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Nobelpreisträger Peter Handke: Auf der Suche nach der "wahren Empfindung"

Foto: Herbert Neubauer/ APA/ DPA

Nobelpreisträger Peter Handke Der bessere Feind

Peter Handke bekommt den Literaturnobelpreis 2019 - trotz aller Verklärungen, trotz aller Gegner, die sich der Österreicher gemacht hat. Er hat ihn sich verdient mit seinem wahrhaftigen Werk. Eine Gratulation.

Den hat er sich jetzt echt erwandert, erschrieben und erkämpft, den Preis. Der Österreicher Peter Handke, seit über 50 Jahren schreibt und schreibt und wandert er, immer auf der Suche nach der "wahren Empfindung", dem einen Wort, das die Welt neu beschreibt.

Während der Jugoslawienkriege, als er sich entschlossen auf die Seite der Serben stellte, hat er es, so schien es, mit der ganzen westlichen Welt aufgenommen, mit den Journalisten vor allem, seinen Lieblingsfeinden. "Ihr alle glaubt zu wissen, was die Wahrheit ist?", schrieb er den Berichterstattern entgegen. Und setzte seine selbst beobachtete und seine empfundene Wahrheit dagegen.

In Kärnten, ganz in der Nähe des alten, noch vereinten Jugoslawien, war er aufgewachsen. Das Traumland jenseits der Grenze. Er hat es verklärt, bereist und seine poetische Kraft gegen jede journalistische Wirklichkeit in vielen Büchern in Stellung gebracht. Bis zum Schluss. Noch zur Beerdigung Slobodan Milosevics reiste er an. "Mit mulmigem Gefühl", wie er im Gespräch später sagte. Aber mit dem Tod dieses Mannes habe er auch seinen eigenen, vergeblichen Kampf beendet: "Ich habe geträumt, es ist jetzt zu Ende. Indem ich zum Begräbnis gehe, habe ich es beerdigt."

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Wie kommt die Nobel-Akademie dazu, so jemandem ihren Preis zu verleihen? Und das nach all den Skandalen im Umfeld der Akademie, die sogar dazu führten, dass der Preis ein Jahr lang gar nicht vergeben wurde. Sind die verrückt? Übermütig? Jetzt dem Sänger des Hoheliedes eines wahrscheinlich verantwortlichen, nicht verurteilten Massenmörders den Nobelpreis zu verleihen?

Heißt es nicht in den Statuten, jeder Nobelpreis solle an Menschen gehen, die "der Menschheit den größten Nutzen" gebracht haben? Wo ist der Nutzen des Werks von Peter Handke? Der, ohne dass er das Wort je benutzt hätte, der schärfste literarische Kritiker sogenannter Fake News der vergangenen Jahrzehnte in Europa gewesen ist. Fake, Fake, Fake - ist alles, was die Journalisten schreiben. Schon in jedem ersten Satz lese er die Tendenz. Und wenn er "Tendenz" lese, sei es aus. Er sei für das Offene. Für den Versuch zumindest, offen und urteilsfrei zu schreiben.

Das war und das ist das Experiment Peter Handkes. Dass er seinem eigenen Wollen zur Zeit des Krieges in Jugoslawien selbst nicht gerecht wurde, hat er in ruhigen Stunden selbst eingesehen. Die Übermacht der Bescheidwisser erschien ihm übermächtig. Er wollte, er musste laut und ungerecht sein. So sah er es.

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Nobelpreisträger Peter Handke: Auf der Suche nach der "wahren Empfindung"

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Und heute, im Angesicht dieses - trotz aller Skandale so ruhmreichen - Ehrenpreises, muss, nein, kann man sagen: dass er diesen Preis mit seinem literarischen Werk, diesem Koloss aus annähernd hundert Büchern, verdient hat. Er hat ihn verdient für viele, viele andere Bücher.

Lesen Sie unbedingt und zum Beispiel "Wunschloses Unglück", das Abschiedsbuch von seiner Mutter, die Selbstmord beging. Wer so ein wahrhaftiges, trauriges, sich selbst öffnendes, großartige Buch geschrieben hat, hat den Nobelpreis sofort verdient. Oder seine schwebenden Notate in "Gewicht der Welt", seine Theaterstücke, die damals, als sie zuerst auf die Bühne kamen, die Zuschauer wirklich noch schockiert haben. "Publikumsbeschimpfung" zum Beispiel. Und dann auch wieder das ganz andere, poetische Stück: "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten". Ein Stück ohne Worte, voller neuer Ideen vom Menschen und seinen Sehnsüchten und Boshaftigkeiten. (Lesen Sie hier eine Empfehlungsliste)

Von Anfang an zum Übermut bereit

"Das Mädchen" hatten sie ihn am Anfang genannt, alle, die ihn nicht ernst nehmen wollten, dieses bleiche Hänschen mit der dünnen Pilzfrisur und der großen Brille, das ein starker Atem umzuhauen schien. "Das Mädchen", damals auf der Tagung der Gruppe 47 in Princeton. Da saß er in einer der vorderen Reihen, hielt sich den Zeigefinger unter die Nase - ein wenig wie "Wickie, der Wikinger", wenn er wieder eine Idee hat -, neben ihm Teofila Reich-Ranicki.

Und er dachte sich: Wie mach ich's? Wie mache ich's, dass ich berühmt werde, und zwar sofort? Sein Verleger Siegfried Unseld hatte ihn eigentlich gewarnt: "Werden Sie bloß nicht übermütig", hatte er gesagt, nachdem sein erstes Buch "Hornissen" in der "FAZ" gelobt worden war.

Doch Handke war von Anfang an zum Übermut bereit. Und er stand auf, in Princeton, das gesamte literarische Establishment der Bundesrepublik war da. Die Kritiker. Die Dichter. Die Stars. Und er sagte, das tauge ja alles gar nichts hier. Und er erfand das schöne Wort der "Beschreibungsimpotenz". Schlappe Männer mit schlappen Texten. Hier kommt Handke. Grass zum Beispiel fand es lächerlich. Auf einer Party danach schrieb er dem bleichen Österreicher auf die Hutkrempe: "Ich bin der Größte." Und legte in einem Zeitungstext nach, den er so überschrieb: "Bitte um bessere Feinde".

Sie wurden nicht besser. Er war schon der beste. Und der vom Nobelpreiskomitee ausgezeichnete "Größte" war zuerst tatsächlich der Feind von damals, Günter Grass. Und heute erst bekommt der Spötter recht. So sehr im Recht wollte er gewiss nie sein. Er ist wirklich auch der Größte geworden. Mit dem Nobelpreis nobellitiert. Herzlichen Glückwunsch!

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