Literatur Leander Scholz

Der Schriftsteller aus Bonn erzählt in seinem Roman "Rosenfest" von Andreas Baader und Gudrun Ensslin ­ und ihrer Liebe.

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ahrscheinlich waren einfach die Hormone schuld. Daran, dass den jugendlichen Leander Scholz damals die Sehnsucht nach der RAF heimsuchte. Ausgerechnet ihn ­ den Pazifisten, der auf Ostermärschen mitlief, der sich an Kasernentore kettete, Flugblätter für den Zivildienst und gegen die Volkszählung verteilte.

"Atomkraft, Pershing-Raketen, Umweltzerstörung ­ das alles machte uns Mitte der Achtziger noch richtig Angst. Wir fühlten Ohnmacht", sagt er. Der gewaltlose Widerstand war das politisch korrekte Gebot der Stunde, doch die Halbstarken kamen sich "fast wie Leichen" vor, wenn sie sich von den Demos wegtragen ließen. In ihnen brodelte das junge Blut, die Hormone hüpften ­ wohl deshalb phantasierten sie von den tatkräftigen Helden der Vergangenheit: "Manchmal tauschten wir ein wenig verstohlen unsere Peace-Sticker gegen RAF-Embleme aus", erzählt Leander Scholz.

Heute, ein Philosophie-Studium und eine Doktorarbeit über Klugheitslehren im 18. Jahrhundert später, ist er über den Verdacht der Gewaltverherrlichung erhaben.

Er ist einer, der seine Worte vorsichtig setzt, fast umständlich formuliert. Er nennt die Terroristen nicht etwa Helden, sondern "heroische Subjekte" und "Ikonen der massenmedialen Totenhalle". Er arbeitet als Forscher für Mediengeschichte an der Uni Köln, ist Mitbegründer des ehrgeizigen kleinen Buchverlags Tropen.

Bei so viel Karriere fragt man sich, wie der 31-Jährige Zeit gefunden hat, seinen Roman "Rosenfest" zu schreiben. Noch mehr wundert, dass das Buch kein bisschen akademisch geraten ist, sondern gefühlvoll und poetisch. Was hingegen nicht erstaunt, ist das Thema: die RAF.

Scholz' Buch handelt jedoch nicht von Gewalt, sondern von den feinen Fäden, die Liebende umeinander spinnen. Er erzählt die Geschichte von Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die tatsächlich ein Paar waren. Die historischen Fakten hat Scholz allerdings "arrangiert", viel weggelassen und dazuerfunden.

Seine Gudrun und sein Andreas sind naiv und seltsam unpolitisch ­ Attentate traut man ihnen gar nicht zu. Das kann man dem Autor als romantische Verharmlosung übel nehmen. Doch geht es Scholz nicht darum, die Taten des Terroristenpärchens zu rechtfertigen. "Ich wollte sie einfach in die Privatheit holen", sagt er, "ich wollte ein Märchen zu Ende erzählen und mit der Sehnsucht abschließen, mit der wir uns als Jugendliche selbst betrogen haben." So schöne Früchte wie sein Roman trägt der Selbstbetrug nur selten.

Nina Freydag


Leander Scholz: "Rosenfest". Hanser Verlag, München; 248 Seiten; 35 Mark. Erscheint am 13. Februar.

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