Literaturnobelpreis Amerikaner oder Afrikaner?

Am Donnerstag gibt die Schwedische Akademie den diesjährigen Literaturnobelpreisträger bekannt. Zu den Favoriten zählen wie üblich die Amerikaner Updike, Roth und Pynchon. Aber auch die Afrikaner J.M. Coetzee und Nuruddin Farah haben gute Chancen - wenn nicht der Ungar Imre Kertész gewinnt.


Stockholm - Der 72-jährige Ungar wird tatsächlich am häufigsten genannt, wenn darüber spekuliert wird, wen die Schwedische Nobel-Akademie in diesem Jahr auszeichnen wird. Der gebürtiger Budapester hat über seine Zeit als junger Häftling in Konzentrationslagern der Nazis den "Roman eines Schicksalslosen" geschrieben, den die Kritik einhellig als herausragendes literarische Arbeit über den Holocaust eingestuft hat. "Ich glaube, dass Kertész in diesem Jahr dran ist und den Preis wie schon lange kein anderer verdient hätte", sagte die angesehene schwedische Kulturjournalistin Marie-Louise Samuelsson von "Dagens Forskning" gegenüber der Nachrichtenagentur dpa.

Als "Geheimtipp" war im letzten Jahr überraschend auch wieder der Portugiese Lobo Antunes ("Die natürliche Ordnung der Dinge") in die engere Auswahl gekommen. Der Romancier galt eigentlich als chancenlos, nachdem 1998 sein Landsmann und langjähriger Mitfavorit José Saramago als erster Portugiese den Nobelpreis in Empfang nehmen konnte. Der sehr selbstbewusst auftretende Antunes freute sich öffentlich darüber, dass er nun endlich auch im Oktober in Ruhe schreiben könne, statt endlose Reporteranfragen als "ewiger Nobelfavorit" beantworten zu müssen. In Sicherheit wiegen sollte er sich dennoch nicht, denn die mitunter eigenwilligen Juroren der Akademie könnten Antunes durchaus als so überragend einschätzen, dass dies eine zweite Vergabe nach Portugal innerhalb von fünf Jahren wert wäre.

Dass drei Jahre nach dem Nobelpreis für Günter Grass wieder ein deutscher oder deutschsprachiger Name in die ganz enge Schlussauswahl kommt, glaubt in Stockholm niemand. Zwar taucht hier und da der Name der in Rumänien geborenen Herta Müller in einigen Favoritenlisten auf, aber nur auf den hinteren Rängen. Weitaus gewichtiger fallen Vermutungen über einen US-Schriftsteller als Preisträger aus. Die ewigen Favoriten Philip Roth, der Öffentlichkeits-scheue Thomas Pynchon oder John Updike könnten den Preis als erste seit Toni Morrison (1993) in die Vereinigten Staaten entführen.

Unter den afrikanischen Anwärtern könnte nach Meinung einiger Beobachter die Frage der Hautfarbe eine wichtige Rolle spielen. Der Südafrikaner J.M Coetzee gehört auch schon seit mehreren Jahren zu den immer wieder genannten Namen, wäre aber der zweite "weiße" Afrikaner nach Nadine Gordimer (1991). Da könnte den Juroren der in Kapstadt lebende Somalier Nuruddin Farah als "politisch korrekter" für die Vergabe erscheinen.

Wer auch immer es wird: 10 Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) erwarten den Preisträger oder die Preisträgerin - und wie immer am 10. Dezember ein Händedruck mitsamt dem Nobeldiplom aus der Hand des schwedischen Königs Carl XVI. Gustaf.



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