Literaturkalender Am schlampigen Schreibtisch von Gottfried Benn

Manche Dinge fallen nie aus der Zeit. Bestes Beispiel ist der Arche-Literaturkalender, der sich dieses Jahr ganz dem Thema "Schreiben und Lesen" widmet. Nach mehr als 25 Jahren ist er längst zum modernen Klassiker avanciert. Wieso eigentlich?
Von Nora Reinhardt
Arche-Literaturkalender 2010 (Cover)

Arche-Literaturkalender 2010 (Cover)

Autoren

Von der Schreibblockade zum ersten Leser, vom Füllfederhalter zur Zensur: Das Thema des aktuellen Arche-Literaturkalenders ist "Schreiben und Lesen". Seit Jahrzehnten ist der Kalender gleich aufgebaut: Lebensdaten, Zitat eines und Fotos - die höchstens koloriert werden, um nicht nur Schwarzweißbilder zu drucken. Mehr Spielereien gibt es nicht. Der Arche-Literaturkalender ist für Leser das, was der Flaschenöffner von Manufactum für Weinliebhaber ist: Ein moderner Klassiker, ohne Firlefanz. Was ist nur das Erfolgsgeheimnis? Drei Thesen.

Anleitung zum Angeben

Bei vorschriftsgemäßem Gebrauch steht jedes Kalenderblatt eine Woche - genau das richtige Zeitfenster, um sich Zitat und Autorenname einzuprägen. Im Grunde ist der Kalender eine gut getarnte Anleitung zum Bluffen. Man kann sich als Connaisseur gebärden, ohne sich durch die Gesamtausgabe gebissen zu haben. Aber geht es nicht eigentlich um die Lebensdaten, die schöne Fotografie, das kluge Zitat? Doch doch. Allerdings nistet sich im Kopf meist etwas anderes ein: das profane Anekdötchen, die spöttische Randnotiz, die alberne Marotte. Nach Lektüre des Kalenders für 2010 können Sie also voraussichtlich über das Sportwetten-Glück von Edgar Wallace parlieren; Sie haben die Zeichnung von Rainer Maria Rilke in der Tasche, auf der er sein Arbeitszimmer skizzierte (mit einem Tisch von 1600!); Sie wissen, dass die Veröffentlichung von Jean Anouilhs "Antigone" einem schlampigen Oberstleutnants zu verdanken ist und dass Gottfried Benn drei Schreibtische besaß (von denen zumindest einer so schlampig war wie jener Oberstleutnant von Anouilh).

Tagträumereien im Alltag

Das größte Verdienst des Kalenders ist vielleicht, dass er Glamour und Tagträumereien in den banalen Alltag weht. Das alte Was-wäre-wenn-Spiel beginnt, wenn man beim Kochen auf Sándor Márai blickt, wie er 1940 mit einer Schauspielerin im Pelz über den Budapester Büchertag schlendert. Was wäre, wenn man jetzt, wie Susan Sontag auf dem Coverbild, in New York am Schreibtisch sitzen würde? Das Harvard-Studium abgeschlossen, die Telefonnummer von Annie Leibovitz griffbereit, und voller Optimismus, die neue Kolumne zu beginnen. Und was wäre, wenn ich wie Marc Twain im feinen Zwirn im Haus am Meer endlich meinen Roman…?

Lakonische Biografien

Besonders lesenswert sind auch die hinreißenden Biografien der erwähnten Autoren am Ende des Kalenders. Die sogenannten "biografischen Hinweise in alphabetischer Reihenfolge" in Stichpunkten zeugen von beachtlicher Lakonie. Und so erfährt der Leser 2010 unter anderem diese wissenswerten Informationen: Der Autor geriet in die Schlagzeilen, als er eine Affäre mit der Fernsehmoderatorin Joan Bakewell hatte (Harold Pinter); verunglückte im Anschluss an ein Poetry Festival beim Überqueren einer Straße tödlich (Rolf Dieter Brinkmann); schrieb bis 1922 auf Ungarisch, bis 1940 auf Deutsch, später auf Englisch (Arthur Koesler); ab 1917 niedergelassener Arzt für Geschlechtskrankheiten in Berlin (Gottfried Benn).

Es darf einen deswegen nun wirklich nicht wundern, dass seit Jahren die immer gleiche Lobhudelei des "Zeit-"Journalisten Rolf Michaelis auf dem Rücken des Wandkalenders prangt: "Natürlich wieder der beste. Auch der schönste".