Literaturfestival "Ham.lit" Tanz ums Buch

Es könnte eine poetische Nacht werden: In einem Hamburger Club lesen 15 Autoren parallel auf drei Bühnen, von Romanen über Lyrik bis zu experimenteller Prosa. Zum Abschluss spielen Die Sterne. Ein Lesefestival für Leute, die Lesungen nicht mögen.

Simon Vu/ HAMLIT

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Lesungen finden wir im Regelfall zum Gähnen, Bücher bestenfalls nicht. Und Clubs erst recht nicht. Weshalb wir hier gerne einmal eine Ausnahme machen - und eine Veranstaltung aus der immer mächtiger anschwellenden Masse der Literaturfestivals empfehlen: "Ham.lit", eine Nacht junger Literatur und Musik im Hamburger Club Uebel & Gefährlich.

Am Donnerstag, 2. Februar, lesen 15 Schriftsteller parallel auf drei Bühnen. Wer sich langweilt, steht einfach auf und wechselt den Ort. Oder geht an die Bar und trinkt sich die Texte schön. Was vermutlich nicht nötig sein wird, denn die Autoren-Auswahl der Festivalmacher Lucy Fricke und Jan Lafazanoglu garantiert schon für sich genug Umdrehungen. Wofür wir sogar, noch eine Ausnahme, unsere Kritikerfinger ins Feuer legen - und aus dem Archiv des KulturSPIEGEL zitieren.

Auftreten wird zum Beispiel Leif Randt, der 2009 den Nachwuchsautorenpreis des KulturSPIEGEL gewann und im vergangenen Jahr mit seinem neuen Buch "Schimmernder Dunst über Coby County" begeisterte, dem "realistischsten Berlin-Roman des Jahres", wie wir schrieben: "Er ist klug, und er ist cool, so cool, dass er beunruhigt". Jan Brandts "Gegen die Welt", geführt auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, war für uns sogar "eines der spektakulärsten Debüts der letzten Jahrzehnte", ein Roman, "der so ungewöhnlich ist, dass er nicht aus dieser Welt zu kommen scheint und sie doch präzise beschreibt".

Außer Randt und Brandt, den beiden sicher prominentesten Autoren des Festivals, wird auch Michael Weins mit von der Partie sein, dessen jüngster Roman "Lazyboy" für unsere Rezensentin "einen Knall" hatte: "Denn dieses Buch ist nicht nur abgedreht, sondern auch klug und auf entzückende Weise selbstreflektiv. Wie geschrieben für jene Nächte, in denen man nur fünf Seiten lesen wollte und dann doch durchmacht. Ein Lese-Exzess für Eskapisten." Franziska Gerstenberg, für uns "eine kühle Beobachterin menschlicher Mini-Dramen", liest aus ihrem Debütroman "Spiel mit ihr", der am 15. Februar erscheint. Die Lyrik vertreten Steffen Popp, Daniela Seel und Nora Bossong.

Werft die Sprechmaschine an!

Oliver Kluck, einer der zurzeit am meisten gehypten Theaterautoren, wird aus seinem ersten, noch unveröffentlichten Roman lesen. Seine Stücke nannten wir einst einen "wild assoziierenden Wortschwall voller Welt- und Kunst- und Medienhass, manchmal vielleicht etwas aufgesetzt und klischeehaft, aber immer knurrend aggressiv." Kluck habe Haltung und gleichzeitig Selbstironie, den Willen zum großen Wurf und gleichzeitig zur großen Kinderei.

Neben Kluck kommt noch jemand aus dem Theaterkosmos: die Sprachspielerin Felicia Zeller, bekannt geworden mit der Sozialamtsstudie "Kaspar Häuser Meer", einer "Wörterschlacht, in der das Prekariatsdeutsch das Pädagogen- und das Paragrafendeutsch durchsetzt". In ihren Stücken wirft Zeller die Sprechmaschine an, "mit Versprechern und Sprachspielen, mit Reimen und einem Hang zum Kalauer fast wie Elfriede Jelinek". In ihrem Prosabändchen "Einsam lehnen am Bekannten", für das sie den Clemens-Brentano-Förderpreis bekommen hat, versammelt sie mürrische Momentaufnahmen aus dem Berliner Problem- und Szenekiez Neukölln, in dem sie seit Jahren wohnt.

Außerdem wird Nina Bußmann auftreten, deren Debütroman "Große Ferien" erst im März erscheint, aber schon preisgekrönt ist: Mit einem Auszug gewann sie den 3sat-Preis beim letztjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. "Ein Kammerspiel der Moral, radikal wie David Lynch", hieß es in der Begründung der Jury. Bußmann sei eine "Meisterin der Mikrowelten".

Was auch der Hamburger Band Die Sterne gefallen dürfte, der, so der Titel eines ihrer letzten Alben, das Weltall zu weit ist. Im Anschluss an die Lesungen geben sie ein Konzert, was auch deshalb gut passt, weil Frontmann Frank Spilker unter die Literaten gegangen ist und im Herbst, spätestens im Frühjahr 2013, bei Hoffmann & Campe seinen Debütroman veröffentlichen wird.

Für alle, denen das alternative Literaturfestival im Schanzenviertel am Ende trotz allem missfällt, haben er und seine Band sicher einen Trost parat - einen der größten Sterne-Hits: "Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt".


Ham.lit - Lange Nacht junger Literatur und Musik: Donnerstag, 2. Februar, Einlass ab 19 Uhr, Uebel&Gefährlich und Terrace Hill, Feldstraße 66 (Medienbunker), Eintritt 16/12 Euro, www.hamlit.de.



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