Literaturnobelpreis 2020 Glück und Stille

Ihre Lyrik lässt sich wohl von keiner Macht der Welt instrumentalisieren: Der Nobelpreis für Louise Glück zeigt auch, dass sich die skandalumrankte Schwedische Akademie nach Ruhe sehnt.
Louise Glück schreibt sehr leise Verse

Louise Glück schreibt sehr leise Verse

Foto: SHAWN THEW / EPA-EFE / Shutterstock

Auch die automatisch generierten Untertitel bei der Verkündung der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin waren überfordert: "Glick, Glick" stand da unten zu lesen und man dachte, die maschinelle Mitschrift habe vielleicht das Klicken der Kameras transkribiert. Aber nein: die Gewinnerin heißt Glück, Vorname Louise. Das Nobelpreiskomitee wollte vielleicht einfach ein bisschen Ruhe haben.

Alle hatten sich ja 2019 gewundert, dass sich die Mitglieder der schwedischen Akademie nach den Skandalen der Jahre zuvor - nach all den Vorwürfen der Vergewaltigung, Vorteilsnahme und des Verrats - ausgerechnet für Peter Handke als Preisträger entschieden. Und somit den Lärm, die Vorwürfe, die Skandalrufe nur noch weiter verstärkten. Da half auch die tolle Zweit-Preisträgerin Olga Tokarczuk nicht weiter.

Naturgedichte, Innenschau, Rückzug. Ein bisschen Handke, minus Jugoslawien

Jetzt also: endlich Stille. Louise Glück. Eine Dichterin, deren Gedichte in Deutschland wirklich nur eine winzig kleine Zahl an Leuten kennt. Sie sollten jetzt mal einen kurzen Blick in die Literaturredaktionen des Landes werfen können, wie da alle aufgeregt umhertelefonieren. Glück? Glück? Wie kann das sein? 

Auch ich musste mich erst in das Glück-Werk einlesen. "Wilde Iris" und "Averno" heißen die beiden Bände, die, übertragen von Ulrike Draesner, vor Jahren auf Deutsch erschienen sind. Naturgedichte, Innenschau, Rückzug. Ein bisschen Handke, minus Jugoslawien. Gedichte als Rettung vor einer feindlichen Welt: "Hier war ich jung, Fuhr U-Bahn mit meinem kleinen Buch, wie um mich zu verteidigen gegen eben diese Welt: / du bist nicht allein, sagte das Gedicht im finsteren Tunnel." Sehr leise Verse aus dem Land des die Welt mit seiner Wut überziehenden Präsidenten. "Es ist Zeit auszuruhen; vorerst habt ihr genug Trubel gehabt."

Nein, die Lyrik der Louise Glück, deren Großeltern, ungarische Juden, nach New York auswanderten, die selbst auf Long Island aufwuchs, diese Lyrik kann keine Macht der Welt für sich instrumentalisieren. "Ich bin deiner überdrüssig, Chaos der lebenden Welt - Ich kann mich nur für eine bestimmte Zeit bis zu einem Lebewesen ausdehnen." 

Vielleicht war es das, was uns das Nobel-Komitee mit der Entscheidung auch schenken wollte: die Stille nach den Skandalen.

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