Literaturnobelpreis Eine Frau, eine Frau!

Am Donnerstag wird der Literaturnobelpreis vergeben. Die Auguren in Stockholm sind sich sicher: Diesmal wird es eine Frau. Beste Chancen haben die Kanadierin Margaret Atwood und die Amerikanerin Joyce Carol Oates.


Autorin Atwood: Anwärterin auf den Nobelpreis
REUTERS

Autorin Atwood: Anwärterin auf den Nobelpreis

Stockholm - In der Gerüchteküche kocht es ganz gewaltig: Am Donnerstag wird der diesjährige Nobelpreis für Literatur vergeben, teilte die Schwedische Akademie wie immer kurzfristig heute mit. Bei den Spezialisten und Experten ist klar: Jurychef Horace Engdahl wird bei der Bekanntgabe des Preisträgers im ehrwürdigen Stockholmer Börsenhaus den Namen einer Frau verlesen. Als chancenreichste Anwärterinnen für den Preis werden vor allem die Kanadierin Margaret Atwood und die US-Autorin Joyce Carol Oates genannt.

Natürlich kann man sich darauf nicht verlassen, und ebenso natürlich tauchen die Atwood und Oates schon seit Jahren immer wieder ganz oben auf der Favoritenliste auf - übrigens ebenso wie deren männliche US-Kollegen John Updike, Philip Roth und Thomas Pynchon.

In der vergangenen Woche wurden jedoch auch Literatinnen auf, die noch nicht oder zumindest noch nicht so oft im Spekulationszirkus gehandelt wurden, die in Algerien geborene und in Frankreich lebende Assia Djebar zum Beispiel, oder die österreichische Lyrikerin Friederike Mayröcker. Immer wieder als Außenseiterin dabei war die lettische Lyrikerin Vizma Belsevica. Geht es aber nach dem nicht selten verwirklichten Prinzip, demzufolge "ewige Anwärter" irgendwann zum Zuge kommen müssen, spräche indessen alles für die britische Schriftstellerin Doris Lessing.

Die schwedischen Preisrichter bemühen sich um größtmögliche Spannung: "Wir sehen absolut nie nach Proporz bei Geschlecht, Herkunft, Genre oder so was, sondern ausschließlich nach literarischer Qualität", sagte Per Wästberg der dpa. Wästberg ist, zusammen mit Horace Engdahl der einflussreichste unter den 18 Juroren in der Schwedischen Akademie. Aber Wästberg gibt auch zu, dass man in Stockholm genauestens das weltweite Presseecho studiert. Folglich kann den Juroren nicht entgangen sein, dass die Forderung der Medien und Kritiker nach einer Frau als Literaturnobelpreisträgerin immer massiver wurden, je mehr Zeit verstrich. Vor acht Jahren wurde die polnische Lyrikerin Wislawa Szymborska als insgesamt neunte Frau mit dem wichtigsten Literaturpreis der Welt geehrt. Die Männerriege ist seit der ersten Vergabe 1901 auf 89 Preisträger angeschwollen.

Sollte diese Zahl am Donnerstag entgegen allen Erwartungen doch auf runde 90 steigen, könnte sich eine geografisch breit gestreute Literatenriege Hoffnungen auf Ruhm und einen Scheck über zehn Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) machen. Neben dem bereits genannten US-Trio Roth, Pynchon und Updike werden vor allem der Peruaner Mario Vargas Llosa, der Libanese Adonis und als weiterer ewiger Geheimfavorit der Portugiese António Lobo Antunes genannt.

Im vergangenen Jahr wurde der südafrikanische Schriftsteller J.M. Coetzee ausgezeichnet, zum bisher letzten deutschen Literaturnobelpreisträger wurde 1999 Günter Grass gekürt.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.