Doppelte Auszeichnung in Stockholm Literaturnobelpreise gehen an Olga Tokarczuk und Peter Handke

2018 wurde kein Nobelpreis für Literatur vergeben - nun gibt es gleich zwei Medaillen: Geehrt werden der Österreicher Peter Handke und die Polin Olga Tokarczuk.

Olga Tokarczuk und Peter Handke, Literaturnobelpreisträger
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Olga Tokarczuk und Peter Handke, Literaturnobelpreisträger


Nach dem Desaster des Vorjahres hat die Schwedische Akademie die Literaturnobelpreisträger für die Jahre 2018 und 2019 bekannt gegeben. Ausgezeichnet werden Peter Handke für das Jahr 2019 und Olga Tokarczuk für das Vorjahr.

Damit kürt die Institution in Stockholm nicht nur wie üblich den diesjährigen Preisträger, sondern holt gleichzeitig auch die Vergabe des Vorjahres nach. Diese war wegen eines ausgiebigen Skandals bei der Akademie ausgefallen. Beide Preise sind diesmal mit jeweils neun Millionen schwedischen Kronen (rund 830 000 Euro) dotiert.

Tokarczuk "überschreitet Grenzen"

Die polnische Autorin Olga Tokarczuk ist vor allem für ihre Romane bekannt. Das Preiskomitee lobte die 57-Jährige für ihre "erzählerische Vorstellungskraft, die mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform" repräsentiere. Zuletzt hatte 1996 mit der Lyrikerin Wislawa Szymborska eine polnische Autorin den Preis erhalten.

Tokarczuks internationale Bekanntheit ist in den vergangenen Jahren stark angewachsen. 2018 wurde ihr (und ihrer Übersetzerin ins Englische) der Man Booker International Prize für den Roman "Flights" verliehen, er liegt in deutscher Sprache unter dem Titel "Unrast" vor (Verlag Schöffling & Co) - für die Übersetzung in Deutsche war Esther Kinsky 2009 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Zuletzt erschien ihr 1100-Seiten-Werk "Die Jakobsbücher" auf Deutsch im Kampa Verlag.

Handkes "sprachlicher Einfallsreichtum"

Peter Handke, der erste deutschsprachige Preisträger seit Herta Müller 2009 den Nobelpreis erhielt, wird ausgezeichnet "für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlichem Einfallsreichtum die Randbereiche und die Besonderheit der menschlichen Erfahrung erforscht" habe.

Handke wirkte nach Angaben des Akademiemitglieds Anders Olsson "sehr, sehr, sehr gerührt" über dessen Anruf. Zunächst habe er gar nichts sagen können. "Dann hat er gefragt, wie ich heiße", erzählte Olsson vor der Presse in Stockholm: "Ich sagte 'Anders Olsson' - 'Anders?', er fragte, ob ich jemand anderes sei."

Der 76-Jährige zählte schon seit Längerem zum Favoritenkreis für die Auszeichnung. Der Kärntner fiel 1966 durch sein Theaterstück "Publikumsbeschimpfung" einem breiten Publikum auf. Zu seinen bekanntesten Prosa-Texten zählen "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1970), "Der kurze Brief zum langen Abschied" (1972) und seine "Versuche" (über die Müdigkeit, die Jukebox und den geglückten Tag, 1989-1991).

"Der Verlag freut sich riesig", teilte der Suhrkamp Verlag mit, bei dem Handkes Werke erscheinen. Er werde im kommenden Jahr ein neues Buch und ein Theaterstück veröffentlichen. Seinen 2017 erschienenen Roman "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere" hatte Handke selbst als "Letztes Epos" bezeichnet.

Vor Handke hatte mit Elfriede Jelinek 2004 eine Österreicherin den Nobelpreis bekommen. "Großartig! Er wäre auf jeden Fall schon vor mir dran gewesen", teilte die Autorin der österreichischen Nachrichtenagentur APA mit. Sie freue sich auch, dass die Auszeichnung an jemanden gehe, "auf den sie in Österreich endlich stolz sein werden".

Kritisiert worden war Peter Handke seit den Neunzigerjahren für seine politischen Positionen im Balkan-Konflikt. Handke stand auf der Seite Serbiens, verurteilte die Nato für ihre Luftschläge und hielt 2006 bei der Beerdigung des jugoslawischen Ex-Diktators Slobodan Milosevic eine Rede.

Beide Preisträger wollen nach Stockholm kommen

Der Skandal um das mittlerweile ausgetretene Akademiemitglied Katarina Frostenson und deren Ehemann Jean-Claude Arnault hatte die Institution in eine tiefe Krise gestürzt, wegen der 2018 letztlich auf eine Nobelpreisvergabe verzichtet wurde. Die Querelen hatten bereits im November 2017 im Zuge der #MeToo-Enthüllungen begonnen, nachdem 18 Frauen in der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung und Übergriffen gegen Arnault vorgebracht hatten. Wegen Vergewaltigung wurde er im Dezember 2018 zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, mittlerweile ist das Urteil rechtskräftig.

Im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Nobelpreisen wird die literarische Auszeichnung meist an einen einzelnen Preisträger verliehen. (Sehen Sie hier alle bisherigen Preisträger im Überblick.) Nur viermal seit der ersten Vergabe 1901 bekamen ihn zwei Literaten gemeinsam, zuletzt im Jahr 1974. Gemäß der Nobelstatuten dürfen ihn maximal zwei Kandidaten für ein Jahr erhalten.

Da aber Olga Tokarczuk den 2018 ausgefallenen Preis nun nachträglich erhält, steht ihr ebenso wie Peter Handke das volle Preisgeld zu. Beide Preisträger wollen laut dem neuen Ständigen Sekretär der Akademie, Mats Malm, zu der Preisverleihung am 10. Dezember nach Stockholm kommen.

feb/dpa

insgesamt 2 Beiträge
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viceman 10.10.2019
1. Glückwunsch an Herrn Handke,
es wurde langsam auch Zeit...viel mehr ist dazu nicht zu sagen.
kaltmamsell 10.10.2019
2. "Doppelte Auszeichnung" ist ein blöder und irreführender Ausdruck
Als würde nicht Handke allein, sondern noch die bei uns - bisher - weitgehend unbekannte Autorin aus Polen mitausgezeichnet. Nein, so ist es nicht. Der polnischen Autorin wurde der Preis für das Jahr 2018 zuerkannt, im nachhinein. Peter Handke erhält die Auszeichnung für das laufende Jahr, also 2019. Die Reihenfolge hätte noch gar nicht mal unbedingt sein müssen. Einem für Handkes Jugendjahre absolut prägenden Schriftsteller, William Faulkner, wurde der Nobelpreis für Literatur auch erst mit Jahresverspätung zum Vorjahr zugesprochen und verliehen.
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