Literatur-Fehde Grass fordert Reich-Ranickis Entschuldigung

Kurz vor seinem 75. Geburtstag will Günter Grass offenbar reinen Tisch machen. Der Schriftsteller fordert von Marcel Reich-Ranicki eine Entschuldigung. Der Literaturkritiker hatte vor sieben Jahren den Grass-Roman "Ein weites Feld" verrissen.


Köln - Reich-Ranicki hatte den großen Deutschland-Roman des Schriftstellers im April 1995 in einer Aufsehen erregenden Kritik geradezu vernichtet. In einer umstrittenen Abbildung auf dem SPIEGEL-Titel war der Literaturkritiker zu sehen, wie er das Buch im wahrsten Sinne des Wortes "zerriss". Das, so Grass in einem Interview mit dem WDR, habe ihn "schon getroffen, diese Darstellung, und das hat also auch dazu geführt, dass ich auf Distanz gegangen bin. Das muss er zurücknehmen, darauf bestehe ich", erklärte der Nobelpreisträger. "Aber diese Kraft hat er offensichtlich nicht".

"Feuilleton-Gezänk"

Erneut verteidigte Grass, der am 16. Oktober 75 Jahre alt wird, seinen Freund und Kollegen Martin Walser gegen den Vorwurf des Antisemitismus im Zusammenhang mit dessen Werk "Tod eines Kritikers". Grass warf dem Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, "versuchten Rufmord" vor. In dem Buch finde sich "keine einzige antisemitische Zeile". Es handele sich bei der Auseinandersetzung um "Feuilleton-Gezänk" und ein "erbärmliches Schauspiel". Schirrmacher hatte in einem offenen Brief Walser Antisemitismus vorgeworfen und einen Vorabdruck des Buches abgelehnt, das er als "Dokument des Hasses" bezeichnet hatte. Daraufhin entspann sich eine heftige Feuilleton-Debatte, die letztlich dazu führte, dass Walsers Buch zum Bestseller wurde.

Das Interview mit Günter Grass, das der WDR-Intendant und ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen anlässlich des bevorstehenden Geburtstags geführt hatte, wird am Mittwoch ausgestrahlt.

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