Literatur-Tipp Lauschen statt lesen

Mit 156 Schriftstellern eröffnet heute in Berlin das weltgrößte Literaturfestival. Heimlicher Star ist der 28-jährige Camorra-Autor Roberto Saviano - und wahrscheinlich der einzige Künstler, der von Bodyguards beschützt wird.

Von KulturSPIEGEL-Autorin Silja Ukena


Wenn man zum Lesen eher keine Zeit hat (was ja meistens der Fall ist), dann ist ein Literaturfestival genau das richtige. Ein paar Abende lang geht man auf Lesungen, Diskussionen und Partys und ist schon wieder up to date. Hat Lust bekommen auf das eine oder andere Buch, oder kann zumindest mit Enthusiasmus über Bücher zu sprechen, die man nicht gelesen hat. (Falls Sie diese Fähigkeit ausbauen möchten, empfehle ich das gleichnamige Buch von Pierre Bayard, das Ende der Woche im Kunstmann Verlag erscheint).

Mafia-Experte Saviano: Höchste Sicherheitsvorkehrungen
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Mafia-Experte Saviano: Höchste Sicherheitsvorkehrungen

Die erste wichtige Veranstaltung dieser Art nach der Sommerpause ist das Internationale Literaturfestival Berlin, das heute Abend zum siebten Mal im Haus der Berliner Festspiele eröffnet. Die Vielzahl der Veranstaltungen ist wie immer ein wenig verwirrend: 156 Autoren aus 51 Ländern, 254 Termine, um die 30.000 erwartete Besucher – Festivalleiter Ulrich Schreiber und seine 59 PraktikantInnen sind zu Höchstform aufgelaufen. Die perfekt komprimierte Einstimmung auf die wichtigen Bücher und Themen dieses Herbstes: Man kann zu Isabel Allende gehen und feststellen, ob ihr neuer Roman "Inés meines Herzens" um die Konquistadoren-Gattin Inés Suárez tatsächlich so kitschig ist, wie alle sagen. Katja Lange-Müller liest aus ihrem bereits jetzt Buchpreis-verdächtigen Achtziger-Jahre-Roman "Böse Schafe", und der irre Fight-Club-Autor Chuck Palahniuk vorab schon einmal aus "Rant. An Oral Biography of Buster Casey", das demnächst auf deutsch als "Das Kainsmal" erscheint. Dabei geht es um Party-Crashing und andere exzessive Hobbys – und um die Frage, ob das noch Subkultur ist, oder doch schon Bestsellerliste.

Der Star des Festivals allerdings wird der Italiener Roberto Saviano sein, Autor der Camorra-Reportage "Gomorrha". Keine relevante Zeitung, die in den vergangenen Wochen nicht etwa drei bis fünf Mal über den jungen Neapolitaner berichtet hätte. Die Morde von Duisburg, auch wenn sie nicht auf das Konto der Camorra gingen, taten ihr Übriges, die Aufregung um den des 28-Jährigen zu steigern. Kürzlich erst wurde der Polizeischutz für ihn erhöht. Wie sehr man seinen Mut, die Mafia-Gesetze von Demut, Treue und Schweigen zu brechen, bewundern muss, ist indes außerhalb Süditaliens nur schwer zu begreifen. Morgen wird Saviano in Begleitung seiner beiden Bodyguards in Berlin eintreffen, am Mittwoch liest er. Unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen.

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