Literatur-Rebell Dave Eggers Was wir (noch) merken werden

Dave Eggers, gefeierter Rebell der amerikanischen Literaturszene, veröffentlicht seine Bücher jetzt auch in Deutschland. Der 32-Jährige versucht die Macht der Verlage zu umgehen und lässt seine skurrilen Romane um Freundschaft, Tod und Selbstfindung in Eigenregie erscheinen.

Von Kerstin Schneider


Schriftsteller Eggers (bei einer Lesung in San Francisco): Kinderträume bewahrt
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Schriftsteller Eggers (bei einer Lesung in San Francisco): Kinderträume bewahrt

Dave Eggers ist medienscheu. Auch auf der Buchmesse in Frankfurt gibt er nur wenige Interviews, heißt es aus dem Droemer Verlag, wo seine Bücher auf Deutsch erscheinen. Genau das ist Teil von Eggers Strategie. Sich rar machen, dem Markt ein Schnippchen schlagen. Kultautor Eggers kann sich das leisten. Er hat andere Vertriebswege gefunden. Sein zweites Buch "Ihr werdet (noch) merken, wie schnell wir sind" ist in den USA im Selbstverlag herausgekommen, unter dem Label "McSweeney's", einem vierteljährlichen Literaturmagazin, für das Eggers als Gründer und Herausgeber fungiert. Ohne Buchhandelsketten und amazon.com hat sich der Roman vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda und über die Website von "McSweeney's" verkauft.

Auch hier in Deutschland stehen - trotz Droemer-Vertrieb - kein Cover und kein Vorsatzblatt mehr zwischen dem Leser und dem Roman. Wie in der Originalausgabe sind die ersten Sätze von "Ihr werdet (noch) merken ..." auf den grauen Einband gedruckt: "Alles hier ereignet sich nach Jacks Tod und bevor meine Mom und ich in einer brennenden Fähre ... ertranken, zusammen mit 42 Eingeborenen, die wir noch nicht kennen gelernt haben." Es ist ein skurrile Geschichte, die uns Eggers da auftischt. Ein junger Mann, der 27-jährige Will, erzählt aus der Rückschau, wie er versucht, den Tod seines besten Freundes Jack zu verkraften. Der ist im Auto von einem Sattelschlepper platt gedrückt worden. Will und sein zweitbester Freud Hand gehen auf eine einwöchige Weltreise, auf der sie in kurzer Zeit möglichst viel Geld verprassen und den Armen schenken wollen. Als Will zurück kommt, hat er noch genau zwei Monate zu leben.

Vor drei Jahren kam Eggers autobiografisches Buch "Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität" auf den Markt, in dem der Autor den plötzlichen Tod seiner Eltern verarbeitet. 400.000 Mal verkaufte sich das Werk in den USA und begründete Eggers' Ruf als talentiertester Autor seiner Generation. Der Tod ist auch in dem neuen Roman das vorherrschende Thema. Wie kann man verkraften, was jede Vorstellungskraft übersteigt? Will und Hand versuchen es auf ihre Weise. Sie machen sich auf eine Reise, bei der sie Zeit durch Bewegung außer Kraft setzen wollen. Doch die geplante Tour um die ganze Welt geht von Anfang an schief: Gerade einmal bis in den Senegal schaffen es die beiden, später nach Marokko, London, Estland und Tallin. Zeitnot, Visa und verpatzte Abflüge machen alles viel komplizierter, als es sich die beiden Jungs vorgestellt haben, die bislang noch nie aus ihrem Land herausgekommen sind. Im Senegal geht der Mietwagen kaputt und die meisten Strände sind vermüllt. Dafür ist Marokko viel grüner als angenommen, Casablanca dummerweise eine Großstadt und kein mystisch-malerisches arabisches Städtchen.

Eggers-Roman "Ihr werdet (noch) merken...": Erste Sätze auf grauem Einband

Eggers-Roman "Ihr werdet (noch) merken...": Erste Sätze auf grauem Einband

491 Seiten braucht Eggers, um diese sieben verrückten Tage zu beschreiben. Es sind Tage voller merkwürdiger Begegnungen und pubertärer Spielchen, Nächte, in denen Will nicht einschlafen kann und in denen er in einem fortwährenden inneren Monolog seine und Jacks Lebensgeschichte erzählt. Will ist nicht nur innerlich verletzt, weil Freund Jack der einzige war, auf den er sich ganz verlassen konnte. Auch äußerlich ist er zerstört, weil drei Schläger ihm das Gesicht völlig ruiniert haben.

Atemlos hüpfen wir mit Will und Hand von Land zu Land. Das Buch packt vor allem durch seine Sprache, durch die witzigen Einfälle und die Ernsthaftigkeit, mit der Eggers von den Wechselfällen der Existenz erzählt. "Jede Geschichte ist trauriger als unsere. Jede einzelne", lässt er Will sagen, der wie sein Freund Hand mit einer großen Portion Naivität ausgestattet ist. Manche Bilder klingen zwar ein wenig zu sehr nach einem Workshop in "kreativem Schreiben", andere, wie die bei Stephen King geklaute Metapher vom Gehirn, in dem Erinnerungsakten wie in einem Archiv gespeichert sind, werden überstrapaziert. Dennoch ist Eggers' Buch der tragikomischste literarische Teufelsritt seit langem.

Im Laufe der Geschichte verstecken Will und Hand einige Dollars und zeichnen eine - auch im Roman abgedruckte - Schatzkarte. Dave Eggers scheint sich viel von solchen Kinderträumen bewahrt zu haben. Er besitzt einen Piratenladen in San Francisco und gibt Schreibkurse für Kinder und Jugendliche. Von vielen Lesern wird er geschätzt, weil er den Buchmarkt klug für seine Zwecke nutzt. Diese Haltung macht ihn aber auch angreifbar. Schon gibt es Fanwebsites, auf denen kritisiert wird, dass er die eigene Autobiografie so konsequent literarisch ausschlachtet und als wahre Geschichte verkauft.

Eggers, der als Cartoonist arbeitete und als Journalist für das Printmagazin "Esquire" schrieb, ist zehn Jahre jünger als seine großen Kollegen Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides. Zurzeit arbeitet er sich an den die Jugend-Themen vom Erwachsen werden ab: "Was zeichnet den besten Freund aus?" und "Was bleibt von den Träumen?". "Zu wissen, was zu tun ist, war das einzige, was ich mir je gewünscht hätte," erklärt uns Will. Wenn sich Eggers mit seiner sprachlichen Wucht und seinem Witz neue Geschichten und Themen erschließt, kann es nur noch spannender werden.

Auf der Buchmesse konnte man den literarischen Rebell aus den USA jetzt live erleben. Ganz typisch für Eggers auf einer "McSweeney's"-Benefiz-Party mit DJ und weiteren literarischen Gästen. Denn sein Literaturmagazin kommt ganz ohne Werbung aus, aber leider auch ohne Honorare für Autoren.


Dave Eggers: "Ihr werdet (noch) merken, wie schnell wir sind" Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Droemer Verlag, München 2003. 491 Seiten, 22,90 Euro



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