Literaturauszeichnung Goethepreis für Amos Oz

Sein literarisches Werk ist opulent, sein politischer Kampfgeist enorm: Amos Oz ist die große Stimme der israelischen Literatur und einer der einflussreichsten Intellektuellen seines Landes. Jetzt wird er mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt geehrt.


Schriftsteller Oz: "Alle Grenzen überwindendes Gefühl der Menschlichkeit"
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Schriftsteller Oz: "Alle Grenzen überwindendes Gefühl der Menschlichkeit"

Frankfurt/Main - Mit seiner thematischen Vielfalt und stilistischen Virtuosität zähle der 66-Jährige zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart, lautete die Begründung des Kuratoriums zur Vergabe des Goethepreises. Tatsächlich hat Amos Oz im Lauf von vierzig Jahren in allen Genres brilliert: Sowohl Romane als auch Erzählbände und Essays gehören zum Werk des 1939 geborenen Schriftstellers.

Er hat Geschichten aus dem Kibbuz geschrieben, einen exzellenten Roman über Jerusalem ("Mein Michael", 1968) vorgelegt und politische Schriften herausgegeben ("Die Hügel des Libanon"). Letztes Jahr feierte ihn die deutsche Kritik für sein faszinierendes Prosawerk "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis".

Der sehr persönliche Text spiegelt ein Stück der Lebensgeschichte des Autors, erzählt von den Krisen einer Einwandererfamilie und liefert nebenbei auch noch einen Grundkurs in israelischer Geschichte: Das Buch sei so spannend, dass man, habe man erst angefangen zu lesen, "seinen gewohnten Tagesablauf ändern, sich krank melden" müsse, schrieb die "Süddeutsche Zeitung".

Spannend ist Oz Leben immer gewesen, es spiegelt die Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern wie keine andere Autorenvita. Am 4. Mai 1939 als Amos Klausner in Kerem Avraham, einem Vorort von Jerusalem, geboren, kämpfte er während des Sechstagekriegs 1967 in einer Panzereinheit auf dem Sinai und während des Jom-Kippur-Krieges 1973 auf den Golan-Höhen.

Im Zentrum von Oz' politischem Engagement stand jedoch immer der Kompromiss: 1967 gab er die "Gespräche mit israelischen Soldaten" heraus, die der Formation der Friedensbewegung "Schalom achschaw" (Frieden jetzt) als Grundlage dienten. 1982 übte er deutliche Kritik am Libanon-Krieg, neun Jahre später bezog er Stellung gegen die europäische Friedensbewegung, die sich für den ersten Golfkrieg von 1990/91 einsetzte.

Sein unermüdlicher Einsatz als pazifistischer Aktivist, der gegen Fanatismus, Gewalt und Gleichgültigkeit die Stimme erhebt, machte ihn zu einem der führenden Intellektuellen seines Landes. Die stets kontroversen Debatten um sein Werk in Israel bestätigen sein Profil als streitbarer Diagnostiker der Verhältnisse.

Wenn er nun den Goethepreis erhält, schließt sich ein Kreis: 1992 hatte Oz in der Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegen genommen. Damals würdigte Außenminister Joschka Fischer den Autor als "Kämpfer für den Frieden" und "pragmatischen Visionär". Die letzten Jahre haben dies bestätigt: Oz setzte sich so unermüdlich wie nüchtern für einen Dialog zwischen Arabern und Israelis ein. "Ich erwarte eine schmerzhafte Koexistenz", erklärte er unlängst der "Zeit" im Interview.

Mit Goethe habe der Schriftsteller eine universelle Gültigkeit gemein, heißt es aus Frankfurt. "Durch seine literarischen Werke versteht es Amos Oz, Lesern in allen Teilen der Welt ein tief greifendes, alle Grenzen überwindendes Gefühl der Menschlichkeit, der moralischen Werte und der Zusammengehörigkeit zu vermitteln", so der Wortlaut der Preisurkunde. Sein nächstes Buch wird allerdings nicht von der Situation im Nahen Osten handeln. Es werde ein sehr kurzer Text, verriet er der "Zeit". Ein Märchen.



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