Literaturklassiker Hellwach, am Rande des Fests

Auch das gehört zur Magie der Tage zwischen Weihnachten und Neujahr: endlich jene Klassiker lesen, zu denen sonst einfach die Zeit fehlt. Von F. Scott Fitzgerald über eine andere, neu entdeckte Elizabeth Taylor bis zum großen Leseabenteuer "Parzival" - die schönsten Neuübersetzungen des Winters.

Reclam

Von Hans-Jost Weyandt


Manche Orte scheinen beim ersten flüchtigen Anblick so vertraut, als habe man sie vor langer Zeit einmal besucht; jedes Detail, das man später entdeckt, gleicht einem Wiedererkennen. Ähnlich verhält es sich mit manchen Erzählern, deren Stimme bereits nach wenigen Sätzen so klingt, als hörte man in ihr einen alten Bekannten, der über die Zeiten hinweg eine Geschichte erzählt, als sei sie gerade erst geschehen: verwunderlich nah und befremdlich fern zugleich. So geht es einem mit vielen Neuübersetzungen, die in diesem Jahr erschienen sind, und so geht es einem vor allem mit einem bescheiden daherkommenden Roman, der erstmals auf Deutsch erscheint.

66 Jahre hat es gedauert, bis "A View of the Harbour" zum "Blick auf den Hafen" werden durfte, und in der deutschen Übersetzung von Bettina Abarbanell hat diese Ansicht eines Städtchens an der englischen Küste nichts von der Atmosphäre einer erschöpften Erwartungslosigkeit eingebüßt, auf deren Grund ein Alltagsdrama vibriert. Gleich ihren Figuren führte Elizabeth Taylor (1912-1975) ein unspektakuläres Leben in der Provinz, und dass ihr Name vom strahlenden Glanz der Hollywood-Diva Liz Taylor fast völlig in den Schatten gestellt wurde, wirkt wie eine Bestätigung ihres Kleinstadtporträts, das völlig dem Fatum der Gezeiten ausgeliefert scheint. Verschont vom Krieg, vergessen von den Handelsströmen, dämmert das Städtchen im Abseits dahin, und den Figuren bleiben sowohl Katastrophen wie Ausbruchschancen versagt. Eine Frau betrügt ihre beste Freundin mit deren Mann, doch am Ende verlässt sie die Stadt mit einem anderen, und alles geht seinen Gang wie am Anfang: "Wenn die Schleppnetzfischer den Hafen zur Teezeit verließen, begleiteten die Möwen sie nicht, wie sie es später bei der Rückkehr der Flotte tun würden; gleichmütig hockten sie auf dem kabbeligen Wasser entlang den Rändern kleiner Boote und schaukelten mit jeder Welle auf und nieder."

Im Gekräusel auf der Wasseroberfläche das nervöse Spiel der Strömungen darunter zu erkennen und im Schwippschwapp der Wellen den Widerstreit der Gefühle zu spiegeln, verlangt eine Erzählerin von großer Sensibilität, und diese Kunst beherrscht Taylor ebenso, wie aus der brakig-salzigen Luft des Hafens, aus den stickigen Gerüchen von Wohnungen mit wenigen Strichen nuancierte Figuren zu zeichnen: ein Ensemble von Nachbarn, eine so flüchtige wie konkrete Erinnerung an eine graue Geborgenheit, wie aus einer kollektiven Erinnerung geboren - so tröstlich und zugleich fatal austauschbar, wie es der Buchtitel suggeriert, ist dieses Buch, dessen psychologisch dichte Stimmungsbilder an Georges Simenon erinnern, und fast könnte man denken, die beiden hätten miteinander korrespondiert, wenn man weiß, dass fast zeitgleich der Belgier auf der anderen Seite des Kanals in der Abgeschiedenheit normannischer Häfen kleine, spröde Romane schrieb, "Die Marie vom Hafen" und "Wellenschlag".

Doch in der ironischen Rahmung ihres Hafenporträts geht Taylor über Simenon hinaus, wenn sie daran erinnert, dass bei Genremotiven wie einem "Blick auf den Hafen" alles von der Darstellung abhängt: Ein Bild gleichen Namens bräunt im Wirtshaus seiner endgültigen Verdunkelung entgegen; ein Maler, der Hemingway heißt und mit seinem berühmten amerikanischen Namensvetter den Traum von einem neuen, männlich wahrhaftigen Blick auf die Dinge teilt, versucht, den Anblick neu zu fassen: Er versammelt alles Sichtbare auf einem Bild, doch die Ansammlung bleibt ohne Zusammenhalt, weil er keinen Dunst davon hat, den träg-traurigen Dunst überm Hafen zu malen.

In all seinen sprachlichen Facetten wie neu leuchten

Vor der Frage, wo die Patina endet und die Lasur beginnt, steht auch jeder Übersetzer, der verspricht, einen Text neu ins Deutsche zu bringen, und wenn man liest, wie flink fließend und frisch funkelnd Charles Dickens' Prosa in Melanie Walz' Verdeutschung der "Großen Erwartungen" erscheint, dann fragt man sich zunächst verblüfft, wo denn bloß die historischen Ablagerungen auf dem 150 Jahre alten Text geblieben seien - oder das, was man als deutscher Leser, der seinen Dickens nur übersetzt kennt, halt dafür hält. Von behäbig-betulichen Manierismen ihrer vielen Vorgänger befreit, lässt Walz das Spätwerk dieses rastlos schaffenden Superstars unter den Romanciers des 19. Jahrhunderts in all seinen sprachlichen Facetten wie neu leuchten, sofern von leuchten die Rede sein kann, wenn ein Großteil des Buchs in Dickens' Elendsnebel über den Themsemarschen spielt.

Die kalte Feuchtigkeit, die Dickens seit seiner eigenen, von Armut geprägten Kindheit in den Knochen gesessen haben muss, verleiht dem beklommenen Gefühl der Gefährdung, dem sich der Waisenjungen Pip in seiner Kindheit ausgesetzt sieht, eine fast körperlich spürbare, raue Realität. Die Erinnerung daran geht im Verlauf der an wundersamen Wendungen reichen Handlung nicht verloren, und in diesem Vermögen, trotz haarsträubender Effekthaschereien auf dem Realismus zu beharren, zeigt sich der Rang dieses Autors, der auch in diesem Roman, den nicht wenige sogar dem "David Copperfield" vorziehen, scheinbar unbekümmert gröbste Karikaturen auf sensibel gezeichnete Charaktere, peinlich genaue Schilderungen sozialer Not auf genau kalkulierte melodramatische Effekte treffen lässt und die "Großen Erwartungen" im kleinen Glück enden: "Ich ergriff ihre Hand, und wir verließen den verwüsteten Ort; und so, wie sich vor langer Zeit die Morgennebel gehoben hatten, als ich die Schmiede verließ, so hoben sich nun allmählich die Abendnebel, und in all der weiten Fläche ruhigen Lichts, die sie mir enthüllten, sah ich keinen Schatten einer Trennung von ihr."

Das harmonisierende Happy End, das man auch aus späteren Western zu kennen meint und das von Dickens auf Anraten Edward Bulwer-Lyttons ("Die letzten Tage von Pompeji") ans Ende der Turbulenzen montiert worden ist, konnte schon beim Erscheinen nicht recht überzeugen. Umso erstaunlicher mutet an, dass es, nur leicht variiert, auch am Ende eines anderen Buchs funktioniert, eines hochkomplexen Künstler- und Gesellschaftsromans, der ein Menschenalter später veröffentlicht wurde. "Und als er schließlich ihren Arm nahm", schließt Edith Whartons "Ein altes Haus am Hudson River", "und neben ihr in der Dunkelheit zu der Stelle ging, wo sie das Auto hatte stehen lassen, überlegte er, ob sich in den entscheidenden Augenblicken wohl immer ein Schleier aus Unwirklichkeit zwischen ihn und den ihm liebsten Menschen senken würde, ob sich ein Schöpfer erdachter Wesen unter den wirklichen immer einsam fühlen würde." Die Form entspricht der Konvention des 19. Jahrhunderts, auch die ironische Brechung des Aufbruchs ist so wenig neu wie die Schwierigkeit des gefühlsverwirrten Erzählers, Realität und Fiktion voneinander zu trennen.



insgesamt 5 Beiträge
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Björn Borg 21.12.2011
1. Literaturgeschichte sollte auch dazu gehören
Zitat von sysopAuch das gehört zur Magie der Tage zwischen Weihnachten und Neujahr: Endlich jene Klassiker lesen, zu denen sonst einfach die Zeit fehlt. Von F. Scott Fitzgerald über*eine andere,*wieder entdeckte*Elizabeth Taylor bis zum großen Leseabenteuer "Parzival" - die schönsten Neuübersetzungen des Winters. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,805152,00.html
Der Autor des 'Parzival' heißt Wolfram, nicht Eschenbach.
El Ackabar 21.12.2011
2.
Zitat von Björn BorgDer Autor des 'Parzival' heißt Wolfram, nicht Eschenbach.
...und das tut es, weil "von Eschenbach" kein Familienname, sondern eine Ortsbezeichnung (=kommt aus Eschenbach) ist. Der Fehler wird aber häufig gemacht. Die "Mona Lisa" wurde auch nicht von da Vinci, sondern von Leonardo gemalt, der aus Vinci stammte.
Nania 21.12.2011
3. Unsinn
Zitat von El Ackabar...und das tut es, weil "von Eschenbach" kein Familienname, sondern eine Ortsbezeichnung (=kommt aus Eschenbach) ist. Der Fehler wird aber häufig gemacht. Die "Mona Lisa" wurde auch nicht von da Vinci, sondern von Leonardo gemalt, der aus Vinci stammte.
Das ist grob gesagt Unsinn. Denn auch mit den Ortsangaben im Nachnamen wird eine Person - wie heute auch - zuordbar. Wolfram von Eschenbach wird sich selbst "Wolfram von Eschenbach" genannt haben, allein schon um möglichen Verwechslungen entgegen zu kommen. Auch in der Vorschung wird nicht von Wolfram, Hartman und Gottfried gesprochen sondern IMMER mit dem Nachnamen (von Eschenbach; von Aue; von Straßburg). Es wäre auch unsinnig es anders zu machen. Oder würden Sie auch sagen, dass Heines Mutter Betty hieß und nicht "Betty van Geldern" weil "van Geldern" eine Ortsbezeichnung ist?
Björn Borg 22.12.2011
4.
Zitat von NaniaDas ist grob gesagt Unsinn. Denn auch mit den Ortsangaben im Nachnamen wird eine Person - wie heute auch - zuordbar. Wolfram von Eschenbach wird sich selbst "Wolfram von Eschenbach" genannt haben, allein schon um möglichen Verwechslungen entgegen zu kommen. Auch in der Vorschung wird nicht von Wolfram, Hartman und Gottfried gesprochen sondern IMMER mit dem Nachnamen (von Eschenbach; von Aue; von Straßburg). Es wäre auch unsinnig es anders zu machen. Oder würden Sie auch sagen, dass Heines Mutter Betty hieß und nicht "Betty van Geldern" weil "van Geldern" eine Ortsbezeichnung ist?
Was Sie da über die Forschung sagen, ist schlicht gelogen. Und niemals hat sich Wolfram "Eschenbach" oder "der von Eschenbach" genannt. Überhaupt benennt er sich selbst an keiner Stelle in seinen Werken, sondern den Namen erhält sein Erzähler. Und den hielt man seit dem späteren 13. Jahrhundert stets für den Autor - manche tun das sogar bis heute!
atthegates 22.12.2011
5. Unsinn?
Zitat von NaniaDas ist grob gesagt Unsinn. Denn auch mit den Ortsangaben im Nachnamen wird eine Person - wie heute auch - zuordbar. Wolfram von Eschenbach wird sich selbst "Wolfram von Eschenbach" genannt haben, allein schon um möglichen Verwechslungen entgegen zu kommen. Auch in der Vorschung wird nicht von Wolfram, Hartman und Gottfried gesprochen sondern IMMER mit dem Nachnamen (von Eschenbach; von Aue; von Straßburg). Es wäre auch unsinnig es anders zu machen. Oder würden Sie auch sagen, dass Heines Mutter Betty hieß und nicht "Betty van Geldern" weil "van Geldern" eine Ortsbezeichnung ist?
Entschuldigung, aber ihr Beitrag ist leider Unsinn, nicht der des Vorredners. Familiennamen sind in der Zeit Wolframs erst im Entstehen, daher ist die Sachlage eine ganz andere als bei der von ihnen erwähnten Betty van Geldern. Dementsprechend sortiert man in einem NamensregisterWolfram auch unter "W" ein, keinesfalls unter "E". Bei einem spätmittelalterlichen Namensvetter wäre das natürlich wieder eine andere Sache. Zur Selbstbezeichnung können sie sich gern den Prolog von Hartmann von Aue, "Der arme Heinrich" anschauen: "...er hiez der herre Heinrich / und was von Ouwe geborn" - Die Primärbezeichnung ist der Vorname. Eine entsprechende Stelle bei Wolfram habe ich gerade nicht parat. In der Forschung spricht man von Wolfram von Eschenbach oder Wolfram, aber nie nur von "von Eschenbach" oder "Eschenbach". Häufig finden sich übrigens auch Formulierungen wie "Wolframs von Eschenbach Parzival" statt "Wolfram von Eschenbachs Parzival", die in die gleiche Richtung deuten. Dies wird allerdings nicht von allen Autoren gleich gehandhabt. Klingt auch ziemlich holprig für unsere Ohren.
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