlen? Das Leben geht weiter. Die Liebe auch. Die Lüge sowieso.

150 Kurzgeschichten gleich 150 Romane

Kurzprosa, Frauenliteratur, Provinzgeschichten: Die Kategorisierungen von Munros Stories, die meistens im Huron County im Südwesten Ontarios spielten, hatten immer etwas Verniedlichendes. Der Schriftstellerin, die auf Bildern rigoros herzerweichend lächelt, war das wohl ganz recht; im Schutzraum der Provinz und der Semi-Professionalität konnte sie an der Vollendung der Short Story arbeiten. Als ihr erstes Buch erschien, war sie schon fast 40. In Interviews kokettiert sie damit, dass sie ja nur eine schreibende Hausfrau sei, weshalb in den folgenden 40 Jahren lediglich ein Dutzend Veröffentlichungen erschienen sind. Gefüllt mit jeweils rund zehn Kurzgeschichten um die 30 Seiten, in denen es fast immer um das Leben in der kanadischen Provinz geht, aus der Munro selbst kaum rausgekommen ist.

"Liebes Leben" ist nun Kurzgeschichtenband Nummer 13. Auf den ersten Blick scheint das Lebenswerk von Alice Munro also überschaubar. Und doch: Jede einzelne Kurzgeschichte hat im Grunde die Tiefe eines Romans; in ihrer (strategischen) Bescheidenheit hat Munro gelernt zu komprimieren und montieren. Kurzgeschichten sind bei ihr Lebensgeschichten, sie stellen Short Cuts im Wortsinne dar: Das Wesentliche eines Daseins wird hier gleichsam aus dem langen unübersichtlichen Strom des Lebens herausgeschnitten.

Der Stoff, um den es in der Gesamtheit ihres Werkes geht, hätten andere Autoren nicht 150 Kurzgeschichten gebaut, sondern 150 Romane. 2013 gab es, wie auch schon an dieser Stelle ein Jahr zuvor gefordert, für dieses überschaubare und doch unerschöpfliche Werk den Literaturnobelpreis. Eine Auszeichnung, die in seltener Eintracht vom Literaturbetrieb begrüßt wurde.

"Nimm alles hin, und die Tragödie verschwindet"

Munros neue Sammlung zeigt nun noch einmal besonders deutlich, wie sich ein Leben in seiner ganzen Pracht und Niedertracht in die knappe Form bringen lässt. Die Autorin kehrt zurück ins Ontario ihrer Jugend und ihrer frühen Ehe - und spinnt die Geschichten ihrer Heldinnen oft bis nah an die Gegenwart. Auf 30 Seiten vergehen schon mal 30 Jahre oder mehr. Nein, trotz Munros leichtfüßigen Stils verfliegen diese Jahre nicht, im Gegenteil: Der Leser bekommt stets ein Gefühl für das Vergehen der Zeit.

Auch weil die Charaktere gefangen sind in ihren Lieben und Lügen. Etwa die Erzählerin der Geschichte "Kies": Mühevoll rekonstruiert sie jenen Tag, als ihre größere Schwester in einer Kiesgrube nahe der eigenen Hütte ertrunken ist. Die Mutter machte damals mit ihrem Hippie-Lover stoned Liebe hinter verschlossenen Türen, an der inzwischen erwachsenen Erzählerin selbst nagt die Schuld. Jahre später sucht sie bei ihrem ehemaligen Liebhaber nach Auflösung des inneren Konflikts. Der sagt nur: "Nimm alles hin, und die Tragödie verschwindet."

Natürlich verschwindet die Tragödie nicht aus den Geschichten von Alice Munro, niemals. Noch in den leichtesten und komischsten Momenten ist sie da. Gerade durch diese unaufgeregte Hartnäckigkeit wirken die Geschichten nach; da wird nichts abgebunden, nichts aufgelöst, nichts bereinigt. Schuld und Sühne, Erlösung und Vergebung sind keine Kategorien im Schreiben der Alice Munro. Was bleibt, ist der menschliche Überlebenstrieb, der dann doch irgendwie bewältigt, was nicht zu bewältigen scheint.

Am Ende dieses vielleicht persönlichsten Buches stehen vier autobiografische Geschichten, in denen sich Munro dem eigenen Lebensdrama nähert. Erfahren wir also endlich die ganze Wahrheit über die größte lebende Kurzgeschichtenautorin? Nicht wirklich. Wie schreibt Munro ganz am Ende: "Wir sagen von manchen Dingen, dass sie unverzeihlich sind oder dass wir sie uns nie verzeihen werden. Aber wir tun es - wir tun es immerfort."

Gönnen wir uns unsere Lügen. Wo wären wir ohne sie.

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tick.tack 13.12.2013
1. Kein mensch ist eine insel.
Mir ist eine söhne Poesie eingefallen. Es ist eine Schulerinnerung, die markiert immer noch in meinem Kopf wird, weil sie so schöne war, dass ich es nicht vergessen habe, auch wenn viele Jahre vergangen sind (bei aller Bescheidenheit, ich habe ein gutes Gedächtnis). Im zweiten Jahr an den höheren Schulen, der Professor sagte uns eines Tages aus, ein Thema zu behalten. Der Titel war: KEIN MENSCH IST EINE INSEL. In Bezug auf die Poesie von John Donne. Ich stelle unter dem Gedicht in der Originalsprache Englisch, das die schönste und harmonischste Sprache aus der ganzen Welt ist. MEDITATION 17 (excerpt) No man is an island. No man is an island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main; if a clod be washed away by the sea, Europe is the less, as well as if a promontory were, as well as if a manor of thy friend's or of thine own were; any man's death diminishes me, because I am involved in mankind, and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee. Es ist ein sehr schönes Gedicht, das zum Nachdenken anregt. Es gibt eine Anekdote, voller Weisheit, ich volle es hier aus diesem Grund setzen, bevor ich von euch verabschiede. "Mein Sohn, wenn du bereit, Gutes zu tun bist, sei im Begriffe, die Undankbarkeit zu empfangen.
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