Literatur im Netz Stephen King auf neuen Wegen

Wer lesen will, muss zahlen - auch im Internet. Der Bestsellerautor Stephen King veröffentlicht sein neues Buch "The Plant" nicht über seinen Verlag, sondern auf seiner Homepage und bittet seine Leser kapitelweise zur Kasse.


Experimentierfreudig: King
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Experimentierfreudig: King

New York - Die ersten beiden Folgen seines neuen Fortsetzungsromans bietet der Erfolgsautor auf seiner Internetseite (www.stephenking.com) an. Er bittet interessierte Leser, für jedes Exemplar einen Dollar (etwa zwei Mark) zu zahlen. Wenn das System funktioniert, will King die nächsten Episoden ins Netz stellen.

Die amerikanischen Verlage blicken mit Skepsis auf Kings Internetabenteuer, da sie von dem Prozess der Veröffentlichung vollkommen ausgeschlossen wurden. "Wir betrachten das als ein Experiment und nicht als eine dauerhafte Maßnahme", sagte die Präsidentin der Vertriebsabteilung des Verlagshauses Simon & Schuster, Carolyn Reidy. "Wir sind zuversichtlich, dass die Verlage genug leisten, damit die Autoren weiterhin mit ihnen zusammenarbeiten wollen." Simon and Schuster hatten während Kings erster Veröffentlichung im Internet eng mit dem Schriftsteller zusammengearbeitet. Die Novelle "Riding the Bullet" wurde im März mehr als eine halbe Million Mal.

In dem neuen Roman "The Plant" (Die Pflanze) geht es um eine Fleisch fressende Pflanze, die ein Verlagsgebäude einnimmt. King erklärte an die Verlage gerichtet, er sei nur daran interessiert, seinen Lesern Angst einzujagen. "Ich liebe meine Lektoren und ich mag meinen Verleger", schrieb er auf seiner Internetseite. "Ich liebe den Geruch von Klebstoff." Die Verleger in den USA sind sich einig, dass mit King ein populärer Schriftsteller neues Terrain erobert, jedoch ähnliche Experimente von anderen Autoren nicht zu erwarten sind. "Dies funktioniert vielleicht für Stephen King, aber es wird für 99 Prozent der Leute nicht funktionieren", sagte der Präsident von Time Warner Trade Publishing, Larry Kirshbaum.

King hofft, für 75 Prozent der Downloads bezahlt zu werden. "The Plant" ist nicht verschlüsselt und für jeden zugänglich. Die Leser sollen per Kreditkarte oder Scheck für das Lesevergnügen zahlen. "Nimm was Du willst... und zahle dafür", schreibt King. Viele Vertreter der Verlagshäuser zweifeln jedoch an der Bereitschaft der Internetsurfer, für den Roman zu zahlen. Der Präsident der amerikanischen Schriftstellervereinigung, Jonathan Tasini, erwartet keine großen Veränderungen des Marktes. "Die Leute, die schon an der Spitze der Bestsellerlisten stehen, finden vielleicht einen weiteren Verkaufsweg, aber ich glaube nicht, dass es für die anderen Autoren dramatische Veränderungen geben wird", erklärte Tasini.



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