Literaturnobelpreisträger Peter Handke wischt kritische Fragen weg

Ein anonymer Brief auf Toilettenpapier sei ihm lieber als Fragen der "New York Times": Zum Auftakt der Nobelpreiswoche zeigt sich Peter Handke gereizt. Eine Versöhnungsgeste scheint derzeit unmöglich.
Geburtstagskind Handke: "Ich hasse Meinungen"

Geburtstagskind Handke: "Ich hasse Meinungen"

Foto: TT NEWS AGENCY/ via REUTERS

Das erste Wort hatte Olga Tokarczuk, die Nobelpreisträgerin, die seit der Doppelverkündung der Literaturauszeichnungen im Oktober meistens im Schatten von Peter Handke und der Diskussionen um seine Jugoslawien-Äußerungen stand. Am Freitagmittag nun eröffnete Anders Olsson, der Vorsitzende des Nobelpreiskomitees, die Pressekonferenz der Preisträger im Börsenhaus in der Stockholmer Innenstadt mit freundlichen Worten für die polnische Autorin.

Tokarczuk sagte, sie freue sich, 110 Jahre nach Selma Lagerlöf die 15. Frau zu sein, die die Auszeichnung erhalten werde. Sie sei davon überzeugt, "dass ich den Preis nicht bekomme, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich gute Bücher schreibe", sagte die Preisträgerin des Jahres 2018. Sie gehe fest davon aus, dass es in Zukunft mehr Preisträgerinnen geben werde.

Olga Tokarczuk antwortet auf die Fragen der Presse

Olga Tokarczuk antwortet auf die Fragen der Presse

Foto: Anders Wiklund/ EPA-EFE/ REX

Bei der Recherche zu ihrem Werk "Die Jakobsbücher" sei ihr bewusst geworden, dass Frauen in der Geschichtsschreibung zu wenig beachtet würden, sagte Tokarczuk. Dies gelte etwa für die Frauen, die in der Solidaritätsbewegung in Polen aktiv gewesen seien. "Das passiert nicht, weil sie sich nicht beteiligt haben oder nicht aktiv waren, sondern weil das nicht dokumentiert wurde. Diese Nicht-Dokumentation geht bis heute weiter", sagte die Preisträgerin.

Ihre Auszeichnung widme sie dem Kampf gegen autoritäre Entwicklungen. "Meine spontane Reaktion ist gewesen, diesen Preis der politischen Bewegung in Polen zu widmen", sagte sie. "Wir sind eine gespaltene Gesellschaft", sagte sie über ihr Heimatland.

"Eine Art Kalligrafie von Scheiße"

Nach einer kurzen Pause betrat dann Peter Handke den Saal, Olsson gratulierte ihm zum 77. Geburtstag. Doch in Feierstimmung präsentierte sich der österreichische Autor nicht - die Fragen waren auch nicht dazu angetan. Mehrfach wurde Handke auf seine Äußerungen zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien angesprochen, die scharfe Proteste gegen die Entscheidung der Schwedischen Akademie für Handke  als Preisträger ausgelöst hatten.

Ob er seine Meinung zu dem Thema inzwischen geändert habe, wurde Handke gefragt. Seine Antwort war Kennern von Handke-Interviews wohlvertraut: "Ich hasse Meinungen. Ich mag Literatur, keine Meinungen." Auf die konkretere Nachfrage eines Vertreters des US-Onlinemagazins "Intercept", ob er inzwischen anerkenne, dass es unter den bosnischen Muslimen zu Völkermord gekommen sei, gab Handke eine scharfe und doch ausweichende Antwort.

Der Nobelpreisträger zog einen Brief hervor, den er erhalten habe - mit der Anrede "Dear Peter", obwohl er den Absender nicht kenne. Handke las einige der offenbar zahlreichen journalistischen Fragen vor, die in dem Brief gestellt wurden. Eine lautete: "Wenn Sie morgen sterben sollten, würde in den Nachrufen im zweiten Absatz die Jugoslawien-Kontroverse erwähnt. Glauben Sie, dass Ihre Äußerungen je vergessen werden und Sie einfach als Autor wahrgenommen werden können?" Die Fragen hatte nach Handkes Aussage ein Kulturreporter der "New York Times" gestellt.

Handke berichtete, er habe seit der Verkündung der Nobelpreise zahlreiche dankbare Briefe von Lesern erhalten, aber auch ein anonymes Schreiben auf Toilettenpapier "mit einer Art Kalligrafie von Scheiße. Und ich sage Ihnen: Ich ziehe Toilettenpapier, anonyme Briefe mit Toilettenpapier im Inneren, Ihren leeren Fragen vor."

Zur Nobelpreisvergabe am Dienstag sind Proteste gegen Handke in Stockholm geplant. Auf eine mögliche Versöhnungsgeste angesprochen, sagte Handke, er habe einen Freund in Bosnien gefragt, was er tun solle. Dieser Freund habe ihm gesagt, er glaube nicht daran, dass im Moment ein Dialog möglich sei.

Er habe bereits bei der Vergabe des Ibsen-Preises in Oslo 2014 versucht, mit Demonstranten zu sprechen. "Es gab eine Menge 'Faschist, Faschist'-Rufe. Ich bin angehalten, wollte mit diesen Damen und Herren sprechen. Aber sie wollten nicht." Wenn jemand einen Rat habe, wie er den jetzigen Protesten begegnen solle, nehme er diesen gern an.

Englund: Handke zu feiern "wäre grobe Heuchelei"

Die Doppelverleihung der Literaturnobelpreise für 2018 und 2019 war nötig geworden, nachdem die vergebende Schwedische Akademie durch Missbrauchsvorwürfe gegen den Ehemann eines Akademiemitglieds in große Unruhe gestürzt wurde. Die Entscheidung für Handke hat nicht zur Entspannung in den Gremien beigetragen: Zwei externe Mitglieder des Nobelpreiskomitees hatten Anfang der Woche ihren Abschied erklärt, die Schriftstellerin Gun-Britt Sundström ausdrücklich unter Verweis auf die Handke-Wahl.

Am Freitag nun verkündete das Akademiemitglied Peter Englund, er werde den Nobelpreis-Feierlichkeiten fernbleiben: "Peter Handkes Nobelpreis zu feiern, wäre von meiner Seite grobe Heuchlerei. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe", teilte Englund der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" in einer E-Mail mit.

feb/dpa