Literatur-Nobelpreisträger Deutsche Leser müssen auf Gao warten

"Aufwand groß, Risiko groß, Lesergruppe klein" - Deutsche Verlage haben es schwer mit dem neuen Literatur-Nobelpreisträger. Unangenehmer Effekt: Zum Weihnachtsgeschäft wird kein wichtiges Werk Gao Xingjians auf Deutsch vorliegen.


Preisträger Gao: "vorsichtiges Interesse"
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Preisträger Gao: "vorsichtiges Interesse"

Hamburg - Rechte Freude wollte nicht aufkommen in Deutschlands Literaturbetrieb über die nach tagelangen Verschiebungen nervös erwartete Bekanntgabe der Schwedischen Akademie. Die wenigsten hatten den Namen des diesjährigen Nobelpreisträgers Gao Xingjian jemals gehört. Florierende Verkäufe durfte zunächst niemand erhoffen. Bis heute, über einen Monat nach der Stockholmer Entscheidung, hat kaum jemand in Deutschland einmal ein Buch des in Paris lebenden Exil-Chinesen in Händen gehalten - und das dürfte sich so rasch auch nicht ändern. Selbst zum Weihnachtsgeschäft wird wohl kein wichtiges Werk des höchstgeehrten Literaten des Jahres auf Deutsch vorliegen - für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels "ein Novum".

Die Übersetzung der auf Chinesisch und Französisch vorliegenden Bücher Gaos bereite Probleme, meint Börsenvereins-Sprecher Eugen Emmerling in Frankfurt. Chinesische Übersetzer seien rar. "Da bekommt man durchaus Leute", beteuert hingegen Tatjana Michaelis, Lektorin für ausländische Belletristik beim angesehenen Münchner Carl Hanser Verlag, "bis allerdings eines der Hauptwerke übersetzt ist, kann es bis zu zwei Jahre dauern". Doch selbst ein rasch produzierbarer Band mit einigen Novellen ist zunächst nicht in Sicht.

"Es ist unheimlich traurig, dass es der erste Chinese mit einem Literaturnobelpreis bei uns so schwer hat", sagt die Heidelberger Sinologin Susanne Weigelin-Schwierdzik. Bei den Verlagen gelte die Kalkulation "Aufwand groß, Risiko groß, Lesergruppe klein". Die beleidigten Reaktionen deutscher Feuilletons auf die Preisverleihung und die Notwendigkeit einer aufwendigen Werbekampagne für den Chinesen schreckten Verlage ab, sagt die Professorin, die mit Gao mehrere Seminare veranstaltete und das Gao-Bändchen "Nächtliche Wanderung" mit "Reflektionen über das Theater" herausbrachte.

Mehrere Theaterstücke des 60-Jährigen waren vor dem Medienrummel um Gao Xingjian an der Fakultät für Ostasienwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum übersetzt und von zwei wissenschaftlichen Kleinverlagen vor Ort herausgegeben worden. Lediglich das Zwei-Personen-Stück "JA oder/und NEIN" ist nach Angaben des Projekt Verlags noch in einigen Exemplaren vorrätig - angehängt an eine wissenschaftliche Interpretation einer Studentin. "Ich hoffe, dass noch vor Weihnachten ein Band mit den kleinen Stücken einem größeren Publikum zugänglich wird", sagt der Bochumer Sinologe Raoul David Findeisen. "Die Busstation", "Flucht" und andere Stücke würden derzeit überarbeitet - von welchem Verlag, könne er nicht sagen.

Gaos Romane bleiben dem deutschen Publikum derweil vorenthalten. Das Nobel-Komitee hatte besonders "Der Berg der Seele" gelobt. Den im Frühjahr auf Französisch erschienenen Roman "Le livre d'un homme seul" ("Das Buch eines einsamen Mannes") werten Kritiker als spannende Offenlegung persönlicher Exil-Erfahrungen. "Wir haben vorsichtiges Interesse", verrät Hanser-Lektorin Michaelis. Suhrkamp-Sprecherin Julia Ziegler hingegen berichtet: "Wir haben es geprüft, machen aber nichts."

Gaos Agent Jean Pierre Würtz räumt ein: "Noch sind wir zu keiner Einigung gekommen." Eine Hauptschwierigkeit sei der Umfang der Rechte. Deutsche Verlage schrecken davor zurück, sich zur Veröffentlichung vieler oder gar aller Gao-Werke zu verpflichten. Denn eines weiß derzeit niemand: Werden sich Monate oder gar Jahre nach der Nobelpreis-Überreichung am 10. Dezember in Stockholm noch Leser für die Werke des Geehrten finden?

Basil Wegener, dpa



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