Literatur Ernst Jandl ist tot

"Manche meinen/lechts und rinks/kann man nicht velwechsern/werch ein illtum." Mit solcher Lyrik entsetzte Ernst Jandl in den Sechzigern noch manch einen Verleger: Siegfried Unseld sprach vom "traurigen Fall eines Lyrikers ohne eigene Sprache". Werch ein Illtum. Kurz vor seinem 75. Geburtstag starb der Dichter jetzt in Wien.

Frankfurt/Main - Nach dem Zweiten Weltkrieg galt es als unmöglich, angesichts der von Deutschland ausgegangenen Verbrechen noch Gedichte schreiben zu können. Der österreichische Lyriker Ernst Jandl war einer der wenigen, die dem trotzten und der deutschen Sprache damit geistigen Freiraum retteten.

Jandl gab der Lyrik - und damit auch der Sprache, in der er schrieb - einen heiteren Witz zurück, der sich in der kulturellen Spießigkeit der fünfziger Jahre noch nicht durchsetzen konnte. Gedruckt erschienen seine experimentellen Gedichte nach dem noch konventionellen Erstling "Andere Augen" 1956 erst Mitte der sechziger Jahre, darunter "Laut und Luise" 1966. Viele, darunter der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, nahmen ihm seinen Sprachwitz übel, der sich in Wortspielen und Lautmalereien erging. Unseld lehnte wie die meisten anderen Verlage eine Veröffentlichung ab.

In den siebziger Jahren dann gehörten Jandls lyrische Sprachexperimente jedoch fast schon zum festen deutschen Kulturgut. Der Lyriker wurde nun mit Auszeichnungen überhäuft.

Jandl wurde 1943 zum Kriegsdienst eingezogen. Nach zehn Monaten wurde er 1946 aus einem englischen Kriegsgefangenenlager entlassen. Nach einem Germanistik- und Anglistikstudium war der am 1. August 1925 geborene Jandl in seiner Geburtsstadt Wien ab 1949 langjährig als Gymnasiallehrer tätig, häufig beurlaubt mit Rücksicht auf seine dichterische Arbeit. Beeindruckt von den Sprachexperimenten der "Wiener Gruppe", aber auch der angelsächsischen Literatur, vor allem von James Joyce, entwickelte er ein Werk, das ihn zum Hauptvertreter der "Konkreten Poesie" werden ließ und das einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung deutschsprachiger Literatur gewinnen sollte.

"Schlicht und groß, logisch und erschütternd"

Jandl hatte vier verschiedene Grundarten seiner Gedichte definiert: "Das Gedicht in nahezu Alltagssprache; das Stimme verlangende Sprechgedicht; das laute wortlose Lautgedicht; das stille visuelle Gedicht". Kein Wunder, dass durch Jandls Erforschung der Laut-Dimension der Sprache das Hörspiel revolutionäre Impulse erhielt und eine Reihe Schallplatten erschienen. Erfolge als Dramatiker bescherte ihm seine zur Gänze im Konjunktiv verfasste Sprechoper "Aus der Fremde".

Jandls Alterswerk - "idyllen" 1989 und "peter und die kuh" 1996 - ist von zunehmend bitterem und sarkastischem Ton geprägt. Zu seinem 70. Geburtstag pries der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki am 5. August 1995 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein Liebesgedicht Jandls als "schlicht und groß, logisch und erschütternd":

"ich liege bei dir. deine arme/halten mich. deine arme/halten mehr als ich bin./deine arme halten, was ich bin/wenn ich bei dir liege und/deine arme mich halten."

Uwe Käding

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