Harbour Front Literaturfestival Lisa Eckhart schlägt Kompromissvorschlag aus

Der Versuch der Harbour Front Festivalleitung, Lisa Eckhart per Videoschalte teilnehmen zu lassen, ist gescheitert. Nun sollen alle Debütantenlesungen verlegt werden. Derweil gab es eine weitere Absage.
Lisa Eckhart (beim Deutschen Kleinkunstpreis 2018): "Man kommt doch immer bald auf den schlechten Geschmack"

Lisa Eckhart (beim Deutschen Kleinkunstpreis 2018): "Man kommt doch immer bald auf den schlechten Geschmack"

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Eflling/ imago images

Erst sollte sie lesen, dann durfte sie nicht, und zuletzt wollte das Harbour Front Literaturfestival den Auftritt der Kabarettistin und Schriftstellerin Lisa Eckhart doch noch ermöglichen. Diese Bemühungen sind nun offenbar endgültig gescheitert.

In einer dem SPIEGEL vorliegenden Mail teilt ihr Verlag der Leitung des Festivals am Montag mit, Lisa Eckhart werde "das Angebot, am Wettbewerb um den Kühne-Preis 2020 über den Umweg einer Videolesung teilzunehmen, nicht annehmen". Von einer Chancengleichheit für alle Nominierten des Debütantenpreises könne keine Rede mehr sein.

Ursprünglich hatten sich nacheinander zwei andere Autoren geweigert, gemeinsam mit Eckhart eine Tandem-Lesung abzuhalten - unter Hinweis auf ihre umstrittenen Äußerungen in einer "Mitternachtsspitzen"-Sendung (WDR) von 2018.

Kurz danach machte dann noch der Nochtspeicher, wo die Lesung stattfinden sollte, Gebrauch von seinem Hausrecht. Im Hinblick auf zu erwartenden "Protest" aus der "Nachbarschaft" könne die Sicherheit von Künstlerin und Publikum nicht mehr garantiert werden. Daraufhin sah sich das Harbour Front Literaturfestival gezwungen, Lisa Eckhart auszuladen.

Der kategoriale Unterschied zwischen Warnung und Drohung

Während diese Entscheidung in der Kulturszene und darüber hinaus hohe Wellen schlug, relativierte der Nochtspeicher  seine ursprünglichen Einlassungen. Nun war nicht mehr von Drohungen aus der linksautonomen Szene die Rede. Vielmehr hege man Befürchtungen aufgrund "besorgter Warnungen aus der Nachbarschaft" sowie einschlägiger Erfahrungen aus der Vergangenheit.

Der kategoriale Unterschied zwischen einer Warnung und einer Drohung mag für einen betroffenen Veranstalter nur gering sein. Für das Harbour Front Festival war er das nicht. Und so versuchte die Leitung in den vergangenen Tagen fieberhaft, die Veranstaltung mit Lisa Eckhart doch noch zu retten, "sei es per Videoschalte oder in einer anderen Version", namentlich einer Ausweich-Location. 

"Man kommt doch immer bald auf den schlechten Geschmack"

Während Eckhart öffentlich weiter schweigt, mochte sich in ihrem Namen der Paul Zsolnay Verlag auf keine dieser Lösungen einlassen – und zitierte Alfred Polgar: "Einfälle der Regie können einem schwachen Stück nur so helfen … wie Gewürze dem zweifelhaften Braten. Man kommt doch immer bald auf den schlechten Geschmack."

In einer Pressemitteilung am Montagnachmittag bedauerte die Harbour Front Festivalleitung ausdrücklich, dass es nun zu keinem Auftritt von Lisa Eckhart im Rahmen des "Debütantensalons" kommen werde. Zugleich habe man sich entschieden, alle vier "Debütantensalon"-Veranstaltungen räumlich zu verlegen - sie also nicht im Nochtspeicher auszurichten. Über eine geeignete Location führe das Festival derzeit Gespräche

Mit Sascha Reh sieht sich ferner ein erster Schriftsteller "außerstande", bei einer Veranstaltung zu lesen , "die sich nicht unmissverständlich hinter das Recht auf Freiheit in Kunst und Rede stellt – auch dann, wenn mit Krawall zu rechnen ist".

Und in einem offenen Brief  vom Montag vergleicht PEN-Chefin Regula Venske die Vorgänge um Lisa Eckhart mit den gewalttätigen Anfeindungen, denen Erich Maria Remarque mit "Im Westen nichts Neues" ausgesetzt war.

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