Entwicklungsroman "Lichtfang" Von der Liebe und jungen Hunden

Lisa Kränzler erzählt in ihrem neuen Roman von einer 19 Jahre alten Borderlinerin. Ihre Sprache ist voller Tempo, Kraft, Energie - und manchmal etwas drüber. Denn Kränzler schreibt mit dem Pathos der Jugend vom Pathos der Jugend.
Lisa Kränzlers Bücher will man gar nicht mehr zuklappen.

Lisa Kränzlers Bücher will man gar nicht mehr zuklappen.

Foto: Jürgen Bauer

Es gibt erstens Bücher, die will man nach der ersten Seite weglegen. Dazu gehört dieses. Weil ein Basketball dort nicht einfach ein Basketball sein darf, sondern eine "orangefarbene Kugel" sein muss, ein "schwarzes Ballgerippe", eine "luftgefüllte Gummiblase". Weil ein Junge dort nicht einfach Basketball spielen darf, sondern den Ball an sich hochspringen lassen muss "wie einen jungen Hund", bevor er den Impuls zu seiner Wurfhand hinaufsteigen lässt "wie Quecksilber in einem Thermometer", damit der Ball schließlich "im Kettennetz klirrt und rasselt wie Schlossgespenster". Weil dieses Buch also beginnt wie der Kreativitätswettbewerb eines Deutsch-Leistungskurses. Es gewinnt, wer die sinnreichsten Synonyme und die verrücktesten Vergleiche findet. Ach ja: Für Alliterationen gibt es auch Punkte.

Es gibt zweitens Bücher, die liest man trotz mieser erster Seite weiter. Dazu gehört dieses ebenfalls. Weil die Autorin Lisa Kränzler, 32, bereits zwei hochgelobte Bücher veröffentlicht hat: "Export A" und "Nachhinein". Weil sie 2012 den 3sat-Preis beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb gewonnen hat und 2013 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse stand. Und weil manche Rezensenten behauptet haben, Heldin dieser beiden Bücher sei die Sprache.

Es gibt drittens Bücher, die will man am Ende gar nicht mehr zuklappen. Viele sind es nicht. Aber auch zu ihnen gehört dieses. Weil Lisa Kränzler derbe und direkt schreibt, extrem dicht, weil sie Gefühle auf die Seiten klatscht. Weil sie mit dem Pathos der Jugend vom Pathos der Jugend erzählt. Das ist manchmal peinlich, so wie auf der ersten Seite, aber meistens ist es voller Tempo, Kraft, brutaler Energie. Geschrieben in einer Sprache, die mindestens so sehr drüber ist wie die Borderlinerin, um die es geht.

Lilith kotzt und kokst

Die ist 19 Jahre alt, heißt Lilith, und kommt gerade von einem Austauschjahr in Kanada zurück in ein schwäbisches Kaff. Sie trinkt zu viel und isst zu wenig, sie kotzt hin und wieder und kokst recht häufig, sie ritzt sich die Arme auf und schneidet einem alten Rollkragenpullover den Kragen ab, um ihn als Korsage zu tragen. "Wenn man das Leben würgt, wird es strampeln, nach Luft schnappen, sich bemerkbar machen. Liliths Schlinge erpresst Lebendigkeitsbeweise."

Lilith verliebt sich in Rufus, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, und Rufus verliebt sich in Lilith. Rufus ist hässlich, Lilith ist hübsch. Rufus ist ein Mathe-Crack, Lilith leidet unter Dyskalkulie. Rufus hält seine Mitschüler auf Distanz, Lilith wirft sich ihnen an den Hals. Rufus hat Kunst abgewählt, sie bricht die Schule ab, um zu malen.

Es ist eine große Liebesgeschichte - und wie alle großen Liebesgeschichten geht sie nicht gut aus. Bei Rufus fühlt Lilith sich sicher und geborgen, aber Lilith knutscht auch mit ihrem Kinderfreund Kurt. Weil sie ihre Gier nach damals stillen mag. Nach damals, als sie mit ihren und Kurts Eltern noch gemeinsam in Urlaub gefahren ist. Nach damals, als sie zwölf war. Und weil sie heute niemandem gehört, nur sich selbst.

Was seit damals geschehen ist (ein Missbrauch vielleicht, vielleicht aber auch gar nichts Besonderes außer der Pubertät), bleibt im Dunkeln. Was geschehen müsste, damit wieder Licht in Liliths Leben kommt, auch. Sie malt wie besessen - und sieht nachts die Kreaturen lebendig werden, die sie tagsüber schafft.

Lilith fragt sich selbst, warum ihre Realität nicht die Realität der anderen ist: Ist sie körperlich oder geistig behindert? Sind die chemischen Prozesse in ihrem Gehirn gestört? Verzerrt ein Tumor ihre Sinneseindrücke? Und wie sie sich das so fragt, denkt man: Es ist ganz schön vermessen, sich als so besonders zu empfinden. Es ist ganz schön größenwahnsinnig, sich so radikal unverstanden zu fühlen. Aber es ist, wie es ist. Ihr Körper ist "ein Fass voll Furcht".

Und so findet dieser alliterationssatte Roman ein Ende, wie es entsetzlicher nicht sein könnte. Es ist zum Heulen. Hart. Heartbreaking.

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