Literatur-Eklat Nobelpreissekretär nennt US-Schriftsteller minderwertig

Attacke aus Stockholm: Der ständige Sekretär des Nobelpreiskomitees, Horace Engdahl, macht wenig Hoffnung auf einen amerikanischen Literaturnobelpreisträger. Bücher aus den USA seien schlicht nicht gut genug, meint der mächtigste Literaturrichter der Welt - die Amerikaner seien zu unwissend.

Stockholm - Horace Engdahl, 59, ist der mächtigste Literaturrichter der Welt. Als ständiger Sekretär des Nobelpreiskomitees der Schwedischen Akademie ist er so etwas wie der Sprecher jenes Gremiums auf Lebenszeit benannter Granden, die alljährlich über den größten und teuersten Bücherpreis entscheiden: den Literaturnobelpreis.

Mit so viel Macht im Rücken kann man sich schon mal hinreißen lassen. Und davon versteht Engdahl, einst Intelligence Officer der schwedischen Armee, später streitbarer, anarchistischer Literaturkritiker, der sich lustvoll mit Institutionen und Traditionen anlegte, eine ganze Menge. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP ließ Engdahl nun eine kleine Stinkbombe platzen: Er bezeichnete amerikanische Schriftsteller als zu isoliert und unwissend, um große Literatur zu schreiben. "Sie übersetzen nicht genug und sie nehmen nicht wirklich am großen Dialog der Literatur teil." Diese Unwissenheit, so der Schwede, sei hinderlich.

Rumms! In wenigen Tagen, aber nicht vor dem 9. Oktober, soll der Literaturnobelpreisträger benannt werden. Und wie immer fachsimpeln und rätseln die Experten und Buchmacher schon eifrig, auf wen die Wahl des erlauchten Komitees wohl fallen wird. Philip Roth ist so ein Name, der immer wieder fiel in den vergangenen Jahren. Auch Thomas Pynchon und Joyce Carol Oates werden immer wieder genannt. Alles Amerikaner.

Doch solchen Spekulationen weiß Engdahl zu begegnen: US-Schriftsteller seien zu empfänglich für Trends in ihrer eigenen Massenkultur und das ziehe "die Qualität ihrer Arbeit nach unten". Natürlich wolle Engdahl so kurz vor der Verleihung keine Namen aussichtsreicher Kandidaten diskutieren, sagte er in dem Interview. Eine Entscheidung sei in der 16-köpfigen Jury ohnehin noch nicht gefallen. Traditionell wird der Termin zwei Tage vor der tatsächlichen Bekanntgabe veröffentlicht. Es könnte dieses Jahr noch "einige Zeit" dauern, bis das Gremium sich geeinigt habe, meinte Engdahl. Seit 1993, als Toni Morrison ausgezeichnet wurde, hat kein US-Amerikaner einen Nobelpreis für Literatur bekommen.

Es gebe starke Literatur in allen großen Kulturen, räumte der Nobelpreissekretär ein, "aber man entkommt nicht der Tatsache, dass Europa immer noch das Zentrum der literarischen Welt ist, nicht die Vereinigten Staaten". Es sei daher kein Zufall, dass die meisten Literaturnobelpreisträger Europäer seien. Europa ziehe Exilliteraten an, weil es "die Unabhängigkeit der Literatur respektiert" und ein sicherer Hafen sei. "Viele Autoren, die ihre Wurzeln in anderen Ländern haben, arbeiten in Europa, weil man da in Ruhe gelassen wird und schreiben kann, ohne erschlagen zu werden", erklärte Engdahl. "Es ist in großen Teilen Afrikas und Asiens gefährlich, Schriftsteller zu sein."

Immerhin wohl nicht in den USA. Doch dort stießen Engdahls Anmerkungen erwartungsgemäß auf scharfe Kritik. Der Direktor der Nationalen Buchstiftung, Harold Augenbraum, sagte laut AP, er wolle Engdahl eine Empfehlungsliste mit amerikanischer Literatur schicken. "Solche Äußerungen lassen mich denken, dass Engdahl sehr wenig amerikanische Literatur außerhalb des Mainstreams gelesen hat und eine sehr enge Sicht auf das hat, was Literatur in diesem Zeitalter ausmacht", sagte er.

bor/AP

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