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Literaturnobelpreis 2014: Franzose Patrick Modiano siegt überraschend

Foto: AP/ Gallimard

Nobelpreis für Patrick Modiano Sein Herz ist ein einsamer Jäger

Mit dem Franzosen Patrick Modiano ehrt das Nobelpreiskomitee einen Schriftsteller, der sehnsuchtsvoll auf den Boulevards der Erinnerung wandelt. Eine gute Wahl.

In den Achtzigerjahren zeigte das französische Fernsehen einen schmalen Mann im großkarierten Jackett: "Hier war der Balkon, dort der große rote Vorhang", sagte der mit leiser und eindringlicher Stimme, während er schüchtern gestikulierend durch einen Pariser Supermarkt ging. Um den Mann herum nur Regale: Spülmittel, Shampoo, Haarfärbemittel. Dort, wo nun der Supermarkt war, hatte sich einst ein Kino befunden. Der Schriftsteller Patrick Modiano hatte es, zumindest scheinbar, einmal besucht - vielleicht aber wusste er einfach besonders eindringlich davon zu berichten.

Patrick Modiano, der nun mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist ein Schriftsteller einer sehr eigentümlichen Form der Erinnerung. Einer zumindest halb imaginierten Erinnerung , die er so schildert, als ob sie nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart wäre - und die man künftig, wenn er nun auch international so berühmt werden sollte, wie er in seiner Heimat Frankreich längst ist, eigentlich die Modiano-Erinnerung nennen müsste.

Sein Romandebüt "Place d'Étoile", das Patrick Modiano 1968 veröffentlichte, beginnt während der deutschen Besatzung von Paris, einer Zeit, die der 1945 geborene selbst gar nicht erlebt hat. Doch das, was Modiano in diesem und den meisten anderen seiner mehr als zwanzig folgenden Romane beschrieben hat, wird häufig nicht nur an der Handlungsoberfläche, sondern auch bei der Beschreibung innerer Vorgänge so präzise geschildert, dass französische Literaturwissenschaftler anhand Modianos über das Phänomen einer gar nicht selbst erlebten Erinnerung diskutierten.

Das Schlagwort vom "verlorenen Paradies der Kindheit", das auch auf Modianos Werk schnell angewendet wurde, lässt sich gerade in Frankreich nicht aussprechen, ohne dass der Name Proust im Raum steht. Doch auch, wenn sich durch Modianos Romane - wie bei Proust - eine ästhetisierte und ebenso ambivalente Sehnsucht nach dem Vergangenen zieht, kann man die beiden Schriftsteller kaum vergleichen: Modianos Sprache ist klar, leichtfüßig und doch von zurückhaltendem Ernst. Seine Romane sind schmal und haben nichts von der schwülen Belle-Epoque-Atmosphäre, die sein großer Vorgänger bei seiner "Suche nach der verlorenen Zeit" beschrieb.

Auch war Modianos eigene Kindheit alles andere als ein Paradies: Das Gefühl der Zurückweisung durch die Eltern, der frühe Tod des Bruders sind die Erlebnisse, die ihn geprägt haben - und auch den wehmütigen Ton seiner Bücher.

Doch weil es in Modianos Werken fast immer um menschliche Beziehungen geht, weil sie emotional aufgeladene Titel wie "Aus tiefstem Vergessen" tragen oder sogar frivol anmutende wie "Die kleine Bijou", weil seine Handlungsorte die typisch pariserischen Boulevards, Cafés oder gar Bahnhöfe sind, und weil sie zumindest im deutschsprachigen Raum zudem fast immer mit jenen geschmackvollen Schwarz-Weiß-Fotos auf dem Umschlag verkauft werden, deretwegen die klassische französische Fotografie der Vorkriegszeit berühmt ist, neigte die Literaturkritik lange Jahre dazu, Modiano als eher leichtgewichtigen Autor abzutun.

Dabei ist der Schriftsteller, der im 6. Pariser Arrondissement in einer Altbauwohnung mit hohen, bis zu den Decken vollgeladenen Bücherregalen wohnt, gar kein simpler Nostalgiker - sondern ein Individualist, der nicht die laute, politische Parole, sondern die leise, selbstreflexive Aussage bevorzugt und in seinen Werken das psychologisch genau gezeichnete Individuum vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte zeigt. Schon zu Zeiten seines Debüts 1968 merkte er an, dass er nicht Marx lese, wie damals Mode, sondern die Romane von F. Scott Fitzgerald und Carson McCullers, US-amerikanische Schriftsteller der Dreißiger- beziehungsweise Vierzigerjahre.

Allein durch die Straßen

"Das Herz ist ein einsamer Jäger" - so der viel zitierte Titel von McCullers berühmtestem Roman, würde sich auch als Umschreibung von Modianos Werk anbieten. "Ich war nur dann wirklich ich, wenn ich allein durch die Straßen lief", schrieb er selbst in einem autobiografischen Buch mit dem Titel "Ein Stammbaum".

Dass die Stockholmer Jury nun ihn mit dem Literaturnobelpreis auszeichnet, ist eine große Überraschung. Anders als es in den vergangenen Jahren mitunter den Anschein hatte (so bei der Entscheidung für den Chinesen Mo Yan im Jahr 2012), hat sich die Jury diesmal offenbar nicht von politischen oder gar paritätischen Kriterien leiten lassen, sondern allein von literarischen.

Anhand der Listen von Wettanbietern diskutierten dieses Jahr selbst die Literaturkritiker auf der Frankfurter Buchmesse über die aussichtsreichsten Kandidaten für den Nobelpreis. Eine kuriose Situation, die dazu geführt hatte, dass diesmal der Kenianer Ngugi wa Thiong'o, der Syrer Adonis und die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch als Preisfavoriten galten. Die Entscheidung wäre in allen drei Fällen eine politische gewesen - trotz aller ganz unterschiedlichen Qualitäten dieser Autoren.

Die Entscheidung für Patrick Modiano ist nun eine Entscheidung für das Lebenswerk eines Schriftstellers. Und sollte es bei der Vergabe des Literaturnobelpreis nicht vor allem darum gehen?