Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk Die Provinz zur Heimat machen

Der Weltgeschichte mal in die Speichen greifen: Die polnische Autorin Olga Tokarczuk bekommt den Literaturnobelpreis für ein patchworkhaftes Werk, in dem Mythen und Märchenhaftes auf einen wachen politischen Sinn treffen.

Olga Tokarczuk (in Krakau 2018): Der Zufall und das Ich sind die Reiseführer
Beata Zawrzel/ Getty Images

Olga Tokarczuk (in Krakau 2018): Der Zufall und das Ich sind die Reiseführer

Von Elke Schmitter


Nobelpreise für Literatur haben nicht selten den Charme des Überraschenden; so ist es auch in diesem Jahr: Die polnische Autorin Olga Tokarczuk, 56, ist in weiten Teilen der literarischen Welt ein noch zu entdeckendes Phänomen.

Zwei Gemeinsamkeiten allerdings teilt sie mit Peter Handke, dem zweiten Preisträger der heutigen Entscheidung für die Jahre 2018 und 2019: Die Verteidigung Mitteleuropas als ein Gebiet des kulturellen Eigensinns, das in der dichotomen Logik des Kalten Krieges - bist Du West oder Ost? - partout nicht aufgehen will und das es geduldig zu entdecken und zu bewahren gilt. Sowie eine Sprache, die auf den Zauber und die poetische Überwältigung setzt, tief verbunden mit Mythen, mit Märchenhaftem und der Beschwörung - wenn auch nicht ohne Ironie.

"Dieser Abend ist der Rand der Welt, ich habe ihn zufällig und absichtslos beim Spiel ertastet." So heißt es im ersten Kapitel von Tokarczuks Buch "Unrast", für den sie 2007 den wichtigsten Literaturpreis Polens erhielt. Der Zufall und das Ich sind hier die Reiseführer. Erinnerungen, Mini-Essays und Erzählungen lösen sich darin ab, auch Zeichnungen, Landkarten, die Darstellungen alter Atlanten sind in diesem Nichtroman zu finden.

Von Chopins Herz bis zur Zunge als stärkstem Muskel der Welt reichen die Themen, von der Eselszucht bis zur Flughafenarchitektur: Hier ist eine, die sich nicht auf ein Genre festlegen will, auch nicht auf einen Stil. Das Patchworkhafte, das Unstete und die Minuteneinsicht sind das Verbindende, selbst Tokarczuks Sprache - im melodischen und souveränen Deutsch ihrer Übersetzerin Esther Kinsky - hat etwas Schlenderndes.

Heilslehren sind immer wieder Thema

Mit "Unrast" wurde Tokarczuk im englischsprachigen Raum als eine heutige, in der Freiheit ihrer Mittel geradezu postmoderne Erzählerin bekannt. In Polen steht sie auch für eine esoterische Ausrichtung des Feminismus: Tokarczuk hat Psychologie studiert und sich intensiv mit C.G. Jung, dem psychoanalytischen Mythenforscher befasst. Das Göttliche, die Heilslehren unterschiedlicher Kulturen sind Thema in all ihren Büchern, durchgespielt sowohl in historischen Romanen und Parabeln als auch in Geschichten aus der Gegenwart.

In ihrem Kriminalroman "Der Gesang der Fledermäuse" kämpft die Erzählerin, eine ältere alleinstehende Frau, in Niederschlesien auf ihre skurrile Weise für die Natur. Janina Duszejko, eine ehemalige Brückenbauingenieurin, gehört zu den vielen, die "keine Orte mehr haben, die sie einmal geliebt haben und wo sie hingehören". Die Flora und die Fauna sind ihr Trost, deren Vernutzung ist ihre Qual. Und dabei geht es nicht nur um die industrielle Landwirtschaft. "Plötzlich war mir klar, warum die Hochsitze, die doch mehr an die Wachtürme eines Konzentrationslagers erinnern, Kanzeln genannt werden. Auf einer Kanzel stellt sich ein Mensch über die anderen Lebewesen und erteilt sich selbst die Macht über ihr Leben und ihren Tod." Wenn es Gott wirklich gäbe, meint die Erzählerin, müsste er "seine Stellvertreter, seine flammenden Erzengel herschicken, damit sie ein für alle Mal diese schreckliche Heuchelei beenden".

Erzengel, gnostische und astrologische Spekulationen, das Irrationale und Vieldeutige, - das ist die eine Seite Tokarczuks. Die andere ist ein wacher politischer Sinn, der Klarheit und die Lust verbindet, der Weltgeschichte auch mal in die Speichen zu greifen. 2014 unterschrieb sie den offenen Brief "Danzig 1939, Doneszk 2014" nach der Besetzung der östlichen Ukraine. "Wir dürfen nicht zulassen", heißt es in der Erklärung von zwanzig polnischen Intellektuellen, "dass Europa auf viele Jahre mit einer offenen, blutenden Wunde lebt."Im Gespräch dazu mit SPIEGEL ONLINE nannte sie Putins Politik eine des "Austestens von Grenzen. Das ist eine Politik, die Chaos schaffen will. Und einen Nutzen aus diesem Chaos ziehen will."

Russophobie als nüchterne Einschätzung der Realität

Doch lebt Europa nun seit fünf Jahren mit diesem Krieg an seiner östlichen Grenze. Für Tokarczuk - die auch Familie im Kriegsgebiet hat - ist das eine Gefahr auch für das Selbstverständnis ihres Landes. "Leider wird durch die Ukrainekrise der Mythos wiederbelebt, dass wir eine Mauer des Westens sein sollen, Schutz vor dem wilden Osten."

Polen, das wieder und wieder zerstückelte und von Deutschen wie Russen besetzte Land, sei aufgrund seiner Geschichte wacher für die Bedrohung als das westliche Europa. "Ich habe darüber nachgedacht, ob in Polen nach wie vor eine Russophobie herrscht. Und ich glaube, das ist so." Aber diese Phobie ist für die polnische Nobelpreisträgerin kein Wahn, sondern eine nüchterne Einschätzung der Realität.

Ein koreanischer Buddha, der Schultern und Mundwinkel hängen lässt, stand auf einem Altar in ihrem Schreibzimmer in ihrem Haus in Breslau, in dem der SPIEGEL sie besuchte, an dessen Seite die Hindugöttin Durga, aufrecht stehend, eine Figur, die Wissen und Handeln verkörpert: Melancholie und Tatkraft nebeneinander.

Heute lebt Tokarczuk in einem kleinen Dorf in Niederschlesien. Wie ihr Kollege, der große polnische Autor Andrzej Stasiuk hat sie die Provinz zu ihrer Heimat gemacht, um von dort aus auf Reisen zu gehen. Das Surreale und die Realität sollen sich die Waage halten. Denn wenn das Denken, so heißt es in ihrer Erzählung "Der Schrank", ganz "mit sich allein gelassen ist, verfällt es in ein Gebet".

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kaltmamsell 10.10.2019
1. Welthaltige Provinz, wahrhaftige Provenienz: ja, äh, nein,
Olga Tokarczuks Schaffen soll wohl gewürdigt werden. Gut so. Ich bin da ruhiger, wenn es um die werthaltige Provenienz der einzelnen Bestandteile geht. Das Thema ist aber nicht so wichtig. Wir haben Peter Handke, der als Preisträger 2019 den Nobelpreis für Literatur verliehen bekam. Doucement, wenn Konkurrenten abgeschlagen im Feld verbleiben.
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