Literatur-Jahresrückblick Wann wird's mal wieder richtig Deutschland?

Literarische Schneewehen, selbstironische Egozentriker, Satzzeichenpolizisten - und dann kam Thilo Sarrazin: Sein verlorenes Paradies ist die frühe Bundesrepublik, doch vergisst er, wofür die SPD damals stand. Ein Blick auf typische, wichtige und erfolgreiche Bücher des Jahres 2010. 

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Kürzlich fing es in Norddeutschland an zu schneien. Als handele es sich um einen Vulkanausbruch, brachte der NDR gleich nach der "Tagesschau" eine Sondersendung. Eine Korrespondentin stand aufgeregt vor dem Glücksburger Schloss: "Ja, jetzt ist die Sicht auf das Schloss wieder gut." Es war kaum Schnee zu sehen.

Warum das hier erwähnt wird? 2010 wird nicht nur als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem es in Norddeutschland sehr viel geschneit hat. Es war auch das Literaturjahr - nein, nicht der Helene Hegemann - aber doch das Literaturjahr, das mit Helene Hegemann begann. Ihr Debüt "Axolotl Roadkill" (Ullstein) trägt mit Sicherheit einen hübschen, ungewöhnlichen Titel. Dass der pathetische, mit viel Material anderer Schreiber, darunter dem Blogger Airen, zusammengekleisterte Roman über die Minderjährige Mifti ein literarischer Vulkanausbruch gewesen sei, lässt sich nicht behaupten. Wenn, dann war er höchstens eine literarische Schneewehe. In den Strahlen der ersten Frühlingssonne schmolz auch die Begeisterung über dieses Buch, mancher Kritiker mag sich gefragt haben, warum er sich von der Hysterie um dieses kleine Ereignis hatte anstecken lassen.

Nicht nur Meteorologen, auch Literaturkritiker haben manchmal zu viele Roland-Emmerich-Filme gesehen. Und so empfindet es ein Großteil der bundesdeutschen Leser als äußerst wohltuend, dass es einen gibt, der Ruhe bewahrt. Es ist der Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Vier seiner Sachbücher zählen zu den zehn erfolgreichsten der letzten zehn Jahre, darunter das 2010 erschienene "Unser Jahrhundert" (C.H. Beck), ein Gespräch mit dem Historiker Fritz Stern. Die Sehnsucht nach Orientierung, nach verbindlichen moralischen Leitsätzen bedient in Deutschland schon lange nicht mehr der Papst, sie bedient Helmut Schmidt. Ob Hans-Jochen Vogel oder Richard von Weizsäcker: viele Elder Statesmen veröffentlichen Bücher - dass gerade Schmidt derartigen Erfolg hat, liegt auch an der so archaischen wie Popkultur-kompatiblen Stilisierung als unverwundbare Leitfigur. Natürlich ist der Altkanzler mit Zigarette auf dem Umschlag zu sehen. Auch dies Teil seines Nimbus: Er trotzt nicht nur der Weltlage, er trotzt sogar den Gefahren des westlichen Lebensstils.

Selbstironische Egozentriker

Vermutlich konnte Schmidt nichts Besseres passieren als sein Sturz 1982: Eine ganze Generation erlebte, wie der Kanzler ihrer Kindheit aus dem Amt getrieben wurde und hatte 16 Jahre lang Zeit, sich nach der vermeintlichen Leichtlebigkeit seiner Ära zurückzusehnen. Einer der Faktoren nicht nur für das Schlager-Revival, sondern auch für die sogenannte Spaßgeneration und den mit ihr einhergehenden Comedy-Boom. Mit einigen Jahren Verspätung erwuchs daraus ein neuer Typ Sachbuchautor, der mittlerweile seine größten Erfolge einfährt: Es ist der selbstironische Egozentriker. Schreibt nur über sich, nimmt sich dabei aber nicht so ernst. Selbstironische Egozentriker verfassen launige Bücher übers Älterwerden genauso wie übers Schnarchen und übers Kinderkriegen: Eines der erfolgreichsten Bücher der Gattung war 2010 "Achtung Baby!" (Kiepenheuer & Witsch) von Michael Mittermaier. Der witzelsüchtige Comedian ist Vater geworden - für seine Generation kein normaler biologischer Vorgang, sondern ein Lebensgefühl.

Die literarische Verarbeitung des tristen Endes einer Familie übernahm Thomas Hettche in seinem Roman "Die Liebe der Väter" (Kiepenheuer & Witsch). Willkommenes aktuelles Ereignis war das Buch dabei für die Literaturkritik vor allem, weil es so angenehm, wie man heute sagt, "zeitnah" zu einem Sorgerechtsurteil des Bundesverfassungsgerichts erschien. Als ob ein Roman auch als zivilrechtlicher Kommentar für die Uni-Bibliothek zu taugen habe. Auf höherem Niveau ereilte Hettches in schlichter Sprache aufgeschriebene Geschichte schon wenige Wochen nach ihrer Veröffentlichung das Schicksal Hegemanns: Die Literaturkritik fing an zu mäkeln.

Als Kind der Gegenwart erweist sich die Tochter in Hettches Roman auch dadurch, dass sie auf ihrem Mobiltelefon herumtippt und den iPod dabei hat. Was könnte in einem Jahr, das mit den WikiLeaks-Enthüllungen enden sollte, unerhörter sein, als auf moderne Kommunikationsmittel zu verzichten? In "Ohne Netz" (Klett Cotta) schreibt Alex Rühle über sein "halbes Jahr offline" - ein Selbstversuch! Auch das eine ganz typische Ausdrucksform unserer Zeit. Andere Autoren versuchten, streng nach der Bibel zu leben oder ganz ohne Sex - immerhin lässt sich bei solchen Versuchen eine allgemeine Beobachtung auf die Person zurückführen, für die man sich am meisten interessiert: sich selbst.

Um sich greifende Wagenburgmentalität

Dass Verzicht auch eine sehr ernsthafte Seite haben kann, zeigt Jonathan Safran Foers "Tiere essen" (Kiepenheuer & Witsch). Es ist keine Kampfschrift für das Vegetariertum, sondern eine persönliche gefärbte Recherche über die Umstände, unter denen Tiere gehalten und geschlachtet werden. In der Bundesrepublik, wo im April eine Frau aus der Geflügelzuchtbranche zur niedersächsischen Ernährungsministerin ernannt wurde (mittlerweile ist sie zurücktgereten) und wo im gleichen Bundesland in Wietze ein Schlachthof geplant wird, in dem pro Jahr 130 Millionen Hühner getötet werden sollen, könnte es ebenso angebracht sein, sich der Begleiterscheinungen industriellen Züchtens, Mästen und Tötens bewusst zu sein, wie in den USA, mit deren Beispiel sich Safran Foer befasst.

Es dürfte nur eine Minderheit der Deutschen Safran Foers Buch wahrgenommen haben - war ein weitaus größerer Teil doch mit der Lektüre von Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" (DVA) beschäftigt. Es sind immer die anderen, die in Sarrazins Buch für die von ihm diagnostizieren Fehlentwicklungen verantwortlich sind: "die politisch Korrekten" mit "ihrer Medienmacht", ganz zu schweigen von Muslimen, denen Sarrazin in einem Epilog gar unterstellt, in naher Zukunft gegen eine Shakespeare-Aufführung vorzugehen, weil dessen Frauenbild nicht dem Islam entspreche.

Mehr als Sarrazins Thesen selbst, sagt ihr ungeheurer Erfolg etwas über die deutsche Gesellschaft und die um sich greifende Wagenburgmentalität aus. In bürgerlichen Kreisen spricht man heute in aller Selbstverständlichkeit über einen zu hohen Ausländeranteil an Schulen. Sarrazin beschwört die Erfolgsgeschichte der frühen Bundesrepublik, doch anders als Rudi Carrell, der damals ironisch vom Ausbleiben des Sommers sang, meint er seinen nostalgiegetränkten Gassenhauer ernst. Nach dem Motto: Wann wird's mal wieder richtig Deutschland? Als älteres SPD-Mitglied hätte er sich daran erinnern können, dass die Sozialdemokratie dieser Zeit für Aufstieg durch Bildung stand und nicht für Ausgrenzung.

Sarrazins Buch, von dem über 1,2 Millionen Exemplare ausgeliefert wurden, trug deutlich dazu bei, dass im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im Herbst 2010 über 20 Prozent mehr Sachbücher verkauft wurden - das Belletristikgeschäft lief schwach, und auch das Vorweihnachtsgeschäft blieb mit Umsatzrückgängen von bis zu 16 Prozent pro Adventswochenende weit unter dem Vorjahr.

Keine deutschsprachige Literaturnobelpreisträgerin, kein neuer Frank Schätzing oder Dan Brown - und dann bekam auch noch Melinda Nadja Abonji den Deutschen Buchpreis. Waren in den vergangen Jahren die Buchpreisträger, darunter Katharina Hacker, Julia Franck und Uwe Tellkamp, verlässliche Lieferanten gut verkäuflicher Schmöker für ein mittelanspruchsvolles Lesepublikum, so erwies sich "Tauben fliegen auf" (Jung & Jung) als kommerzielles Debakel. Es stand kurz vor Weihnachten auf Platz 50 der Bestsellerliste.

Von der Literaturkritik wurde die Auszeichnung für Abonji nur äußerst halbherzig gefeiert, die "Süddeutsche Zeitung" schaffte es gar, die Preisträgerin erst abzuwatschen und am nächsten Tag vom selben Autor lauwarm loben zu lassen.

Interpunktion hat mit Literatur nichts zu tun

Neue Bücher von Günter Grass und Christa Wolf erinnerten im Sommer daran, dass es früher mal so etwas wie Großschriftsteller gab. Auf welchen Autor unter sechzig aber könnte sich ein Großteil des Landes einigen? Gefeiert und umstritten gleichermaßen war Thomas Lehrs "September - Fata Morgana" (Hanser), ein frei schwebend erzähltes Sprachkunstwerk. Als wären sie Verkehrspolizisten, denen auffällt, dass das Rücklicht nicht funktioniert, fingen Lehrs Kritiker an zu höhnen: Keine Satzzeichen! Aber ein Roman ist kein Auto und der ordnungsgemäße Zustand der Interpunktion hat mit Literatur überhaupt nichts zu tun.

Die neben Lehr markanteste literarische Prosa kam von Peter Wawerzinek. Sein autobiografischer Roman "Rabenliebe" (Galiani) wirkt in seinem rasselnden Duktus fast anachronistisch, wie ein Buch aus den Tagen des Bleisatzes, als Dichter noch in der Kniebundhose am offenen Fenster standen und deklamierten, bis der Nachtwächter ihnen Ruhe gebot. Dass der derart sprachmächtige Schriftsteller in der DDR aufwuchs, dürfte bei manchem Ostintellektuellen die These nähren, beim Arbeiter- und Bauernstaat habe es sich in Wahrheit um eine Gelehrtenrepublik gehandelt - wer "Rabenliebe" gelesen hat, weiß aber auch: es war eine kalte, grausame Kindheit, die Wawerzinek in die Literatur hat flüchten lassen.

Heute ist die ehemalige DDR auf dem Weg, der wilde Osten der Westdeutschen zu werden. Moritz von Uslar machte sich in einer "teilnehmenden Beobachtung" mit dem Titel "Deutschboden" auf, ein paar Eingeborene zu besichtigen; Wolfgang Herrndorf schickt in "Tschick" (Rowohlt) zwei Jugendliche im geklauten Lada durch Brandenburg. In seinem Online-Tagebuch hatte sich Herrndorf schon beschwert, sein Roman werde in keiner einzigen Buchmessebeilage wahrgenommen - um so unerwarteter wurde "Tschick" zu dem Überraschungserfolg 2010. Und das allein, weil das Buch dann doch noch in fast allen Literaturteilen bejubelt wurde. So widerlegte Herrndorfs Erfolg auch die These, Rezensionen hätten keinen Einfluss mehr auf den Buchmarkt.

Ebenso unerwartet die letzte Buchdebatte des Jahres: "Der kommende Aufstand" (Edition Nautilus) war bereits im Sommer erschienen, im französischen Original gar schon 2007. Die anonyme Autorengruppe namens "Unsichtbares Komitee" zeichnet das Bild eines verkommenen Frankreichs, dessen System, wenn nicht vor dem Zusammenbruch, so doch vor blutigen Auseinandersetzungen steht: "Hinter den beruhigenden Worten hört man immer klarer das Geräusch der Vorbereitungen eines offenen Krieges." Die Darstellung des Westens in diesem Buch ist denkbar vernichtend - in ihrem Weltekel allerdings so totalitär, dass man sich fragt, ob nicht selbst das allerverlogenste Weiterwursteln viel humaner ist als dieser Säuberungsfuror. Ganz egal, ob man ihn nun als linksradikal bezeichnen kann oder, wie andere meinen, doch eher als rechts.

Eines jedenfalls ist, wie bei Sarrazin, auch beim "Kommenden Aufstand" klar: Beunruhigender als die im Buch aufgestellten Prognosen ist der Erfolg des Buches selbst.



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ohmscher 29.12.2010
1. Toll!
Zitat von sysopLiterarische Schneewehen, selbstironische Egozentriker, Satzzeichenpolizisten*- und dann kam Thilo Sarrazin: Sein verlorenes Paradies ist die frühe Bundesrepublik, doch vergisst er, wofür die SPD damals stand. Ein Blick auf typische, wichtige und erfolgreiche Bücher des Jahres 2010.* http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,736074,00.html
Ja, dann diskutiere ich mal: Der Autor schreibt so, wie die Literatur ist, über die er urteilt.
Ein netter Netter 29.12.2010
2. Meine Ergänzung
In dieser Liste fehlt ganz klar das schöne Buch "Ich werde ein Berliner". Denn 2010 war das Jahr, in dem mit dem Hipster abgerechnet wurde, und das Buch war sozusagen für unsere allzu Deutschen Hipster "zuständig". Eine Art Anti-Axolotl-Roadkill, da es nicht eine mystifizierend-glorifizierende Perspektive auf die derzeitig vorherrschende Jugendkultur bietet, sondern total unbeeindruckt deren zahlreichen Widersprüche und Verlogenheiten entblösst.
grafkoks2002 29.12.2010
3. Argh!
Ein "mittelanspruchsvolles Lesepublikum"? Was soll so ein Schwachsinn. Ein "mittelanspruchsvolles Lesepublikum". Lieber Autor: Ich habe Jerry-Cotton-Romane von einer literarischen Qualität gelesen, die jedem so genannten Bildungsbürger die Grütze aus dem Sattel schießt. Und ich las so genannte Literatur fürs anspruchsvolle Lesepublikum, die sich doch nur in weltvergessener Nabelschau verlor. Abgesehen davon: Die Bandwurmsätze eines Nobelpreisträgers wie Grass sind krass, aber auch ein ziemliches Geschwurbel. So aber denkt der deutsche Literaturfreund: Nennt sich etwas Unterhaltung, ist es höchstens für mittelanspruchsvolle Lesepublikum geeignet. Da halte ich es lieber mit den Angelsachsen. Für die gibt es gute Literatur und schlechte Literatur.
Brand-Redner 29.12.2010
4. Urteile
Zitat von ohmscherJa, dann diskutiere ich mal: Der Autor schreibt so, wie die Literatur ist, über die er urteilt.
Da ist wohl etwas dran, wenn man sich bspw. folgendes Urteil anschaut: Abgesehen davon, dass die Dichter und Denker, auf die man hierzulande gelegentlich sehr stolz ist, ganz anderer Auffassung wären: So was kann man immer sagen. Es klingt wie die missglückte Ausrede eines Agrammatikers, der selbst dann keine Interpunktionszeichen benutzen könnte, wenn er es wollte. Aber natürlich wollen diese großen Dichter bloß nicht... Dennoch finde ich, dass S. Hammelehle in manchen Punkten Recht hat. Das gilt z.B. dort, wo er die Zunft schreibender "Elder-Statesmen" als (überwiegend) egozentrisch charakterisiert, was ich in dem einen oder anderen Fall noch für einen Euphemismus halte. Aber auch seine Klage, es gäbe keine Großschriftsteller in der Altersgruppe U 80 mehr, ist berechtigt. Und seine Einschätzung des Blockbusters Sarrazin sowieso. schreibende elder statesmen als Egozentriker Ausbleiben von großschriftstellern in den Generationen U 80 Wertung des Sarrazin-Erfolgs
Brand-Redner 29.12.2010
5. Grass u.a.
Zitat von grafkoks2002Ein "mittelanspruchsvolles Lesepublikum"? Was soll so ein Schwachsinn. Ein "mittelanspruchsvolles Lesepublikum". Lieber Autor: Ich habe Jerry-Cotton-Romane von einer literarischen Qualität gelesen, die jedem so genannten Bildungsbürger die Grütze aus dem Sattel schießt. Und ich las so genannte Literatur fürs anspruchsvolle Lesepublikum, die sich doch nur in weltvergessener Nabelschau verlor. Abgesehen davon: Die Bandwurmsätze eines Nobelpreisträgers wie Grass sind krass, aber auch ein ziemliches Geschwurbel. So aber denkt der deutsche Literaturfreund: Nennt sich etwas Unterhaltung, ist es höchstens für mittelanspruchsvolle Lesepublikum geeignet. Da halte ich es lieber mit den Angelsachsen. Für die gibt es gute Literatur und schlechte Literatur.
Das ist unbestritten, soweit es seine Romane anbelangt. Geht es um andere Formen, kann Grass durchaus nobelpreiswürdig schreiben, ohne die Massen zu langweilen. Zwei Beispiele, die ich kenne: "Im Krebsgang" und "Beim Häuten der Zwiebel". - Übrigens: Man kann den krassen Grass durchaus mögen, ohne sich der Jerry-Cotton-Romane schämen zu müssen! Letzteres gilt auch hierzulande, nur wird dieses Wirkungsgesetz aller Literatur - aus diesen oder jenen Gründen - gern vernebelt oder verschwiegen.
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