Literaturbetriebsroman "Die Betrogenen" Geistesgecken, ganz nah am Würdeverlust

Potente Großliteraten, graumüde Akademiesitze, übereifrige Agenten: Man könnte meinen, der Literaturkritiker Michael Maar habe mit "Die Betrogenen" einen Schlüsselroman auf den Betrieb geschrieben. Doch dann wäre man bereits auf eine der grotesken Gaukeleien des Autors hereingefallen.

Coverausschnitt von "Die Betrogenen": Verschachtelt nach dem Steckpuppenprinzip
C.H.Beck

Coverausschnitt von "Die Betrogenen": Verschachtelt nach dem Steckpuppenprinzip

Von Hans-Jost Weyandt


Wenn ein Literaturagent über einen im Literaturbetrieb spielenden Roman sagt, der Markt schreie nicht nach dieser Sorte Literatur, dann ist das zunächst nur eine Feststellung, die kaum bestreitbar sein dürfte. Wenn dieser Satz jedoch im Roman eines Literaturkritikers steht, der von einem Literaturagenten erzählt, der einen Roman liest, der im Literaturbetrieb spielt, gewinnt der simple Satz unbestreitbar an Reiz. Dann zeigt der Autor neben der Neigung zum anspielungsreich verschachtelten Erzählen nach dem Steckpuppenprinzip seine Fähigkeit zur kühlen Ironie, die er augenzwinkernd dem Leser mitteilt.

Beides treibt der als Romancier debütierende Literaturkritiker Michael Maar auf die Spitze, wenn er seinen Protagonisten Karl Lorentz in dem Roman, den er im Roman liest, eine Entdeckung machen lässt. Überrascht erkennt der junge Mann, den der Erzähler stets onkelhaft vertraulich beim Vornamen nennt, ein Porträt seiner Literaturagentenwenigkeit im erlauchten Ensemble der deutschsprachigen Dichter, Dozenten und Verleger. Woraufhin Karl flink die Irritation überspringt und spekuliert, ob das Buch mit seinem Porträt vielleicht als Schlüsselroman bessere Verkaufschancen hätte. Wenn er sich da mal nicht täuscht: In dem quecksilbrig konturlosen Adebei wird sich kaum jemand wiedererkennen wollen. Und doch scheint Maar genau diesem lauernden Antityp, zu dem selbst der Mutter ein "rattiges Wort" einfiel, diesem "Lese-Opossum" mit dem feinen Opportunistennäschen für wechselnde Stimmungen, dem schön, gut und wahr ist, was momentan vorteilhaft wirkt, exklusiv die Perspektive auf "Die Betrogenen" anzuvertrauen, vom satirisch bös funkelnden Anfang bis zum grabkalten Ende.

Auch Arthur Bittner scheint Karl zu vertrauen. Der berühmte Autor der "Masken des Todes", einer jener übermächtigen Schriftsteller, die seit dem Nachkrieg das literarische Leben bestimmen, beängstigend produktiv, fidel und potent, sorgt sich im Spätherbst der Karriere um seinen Nachruhm, für den sein Zögling Karl als autorisierter Biograph einen schönen, großen Sockel schaffen soll, während Maar - als Sohn des bekannten Kinderbuchautors Paul ("Das Sams") mit Schatten werfenden Vaterfiguren vertraut - in Bittner dem Typen des Großliteraten ein launiges Denkmal setzt.

Tiki-Taka zwischen schönem Schein und trübem Trug

Um seinen Ruf unter den Zeitgenossen schert Bittner sich kaum noch. Dass er irgendwann einmal bekannt hat, aus tiefer Einsicht Vegetarier geworden zu sein, hindert ihn nicht am öffentlichen Verzehr von Speck und Würsten, mit dem er nebenbei auch seine Neigung zu anderen leckeren Schweinereien anzudeuten scheint. Doch so unbekümmert der Alte seine Vitalität demonstriert, gern auch an der Seite sehr junger Frauen, so deutlich wittert Karl das Ende des Patriarchen nahen. Statt hübsch die Bittner-Hagiographie zu fabulieren, schreibt Karl, seit früher Kindheit vaterlos und seit kurzem obendrein Single, eine Geschichte des Verrats unter dem Titel "Brutus & Co" und meint, den symbolischen Vatermord vollziehen zu können, indem er Bittners Tochter erobert.

Der groteske Mehrfachverrat mit inzestuösen Zügen schlägt lächerlich fehl, weil Karl ein kleiner, aber fataler Trugschluss unterläuft. Sein Irrtum ist jedoch so gut im Wirrwarr der Finten, Fallen und verschiedenen Bedeutungsebenen verborgen, dass er womöglich erst bei der zweiten Lektüre auffällt - und der Leser verdutzt feststellt, einer Gaukelei aufgesessen zu sein, auch dann, wenn er meinte, die Camouflage besonders scharf zu durchschauen.

Durchblicken lässt Michael Maar, der in vielbeachteten Essays seinen detektivischen Scharfsinn beim Aufspüren gut versteckter Bezüge in den Werken Prousts, Nabokovs und Thomas Manns bewiesen hat, dass er in diesem beziehungsreich ambitionierten Tiki-Taka zwischen schönem Schein und trübem Trug die Realität der Schauplätze und Milieus nicht vergisst, die seine Erzählung belebend aufraut. Im graumüden Detmold des Romans, wo sich die literarische Prominenz alljährlich zur Verleihung des Grabbe-Preises trifft und sich die eigene Bedeutsamkeit schön trinkt, ist unschwer das graumüde Darmstadt zu erkennen, Sitz der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, deren Mitglied Maar ist.

Doch auch wenn einige Pikanterien auf die literarische Prominenz zu verweisen scheinen, jene Macke an Walser, diese Eigenschaft an Enzensberger erinnern mag, ist "Die Betrogenen" kein Schlüsselroman. Vielmehr zeigt sich, dass die Demaskierungen auch nur Bestandteil des allseitigen Betrugsspiels sind, das zunehmend starrer, enger, morbider scheint und vom Tod gerahmt ist: An Anfang und Ende werden Literaturpatriarchen beerdigt und zuweilen erinnert die Handlung dazwischen an einen grotesken Totentanz.

In Karls Wahrnehmung mit dem besonderen Faible für Häme, Schwächen und Niedertracht droht das mitunter bis zur Lächerlichkeit skurrile Völkchen der eitlen Geistesgecken, heuchlerischen Wahrheitsapostel, neidzerfressenen Gernegroße und bumsfidelen Greise seinen Charme und seine Würde zu verlieren. Aus professionellen Gründen routiniert im Umgang mit Finten, Tricks und Maskeraden, pflegen die Eminenzen auch im Sozialen ein sehr taktisches Verhältnis zur Wahrheit und weben aus Lügen, Lavieren, Hintergehen ein immer engmaschigeres Netz, das in der betulich gespreizten Sprache des Erzählers erstickend bieder wirkt. Dass allein der Patriarch Bittner sich aus dem Geflecht der eitlen Spiegelfechtereien befreien kann, ist ein bitterer Trost. Über sein Grab fegen Karl & Co im besinnungslosen Leerlauf hinweg.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
rudisander 30.07.2012
1. Das ist schon eine Kunst, ...
..., einen ganzen dicken Roman zu schreiben über etwas, was es gar nicht (mehr) gibt: über die deutsche Literaturszene, eine miese Vernetzung von Halbkönnern, von denen in den nächsten dreissig Jahren ganz gewiss keiner den Literaturnobelpreis bekommen wird. Der letzte Versuch dieser Art, auf der weltweiten Literaturbühne erfolgreich mitzumischen, das war im deutschsprachigen Raum die längst uns abhanden gekommene Gruppe 47, deren Exponenten alle so gut wie tot sind. Nachgewachsaen sind nur Leute aus der zweiten bis dritten Reihe. Von einem Mann wie Thomas Mann können die deutschen Leser doch nur noch verzweifelt träumen, und auch einen Hermann Hesse oder Gottfried Benn haben wir nirgends in Sicht. Kein Wunder also, wenn Schreiberlinge unter Verwendung der deutschen Sprache so etwas wie Bedeutung schreibend suggerieren.
rylandde 12.12.2012
2.
Zitat von rudisander..., einen ganzen dicken Roman zu schreiben über etwas, was es gar nicht (mehr) gibt: über die deutsche Literaturszene, eine miese Vernetzung von Halbkönnern, von denen in den nächsten dreissig Jahren ganz gewiss keiner den Literaturnobelpreis bekommen wird. Der letzte Versuch dieser Art, auf der weltweiten Literaturbühne erfolgreich mitzumischen, das war im deutschsprachigen Raum die längst uns abhanden gekommene Gruppe 47, deren Exponenten alle so gut wie tot sind. Nachgewachsaen sind nur Leute aus der zweiten bis dritten Reihe. Von einem Mann wie Thomas Mann können die deutschen Leser doch nur noch verzweifelt träumen, und auch einen Hermann Hesse oder Gottfried Benn haben wir nirgends in Sicht. Kein Wunder also, wenn Schreiberlinge unter Verwendung der deutschen Sprache so etwas wie Bedeutung schreibend suggerieren.
Entschuldigung, aber ich verstehe Ihre Nachricht nicht, das hat hoffentlich nichts damit zu tun, dass ich kein Thomas Mann Fan bin. Die deutsche Literaturszene als miese Vernetzung zu bezeichnen und Hesse, Mann plus Benn als - die wahrscheinlich - letzten großen Literaten zu nennen, das zeugt doch von einer gewissen, päpstlich absoluten Größe. Schreiberlinge und all das, ich habe Sie tatsächlich nicht verstanden. Wann haben Sie aufgehört zu lesen und was, die wichtige Frage, haben Sie gelesen?
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