Literatur-Entdeckung Lewis Robinson Einschnitt im Durchschnitt

Der kleine Riss in der Lebensfassade, der sich zum Abgrund weitet; die leisen Misstöne, in denen die Katastrophe anklingt: Mit seinem Geschichtenband "Der Taucher" erweist sich der amerikanische Jungautor Lewis Robinson als scharfsinniger Chronist des Alltags - und als früh vollendeter Meister der Short Story.


Robinson-Erzählband "Der Taucher": Alltag mit Pointen-Schrecken

Robinson-Erzählband "Der Taucher": Alltag mit Pointen-Schrecken

"Als ich anfing zu schreiben, war ich zehn oder elf", erinnert sich Lewis Robinson, dessen erster Geschichtenband "Der Taucher" soeben auf Deutsch erschienen ist. "Ich schrieb damals zum Spaß kleine Science-Fiction-Storys, in denen es von Schurken und Superhelden nur so wimmelte." Inzwischen ist der Amerikaner 34 - und gilt als eines der größten Erzähltalente seiner Generation. John Irving nannte seine Geschichten "phantastisch" und pries Robinson für dessen "tiefes Verständnis für die menschliche Natur". T. C. Boyle rühmte ihn für seine "Virtuosität und makellose Klarheit".

Der Jedermann als Anti-Held

Doch was der 1971 in Massachusetts geborene und in Maine aufgewachsene Autor seinerzeit mit kindlicher Einbildungskraft aufs Papier warf, verströmt inzwischen einen geradezu grimmigen Ernst. Denn aus den Schurken und Superhelden von einst sind inzwischen Durchschnittstypen mit einer Menge Narben auf der Seele geworden, die weit davon entfernt sind, die Welt aus den Angeln zu heben. Eher sind sie traurige Partisanen, die um Respekt, Würde und Liebe kämpfen - und manchmal sogar noch um ein bisschen mehr. Darin erinnert Robinson an die älteren U.S.-Meister der kleinen Form wie Andre Dubus, Tobias Wolff oder Raymond Carver. Denn ähnlich wie diese versteht er es, in mal traumgleichen, mal blitzlichthellen Sequenzen jenen Moment festzuhalten, in dem eine Figur erkennt, dass im scheinbar vertrauten Alltag abgrundtiefe Risse klaffen.

Robinson-Fan Boyle: "Virtuosität und makellose Klarheit"
AP

Robinson-Fan Boyle: "Virtuosität und makellose Klarheit"

Robinson, der sich nach seinem Literaturstudium als Lachs- und Krabbenfischer in Alaska durchschlug, beschreibt Menschen, die auf dem schmalen Grat zwischen Gewohnheit und Katastrophe balancieren; kleine Spinner, die für die scheinbar wesentlichen Dinge des Lebens oft nur noch ein Schulterzucken übrig haben und am Verlust ihrer Träume leiden. So der Chronist der Erzählung "Der Trinkspruch", den es auf eine Party in eine Luxusvilla verschlägt und der am Ende unter dem irritierenden Jubel der Anwesenden zum gefeierten Mörder des Gastgebers wird. Oder die beiden ehemaligen Schulfreunde, die sich in der Geschichte "Der Rand des Waldes und der Rand des Meeres" nach Jahren zufällig wiedersehen - und feststellen müssen, wie fremd sie einander im Grunde immer waren.

Ausgezeichneter Karriere-Start

Robinson, der sich seinen Schliff als Schreiber am legendären Iowa-Writers Workshop erwarb, an dem zuvor bereits Größen wie Carver, Joy Williams oder Charles D'Ambrosio ihren Ritterschlag erhielten, schreibt eine zupackende, schlackenlose Prosa. Dabei wirken seine oft dürren Sätze wie Konstrastmittel, mit denen er das nicht selten verkorkste Innenleben seiner Anti-Helden sichtbar macht. Für seine Storys, die ihn in die erste Reihe jüngerer amerikanischer Kurzgeschichtenschreiber katapultierten, erhielt er in Iowa den "Glenn Award", die höchste Auszeichnung, die einem Autor dort zuteil werden kann.

Als er wenig später zudem den nicht minder renommierten Whiting Writers Award erhielt, war der Youngster aus Maine endgültig zu einem literarischen Versprechen avanciert. "Bevor ich nach Iowa kam", sagt Robinson, "bestand mein Tagesablauf ausschließlich darin, Dinge zu tun, die nicht mal entfernt mit Literatur zu tun hatten. Lesen war totaler Luxus und an Schreiben nicht mal zu denken. Ich schuftete praktisch rund um die Uhr. Und als ich dann die Chance erhielt, den Workshop zu besuchen, und in Iowa anfing, hätte der Kontrast nicht größer sein können. Alle nahmen sich unheimlich wichtig und vergruben sich unentwegt in Büchern."

Robinson-Mentor Irving: Im Ring mit dem Meister
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Robinson-Mentor Irving: Im Ring mit dem Meister

Doch Robinson fasste schnell Fuss - und seine Lehrer, zu denen auch John Irving zählte, bescherten ihm die Bekanntschaft mit ihm bis dahin unbekannten Kollegengrößen wie Tim O'Brien, Alice Munro oder Susan Minot. Vor allem aber Irving selbst hatte es ihm angetan. Besessen verschlang er das Gesamtwerk des Ex-Ringers - und wurde schliesslich sogar für zwei Semester dessen Assistent. "Bei Irving lernte ich, was es heißt, einen Text so lange zu schleifen und zu härten, bis er seine endgültige Gestalt annimmt."

Aufstieg mit Abstürzen

So lesen sich seine elf "Geschichten aus Maine" als überzeugende Resultate dieses Härtungsprozesses; allesamt in der Gegend um das fiktive Point Allison, unweit von Maine angesiedelte Short Cuts, die im besten Sinn jenen einst von Könnern wie Richard Yates oder John Cheever geprägten "schmutzigen Realismus" fortschreiben. Sie tun es, indem sie sich schonungslos den scheinbar alltäglichen Krisen und Umschwüngen widmen, die ein ganzes Leben tangieren - oder gar aus seiner scheinbar vorgezeichneten Bahn werfen können.

Dabei manövriert Robinson seine Figuren immer wieder in moralische Zwickmühlen. Anschaulich demonstriert dies die wohl beste Geschichte der Sammlung, "Die Fahrt", in deren irrwitzigem Verlauf das Verhältnis des noch jungen Ich-Erzählers zu seinem Sprüche klopfenden Vater auf den Prüfstand kommt - und sich dabei als mehr als porös erweist. Als der Trucker um Mitternacht die Druckluftfanfare seine Zwölf-Tonners betätigt, um damit dem Rest der Welt den Geburtstag seines Sohnes anzuzeigen, scheint die Welt für den Jungen noch in Ordnung. Gemeinsam gondeln die beiden durch die Nacht, um ein Kunstwerk nach Plattsburg zu bringen. Bis der Vater, der "die Angewohnheit hatte, so zu reden, als würde er in einer Talkshow Fragen beantworten", dem Jungen sein wahres Vorhaben offenbart: Er will das Kunstwerk stehlen.

Star-Autor Tobias Wolff: Meister der kleinen Form
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Und genau hier, da dem Jungen schlagartig scheinbar alle den Vater betreffenden Gewissheiten abhanden kommen, glänzt Robinson als ein Erzähler, der eine Geschichte elegant ins Unvorhergesehene werden kann. Zwar kann der Sohn das Vorhaben des Vaters in letzter Minute vereiteln - an seinen mächtig in Schieflage geratenen Gefühlen für das einstige Vorbild aber ändert das nichts mehr. "In dem Motelzimmer fühlt er sich bloß einsam. Während sein Vater neben ihm schläft, verspürt Alden eine neue Art Traurigkeit, als hätte er ein Geheimnis, das er nie verraten wird."

Lewis Robinsons Geheimnis, seine erzählerisch virtuose Handhabung der kleinen Form, lässt sich mit diesen exzellenten Beziehungsdramen immer wieder neu entdecken. "Die Kurzgeschichte hat für mich eine Sonderstellung", sagt Robinson , "denn sie zeigt im Bestfall jene Schrecksekunde, in der sich einem schlagartig der Charakter eines Menschen oder eine unerhörte Erkenntnis offenbart und es uns den Boden unter den Füßen wegzieht." Selten war es literarisch spannender, aus dem Gleichgewicht zu kommen.


Lewis Robinson: "Der Taucher und andere Geschichten aus Maine"
Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. Luchterhand Literaturverlag, München, 2005. 254 Seiten, 18 Euro



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